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Jung, unfrei, frustriert

In den Palästinensergebieten stehen Wahlen an – die junge Generation macht sich wenig Hoffnung auf Wandel

Für viele Palästinenser könnten es die ersten Wahlen in ihrem Leben überhaupt werden. Doch viele von ihnen glauben, dass die Wahlen vor allem der alten Eliten nützen. Die Wahlbeteiligung dürfte Beobachtern zufolge gering werden.

Von Benjamin Hammer
Am 16.02.2021

Anfang des Monats trafen sich Vertreter der palästinensischen Bewegungen Fatah und Hamas in Kairo, um über die Organisation der anstehenden Wahlen zu verhandeln. Seit über 15 Jahren hat es in den palästinensischen Gebieten keine Wahlen mehr gegeben. In diesem Jahr soll es endlich wieder soweit sein. Doch die Bilder aus Kairo sorgten bei jungen Palästinenserinnen und Palästinensern nicht gerade für Begeisterung. Nein, sie habe keine Hoffnung, dass sich durch Wahlen etwas an ihrer Lage ändern werde, sagt eine 18-jährige Palästinenserin in Ramallah. Am Ende ihrer Gespräche in Kairo zeigten sich die Vertreter der rivalisierenden palästinensischen Bewegungen gemeinsam auf einer Bühne. Eine Sache fiel auf: Da waren nur Männer zu sehen. Alte Männer. Der palästinensische Präsident Machmud Abbas ist bereits 85 Jahre alt. Doch nach dem Willen seiner Fatah-Partei soll er erneut kandidieren. Und wird vielleicht der einzige Kandidat.

Er sollte nicht noch mal antreten. Abbas hilft uns einfach nicht. Unser Land sollte endlich die jungen Menschen ranlassen. Wir haben einfach andere Vorstellungen vom Leben. Und es ist unfair, dass Abbas nun erneut Präsident werden soll. Seit meiner Geburt ist da immer nur Machmud Abbas.

— Junge Palästinenserin in Ramallah
Im Gazastreifen hat die Wählerregistrierung begonnen. Foto: dpa | picture alliance

Die junge Frau studiert. Nach ihrem Abschluss wird sie vor der Herausforderung stehen, einen Job zu finden. Die Arbeitslosenquote bei jungen Palästinensern liegt im Schnitt bei über 30 Prozent. Im Gazastreifen ist die Lage noch deutlich angespannter als im Westjordanland. Der Frust ist groß, das Misstrauen auch. Die meisten jungen Palästinenser glaubten nicht daran, dass es bald tatsächlich zu den ersten Wahlen nach über 15 Jahren kommt. So schätzt es der Politikwissenschaftler Khalil Shikaki ein. Er führt regelmäßig Meinungsumfragen durch.

 

 

Unsere Umfragen zeigen immer wieder, dass die Jugend besonders unzufrieden ist, in Bezug auf praktisch alle Bereiche der Politik. Zum Beispiel bei den Themen Meinungsfreiheit oder Korruption. Das liegt auch daran, dass junge Menschen den Vorstellungen einer freiheitlichen Demokratie am nächsten stehen. Entsprechend ist für sie die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit am größten.

— Khalil Shikaki, Politikwissenschaftler
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas: Zwischen ihm und der Generation junger Palästinenser herrscht eine große Kluft. Foto: dpa | picture alliance

Das Leben junger Palästinenserinnen und Palästinenser ist in mehrfacher Hinsicht unfrei. Im Westjordanland regiert die Fatah-Partei, im Gazastreifen die Hamas. Beide dulden wenig bis keinen Widerspruch. Das Westjordanland ist von Israel besetzt. Der Gazastreifen durch Israel weitgehend abgeriegelt. Die mehrfache Unfreiheit – durch Israel und die eigene Führung – führe bei jungen Palästinensern zu einer Art politischer Lähmung, meint der Wissenschaftler Shikaki. Weil sie nicht sicher seien, gegen wen sie ihren Unmut richten sollen. Für die palästinensische Analystin Inès Abdel Razek, 32 Jahre alt, ist die Autonomiebehörde von Präsident Abbas nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Die Autonomiebehörde ist gefangen im Paradigma der Oslo-Verträge. Das waren temporäre Abkommen, die 27 Jahre zurückliegen. Israel hat das Oslo-Regime genutzt, um die Besatzung und die De-facto-Annexion zu etablieren. Die Oslo-Abkommen sind für Israel sehr nützlich. Und die Palästinensische Autonomiebehörde braucht sie, um existieren zu können.

— Inès Abdel Razek, Analystin
Das Büro des Zentralen Wahlkomitees im Gazastreifen. Foto: dpa | picture alliance

Die Analystin fordert Wahlen für alle Palästinenser auf der Welt – und zwar unter dem Schirm der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Für die meisten jungen Palästinenserinnen und Palästinenser – auch für jene bis Mitte 30 – könnte es in diesem Jahr zu den ersten Wahlen ihres Lebens kommen. Der Meinungsforscher Khalil Shikaki rechnet dennoch, dass die Wahlbeteiligung in der jungen Generation sehr niedrig sein wird.

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6 thoughts on “Jung, unfrei, frustriert”

    Florian, Sonntag, 21.02.21, 8:07 Uhr

    Martina, natürlich haben Sie es satt, wenn sich jemand nicht propalästinensisch äußert. Wenn jemand auf Ungereimtheiten in den Beiträgen des Studios hinweist. Wenn jemand das bringt, worüber hier nich ...

    Martina, natürlich haben Sie es satt, wenn sich jemand nicht propalästinensisch äußert. Wenn jemand auf Ungereimtheiten in den Beiträgen des Studios hinweist. Wenn jemand das bringt, worüber hier nichts zu lesen ist.

    Zu den Wahlen: Waren schon oft angekündigt und wurden dann doch abgesagt. Im Westjordanland und Gaza gibt es keine Presse- und Meinungsfreiheit. Das sind freie Wahlen? Dafür willkürliche Verhaftungen von Kritikern.

    Besonders beliebt: Israel ist an allem schuld. Das hätten Sie gerne. Wenn nicht, dann haben Sie es satt.

    Lotte, Samstag, 20.02.21, 14:17 Uhr

    Martina, sowohl die PLO/Fatah/ PA im Westjordanland als auch die Hamas in Gaza sind bekanntermaßen hochkorrupt über sehr lange Zeit. Mindestens die Hamas (und Islamischer Jihad) bekanntermaßen, ganz o ...

    Martina,
    sowohl die PLO/Fatah/ PA im Westjordanland als auch die Hamas in Gaza sind bekanntermaßen hochkorrupt über sehr lange Zeit.
    Mindestens die Hamas (und Islamischer Jihad) bekanntermaßen, ganz offen und programmatisch antiisraelisch, antijüdisch, antisemitisch.
    In einem stimme ich Ihnen zu: den qualitativen Verlust sowohl inhaltlich als auch im Umgangston in diesem Blog. „Ich glaube Euch allen eh nix!“
    Da war für mich Schluss.
    Vielleicht denken Sie mal darüber nach. Alles Gute.

    martina, Samstag, 20.02.21, 1:34 Uhr

    leute, was wird das hier in den kommentaren? eigentlich ging es um anstehende wahlen. ob sie wohl frei sind sein können und gewollt sind. die frage, was hier nicht erwähnt wird: anhand der wenigen zei ...

    leute, was wird das hier in den kommentaren?

    eigentlich ging es um anstehende wahlen. ob sie wohl frei sind sein können und gewollt sind.

    die frage, was hier nicht erwähnt wird: anhand der wenigen zeilen des artikels finde ich das unverschämt. und das argument kommt immer und immer wieder. im grunde ist das der versteckte vorwurf von antisemitismus.

    die frage wo impfstoff versackt ist, wird auch in deutschland gestellt. auch hier der versteckte vorwurf von antisemitismus über mehrere ecken.

    seit doch einfach froh, wieviele israelis geimpft sind.
    aber nein, wenn erzählt wird, was israel gezahlt hat, wird auch gemeckert. hier in deutschland wäre man froh, man hätte gezahlt. stattdessen wurde mehr oder weniger versteckt antisemitismus vorgeworfen.

    lotte und florian: ich hab solche kommentare so satt. mehr als satt. immer und immer wieder wird versucht, das der blog mehr oder minder indirekt antisemitisch argumentiert. oder noch einfacher ausgedrückt: antiisraelisch argumentiert.

    Florian, Mittwoch, 17.02.21, 10:31 Uhr

    Anscheinend wird jetzt auch das Pflegepersonal geimpft, nicht mehr nur Funktionäre der PA. Wundert mich, dass das Studio diese Meldung noch nicht bringt. Sonst ist ja alles willkommen, was zum Lob der ...

    Anscheinend wird jetzt auch das Pflegepersonal geimpft, nicht mehr nur Funktionäre der PA.

    Wundert mich, dass das Studio diese Meldung noch nicht bringt. Sonst ist ja alles willkommen, was zum Lob der PA und Fatah gereicht. Oder ist für die Verteilung des Impfstoffs im Westjordanland und in Gaza auch Israel verantwortlich? Wofür nicht?

    Lotte, Dienstag, 16.02.21, 21:11 Uhr

    Frage an die Redaktion: Stimmt es, dass der endlich und spärlich gelieferte Impfstoff/Gaza bei den Hamas-Funktionären "versackt" ist?

    Frage an die Redaktion:
    Stimmt es, dass der endlich und spärlich gelieferte Impfstoff/Gaza bei den Hamas-Funktionären „versackt“ ist?

    Florian, Dienstag, 16.02.21, 8:33 Uhr

    Es ist bemerkenswert, was hier alles nicht erwähnt wird: Die Hamas wird nach einem Wahlsieg Israel nicht anerkennen. Erziehung zum Hass auf Juden, auch in Schulen, durch PA und UNRWA. Gefängnisstrafe ...

    Es ist bemerkenswert, was hier alles nicht erwähnt wird:
    Die Hamas wird nach einem Wahlsieg Israel nicht anerkennen.
    Erziehung zum Hass auf Juden, auch in Schulen, durch PA und UNRWA.
    Gefängnisstrafe von 5 Jahren für Palästinenser, weil er mit illegalen Produkten von Israelis handelte.
    Gefängnis für Palästinenser, weil er ein Grundstück an einen Juden verkaufte. Hier droht die Todesstrafe.
    Hamas will riesige Moschee im Gazastreifen bauen.
    Islamgelehrte und Politiker in Gaza und Westbank machen Juden für Corona und Misswirtschaft verantwortlich.
    Im Gazastreifen werden vom Iran gelieferte Waffen gehortet.
    Aber große Armut der Menschen.

    Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

    Solche Zusammenhänge sind aber unerwünscht. Israel kann nicht angeklagt werden.