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Ist das schon die zweite Welle?

Israel kam zunächst gut durch die Pandemie – jetzt aber sollen die Krankenhäuser ihre Corona-Stationen wieder öffnen

Israel war eines der ersten Länder, die ihre Grenze dichtgemacht haben – und eines der ersten, die die Corona-Beschränkungen wieder gelockert haben. Doch auch die Regeln, die heute noch gelten, werden mittlerweile oft nicht mehr eingehalten – und das könnte Folgen haben. 

Von Benjamin Hammer
Am 23.06.2020

Der Polizist, der hier im Norden Tel Aviv gerade auf Streife ist, läuft auf zwei Frauen zu, die gerade draußen rauchen. „Guten Morgen. Wie geht es euch? “, fragt er, und: „Wo sind eure Masken?“ In öffentlichen Bereichen gilt in Israel auch draußen eine Maskenpflicht. Viele Bürgerinnen und Bürger halten sich aber nicht daran. Und selbst der Polizist, das zeigen die Aufnahmen im israelischen Fernsehen, trägt seine Maske nur über dem Mund – nicht über der Nase. Leichtsinn? Oder ist Israel in Sachen Corona tatsächlich schon aus dem Gröbsten raus? Zumindest schien es zunächst so. Vor wenigen Wochen, Ende Mai, wandte Benjamin Netanjahu per Internet-Video an die Israelis. Der israelische Premierminister lächelte. Israel war bis zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Laut Expertinnen und Experten lag das unter anderem daran, dass Israel zu einem frühen Zeitpunkt Einreisen beschränkte. Netanjahu verwies damals auf angebliche Studien, wonach Israel in Corona-Zeiten das sicherste Land der Welt sei. Und so verkündete der Premier Ende Mai, dass Restaurants, Bars und andere Einrichtungen wieder öffnen dürften.

In erster Linie wollen wir damit der Wirtschaft helfen. Wir wollen es aber auch Euch ermöglichen, den Kopf freizukriegen. So gut es geht zur Routine zurückzukehren. Einen Kaffee und ein Bier zu trinken. Daher: Habt Spaß! Ich hoffe, dass wir die Erleichterungen nicht wieder zurücknehmen müssen.

— Premier Benjamin Netanjahu
Premier Netanjahu in der Knesset - mit Maske. Foto: dpa | picture alliance

Viele Israelis, die wochenlang weitgehend zu Hause bleiben mussten, hatten Spaß. Genossen – wie in anderen Ländern – die vermeintlichen alten neuen Freiheiten. Die gab es auch im Bildungsbereich. Israel öffnete Anfang Mai Schulen und Kindergärten, später sogar in vollen Klassenstärken. Hier trat die erste Häufung von neuen, nachgewiesenen Corona-Infektionen auf. Aktuell befinden sich über 20.000 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in Quarantäne. Mittlerweile steigen die Infektionszahlen im ganzen Land. Wurden Mitte Mai weniger als 20 neue Infektionen an einem Tag nachgewiesen, sind es nun etwa 300. Für ein Land mit einem Zehntel der Bevölkerung Deutschlands ist das viel. Netanjahu klingt in diesen Tagen weniger entspannt.

Wenn wir nicht sofort unser Verhalten ändern in Bezug auf Masken und Abstand, werden wir, ob wir wollen oder nicht, eine Rückkehr des Shutdowns erleben.

— Premier Benjamin Netanjahu
Auch manche Mitarbeiter auf den Bahnsteigen halten sich nicht an die Maskenpflicht. Foto: dpa | picture alliance

Allerdings hatte Netanjahu noch vor wenigen Tagen Lockerungen zugestimmt. Passagierzüge dürfen in Israel wieder fahren. Hochzeiten mit bis zu 250 Gästen sind möglich. Am Wochenende warnte der israelische Militärgeheimdienst, dass sich die Situation rasch weiter verschlechtern könne. Laut einer hochrangigen Vertreterin des Gesundheitsministeriums ist eine zweite Corona-Welle längst da. Auch der israelische Epidemiologe Hagai Levine gab sich gegenüber der Nachrichtenseite Ynet besorgt.

Die Bedrohung ist real. Wir müssen daher sofortige Schritte einleiten. Mich persönlich überrascht es, dass alle möglichen Aktivitäten gestattet sind, wie zum Beispiel Massenveranstaltungen, bei denen die Ansteckungsgefahr hoch ist.

— Hagai Levine, Epidemiologe
Die Regierung hat die Krankenhäuser aufgefordert, die Corona-Stationen wieder zu öffnen. Foto: dpa | picture alliance

Israels Armee spielt auch im Kampf gegen das Virus eine wichtige Rolle. Das Verteidigungsministerium warnte vor bis zu 125.000 Infizierten. Auch das ist im kleinen Israel ein sehr hoher Wert. Zwar ist die Zahl der schweren Verläufe bisher nur leicht gestiegen. Die Regierung rief die Krankenhäuser des Landes dennoch auf, sich auf eine Wiedereröffnung der Corona-Stationen vorzubereiten.

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