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Kafka-Nachlässe zurück in Israel

Nach einem langen Rechtsstreit erhielt die israelische Nationalbibliothek nun Teile von Kafkas Werken und Zeichnungen

Die Erben des Kafkas-Freundes Max Brod bewahrten die Werke jahrelang im Safe einer Schweizer Bank auf. Doch die israelische Nationalbibliothek erhob Anspruch. Nun präsentierte sie in Jerusalem unter anderem ein bislang unveröffentlichtes Skizzenbuch. Demnächst soll der Nachlass auch online zur Verfügung stehen. 

Von Tim Assmann
Am 09.08.2019

Stefan Litt war dabei, als sich Mitte Juli Bankschließfächer in Zürich öffneten. Es war ein Moment, auf den der Archivar der israelischen Nationalbibliothek Jahre gewartet hatte.

Man sieht diese Safes, große Aluminiumboxen, die da rausgezogen werden. Sie waren verplombt, weil sie 2010 gerichtlich eingesehen wurden. Eine Rechtsanwältin der Bank hat sie dann mit einer Schere geöffnet. Wenn man den Deckel öffnet und sieht endlich das, wovon man lange wusste, was man aber nie zu Gesicht bekommen konnte, ist das schon ein sehr bewegender Moment.

— Stefan Litt, Archivar der israelischen Nationalbibliothek
Archivar Stefan Litt wartete Jahre auf den Nachlass. Foto: BR | Tim Assmann

Mehr als elf Jahre juristisches Ringen um den Nachlass von Max Brod – Schriftsteller, Kafka-Freund und Verleger – gingen in diesem Moment in dem Schließfachraum zu Ende. Von dort hat Stefan Litt 60 Mappen mit Dokumenten mit nach Israel gebracht: Rund 90 Prozent des Nachlasses ist direkt Max Brod zuzuordnen, weniger als zehn Prozent sind Handschriften und Zeichnungen von Kafka. Bisher unveröffentlicht ist ein Skizzenbuch mit Zeichnungen.

Figuren, menschliche Figuren vor allem, die manchmal in fröhlichen Situationen sind, manchmal in leicht depressiven Situationen. Das sind die bekannten Bilder, die wir von Kafka schon kennen. Die sind da ganz ähnlich.

— Stefan Litt, Archivar der israelischen Nationalbibliothek
Diese Zeichnungen von Franz Kafka waren bislang noch nirgends zu sehen. Foto: BR | Tim Assmann

Stefan Litt erhofft sich von den Zeichnungen neue Erkenntnisse über den Menschen Franz Kafka. Mit im Nachlass von Max Brod waren auch drei unterschiedliche Manuskriptfassungen von Kafkas Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“. Die mit A,B,C gekennzeichneten Fassungen erlauben Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des Schriftstellers, zeigen, wie er den Text immer weiter runter kürzte. Unter den Dokumenten sind auch Hebräisch-Übungen Kafkas, der in Prag Unterricht nahm.

Es gibt Vokabelhefte, wo er wirklich seitenweise einfach Wörter nieder schreibt, um sie zu lernen. Die Neuigkeit für uns ist, dass es auch Hefte gab, wo er tatsächlich zusammenhängende Sätze in Folge schreibt und sogar in der Lage ist, einen kleinen Narrativ zu Papier zu bringen.

— Stefan Litt, Archivar der israelischen Nationalbibliothek
Franz Kafka hat in Prag Hebräisch gelernt und Vokabeln in dieses Heft geschrieben. Foto: BR | Tim Assmann

Nach dem Tuberkulose-Tod Kafkas 1924, ging sein Nachlass an den Freund Max Brod, der die Unterlagen nicht vernichtete, wie Kafka es verlangt hatte, sondern sie aufbewahrte und die Werke schließlich veröffentlichte. 1939 wanderte Brod ins spätere Israel aus, den Kafka-Nachlass nahm er mit. Max Brod starb 1968 und seine ehemalige Sekretärin und Lebensgefährtin Esther Hoffe verkaufte einen Teil der Kafka-Texte, unter anderem das Manuskript des Welterfolges „Der Prozess“. Den Rest des Max-Brod-Nachlasses verwahrte sie in Safes in der Schweiz und in Israel sowie ihrer Privatwohnung in Tel Aviv. Die israelische Nationalbibliothek erhob Anspruch auf den Nachlass. Max Brod habe gewollt, dass die Dokumente einmal der Bibliothek gehören sollten, sagte deren vorsitzender Direktor, David Blumberg nun anlässlich der Präsentation in Jerusalem.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Nachlass, bevor er in den Besitz der Nationalbibliothek überging, fünfzig Jahre lang in Israel lagerte, durch Brod in Tel Aviv. Wir haben also nicht etwas von irgendwoher nach Israel gebracht. Max Brod sah diese Texte als Teil des, wenn Sie so wollen, jüdischen Beitrags zur Weltkultur. Wir sind stolz, dass dies unser Platz im Rad der Geschichte ist.

— David Blumberg, vorsitzender Direktor der Nationalbibliothek

Die Nachfahren von Esther Hoffe erkannten den Anspruch nicht an und verloren den folgenden Rechtsstreit schließlich 2016. Israels Oberstes Gericht sprach die Dokumente der Nationalbibliothek zu. Auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hatte sich Hoffnungen gemacht. Nach dem Urteil dauerte es noch rund drei Jahre bis zur Schließfachöffnung in Zürich. Zu dem nun präsentierten Gesamt-Nachlass von Max Brod gehören auch noch Dokumente, die in Israel lagerten, sowie mehrere tausend Seiten, die gestohlen wurden und in Deutschland wieder auftauchten. Das Bundeskriminalamt übergab diese Funde vor einigen Monaten dem Staat Israel. Nun sichtet Archivar Stefan Litt in Jerusalem den Nachlass.

Man merkt, dass man gerade Teil der Geschichte ist und ein großer Prozess in mehrfacher Hinsicht zu Ende gegangen ist und wir sind natürlich überaus glücklich und sehr befriedigt, dass die Sachen letztendlich wieder vereint sind.

— Stefan Litt, Archivar der israelischen Nationalbibliothek

Den Kafka-Teil des Nachlasses will die israelische Nationalbibliothek nun möglichst schnell digitalisieren und, so die Hoffnung, noch vor dem Ende des Jahres online stellen.