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Kampf an der Mauer

Frauen sollen nicht laut beten und singen, finden Ultraorthodoxe – so eskaliert wieder einmal die Lage an der Klagemauer

Die Women of the Wall kämpfen seit 30 Jahren um Gleichberechtigung an der Klagemauer, dem heiligsten Ort für Juden. Bis heute kämpfen die Strengreligiösen dagegen – aggressiv und manchmal mit Gewalt. Am Jubiläumstag kam es, wie so oft schon, zu Zwischenfällen.

Von Benjamin Hammer
Am 14.03.2019

Vergangenen Freitag versammelten sie sich wieder an der Klagemauer in Jerusalem: Frauen mit Kippot, der jüdischen Kopfbedeckungen, Frauen mit Gebetsschals, Frauen, die eine Thorarolle in die Höhe halten und beten. Für die Jüdinnen von „Women of the Wall“ war es ein Feiertag: das 30. Jubiläum ihrer Organisation. So lange fordern sie bereits, dass Frauen an der Klagemauer mit den gleichen Rechten und Symbolen beten dürfen wie Männer. Tausenden ultraorthodoxen Juden – darunter Männer und Frauen – war nicht zum Feiern zu Mute. Sie waren gekommen, um die „Women of the Wall“ zu stören. Viele der streng religiösen Juden schrien, manche spuckten. Aus Sicht der meisten ultraorthodoxen Juden ist es eine Provokation, wenn Frauen Gebetsschals tragen und singen. Diese Dinge sind den Männern vorbehalten, so sehen es auch die für die Klagemauer zuständigen Rabbiner. Die Israelin Anat Hoffman, Vorsitzende von „Women of the Wall“,  will diese Sichtweise nicht akzeptieren.

Die Klagemauer ist das Zentrum des Judentums in Israel. Es ist aber auch ein Zentrum von religiöser Nötigung geworden. Wir setzen uns für Frauen ein. Wir beten und lesen aus der Thora. Was wir machen, ist genauso revolutionär wie ein Mädchen in Afghanistan, das sich gegen die Taliban wehrt, weil es zur Schule gehen will. Oder wie Rosa Parks, die sich 1955 als Schwarze weigerte, ihren Sitzplatz in einem Bus in Alabama zu räumen.

— Anat Hoffman, Vorsitzende von „Women of the Wall“ 

Aussagen wie diese dürften bei den ultraorthodoxen Rabbinern in Israel ebenfalls als Provokation aufgefasst werden. Der Streit um Frauenrechte an der Klagemauer wird seit Jahren erbittert ausgetragen. Der Rabbiner Dror Arieh ist einer der Anführer der ultraorthodoxen Hazon-Bewegung, die zu den Protesten gegen die „Women of the Wall“ aufgerufen hatte.

Die Klagemauer ist das Herzstück des jüdischen Volkes. Über zehn Millionen Juden kommen jedes Jahr an diesen Ort, um nach den Bräuchen zu beten, die hier üblich sind. Es ist offensichtlich, dass diese Frauen nicht hierhin kommen, um zu beten. Sie wollen provozieren. Und sie versuchen, das Reformjudentum zu legitimieren.

— Dror Arieh, Anführer der ultraorthodoxen Hazon-Bewegung

Reformgemeinden werden von den obersten Rabbinern Israels nicht anerkannt. In diesen Gemeinden gibt es Rabbinerinnen, Frauen singen in den Synagogen. In ultraorthodoxen Gemeinden wäre so etwas undenkbar. Der Streit an der Klagemauer hat längst eine politische Komponente bekommen. In den USA leben viele Mitglieder des Reformjudentums. Sie werfen der israelischen Regierung vor, gegenüber den strengreligiösen Rabbinern einzuknicken. So sieht es auch Anat Hoffman von „Women of the Wall“, die sich sorgt, dass ihre Interpretation des Judentums in Israel immer weniger akzeptiert wird. Ein Konflikt zwischen Männern und Frauen sei das übrigens nicht, sagt Hoffman.

Es gibt so viele Männer, die zu uns kommen, um uns zu unterstützen. Das ist kein Streit zwischen Männern und Frauen. Das ist ein Konflikt zwischen jenen, die glauben, dass die Werte des jüdischen Staates chauvinistisch und rassistisch sind.  Und jenen, die an Gleichberechtigung, Toleranz und religiöse Vielfalt glauben.

— Anat Hoffman, Vorsitzende von „Women of the Wall“ 

Ihre Gebete am Freitagmorgen mussten die Women of the Wall abbrechen. Die Lage drohte, zu eskalieren. Für Anat Hoffmann steht trotzdem fest: In wenigen Wochen kehrt sie an die Klagemauer zurück.

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