Foto: BR | Ahmed Younis

Isoliert wie selten

Seit Ausbruch der Corona-Krise hat Israel die Ein- und Ausreisen aus dem Gazastreifen noch weiter beschränkt

15.000 Palästinenser konnten im vergangenen Jahr Gaza in Richtung Israel verlassen - in diesem Jahr waren es bislang gerade mal 500. Menschen wie den Gärtner Imaad Hamdan trifft das besonders hart. 

Von Benjamin Hammer
Am 14.11.2020

„Es ist nichts los. Einfach langweilig, leer, es fahren mal ab und zu Eselskarren“, sagt Ahmed Younis, unser Mitarbeiter im Gazastreifen. Er besucht den Grenzübergang Arba Arba der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert. Hier reisen wir normalerweise ein. Aber die Grenze ist in diesen Tagen fast menschenleer. Und auch wir Korrespondentinnen und Korrespondenten können den Gazastreifen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht betreten.

Ich fahre jetzt zur palästinensischen Seite. Es ist öde, niemand ist auf der Straße. Keine Autos. Ich bin ganz alleine. Unheimlich. Ruhig.

— Ahmed Younis, ARD-Mitarbeiter in Gaza
Gerade mal 500 Palästinenser konnten den Gazastreifen dieses Jahr in Richtung Israel verlassen. Foto: BR | Ahmed Younis

Der Gazastreifen war schon vor der Pandemie einer der isoliertesten Orte der Welt. Israel und die Hamas stehen sich verfeindet gegenüber. Seit der Machtübernahme der Hamas vor 13 Jahren riegelt Israel das Gebiet weitgehend ab. Auch Ägypten macht das. Viele Lebensmittel und Güter können die Grenze passieren. Aber nur ein Bruchteil der Bevölkerung darf den Küstenstreifen verlassen. Diese Isolation hat in den vergangenen Monaten ein noch extremeres Ausmaß erreicht, sagt Miriam Marmur von der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha.

In mancher Hinsicht sehen wir gerade so wenige Ausreisen und so wenig Bewegungsfreiheit wie noch nie. Seit März 2020 hat Israel praktisch alle Ein- und Ausreisen unterbunden. Nur für eine winzige Zahl Menschen gibt es eine Ausnahme, etwa für Patienten. Diese anhaltende und beinahe hermetische Abriegelung des Grenzüberganges ist beinahe beispiellos.

— Miriam Marmur, Menschenrechtsorganisation Gisha
Während der Pandemie ist im Gazastreifen auch auf den Straßen nichts los – Platz für die Kamele. Foto: reuters

Im Jahr 2019 verließen pro Monat im Schnitt 15.000 Palästinenser den Gazastreifen in Richtung Israel. So steht es in einer Übersicht der Organisation Gisha. Aktuell sind es nur etwa 500. Ein enormer Rückgang von 97 Prozent. Die zuständige Behörde der israelischen Armee verweist darauf, dass die Palästinensische Autonomiebehörde die Zusammenarbeit mit Israel eingestellt hat. Man versuche dennoch, Grenzübergänge für lebensrettende medizinische Behandlungen zu ermöglichen. Doch Männern wie Imaad Hamdan – 54 Jahre alt und Gärtner – hilft das nicht. Der Palästinenser lebt in Deir el Ballah im Zentrum des Gazastreifens. Bis zur Corona-Pandemie gehörte er zu jenen glücklichen 5000 bis 7000 Palästinensern, die eine Arbeitsgenehmigung für Israel haben. Imaad Hamdan arbeitete bis Anfang des Jahres als Gärtner in Israel und verdiente 100 US-Dollar pro Tag. Doch seit Monaten darf Hamdan nicht mehr nach Israel reisen – im Gegensatz zu palästinensischen Arbeitern aus dem Westjordanland. Eine Begründung lieferte die zuständige israelische Armeebehörde auf ARD-Anfrage nicht. Imaad Hamdan ist jetzt arbeitslos, so wie die Hälfte der größtenteils armen Bevölkerung des Küstenstreifens.

Gaza ist von der Welt vergessen worden. Niemand spricht über uns. Niemand hört von uns. Das ist eine große Ungerechtigkeit.

— Imaad Hamdan, Gärtner aus Gaza
Der Gärtner Immad Hamdan ist jetzt arbeitslos. Foto: BR | Ahmed Younis

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