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In den Startlöchern

Israels medizinische Cannabisindustrie wartet auf Exporterlaubnis

In Israel ist der Cannabis-Konsum auf Rezept schon seit Jahren möglich. Zahlreiche Firmen haben sich auf die Herstellung dieser Produkte spezialisiert, die Schmerzen von Patienten lindern sollen. Nun bereitet sich die erfolgreiche Industrie darauf vor, diese Medikamente bald ins Ausland exportieren zu dürfen.

Von Tim Assmann
Am 01.11.2018

Auf den ersten Blick sieht der schmale Verkaufsraum aus wie eine normale Apotheke mitten in Tel Aviv: Fünf junge Leute in weißen Kitteln sitzen hinter Schaltern, hinter ihnen befinden sich Apothekerschränke, vor ihnen stehen Patienten mit Rezepten. Doch das hier ist keine Apotheke, sondern eine Cannabis-Ausgabestelle:

Wir versorgen von hier aus 8000 Patienten. Sie brauchen eine Bezugserlaubnis der Gesundheitsbehörden. Die Verschreibungsmenge kann zwischen 20 und hundert Gramm liegen. Sie können es pflanzlich kaufen, aber auch in Form von Öl oder Tabletten.

— Maayan Weisberg, Tikun Olam

Tikun Olam ist eine von insgesamt acht Firmen in Israel, die die Lizenz zum rezeptpflichtigen Verkauf von Medikamenten auf Cannabis-Basis haben. Die Patienten können monatlich Präparate im Wert von umgerechnet knapp 100 Euro kaufen. Maayan Weisberg greift in eine der Schubladen.

In der Packung sind vorgerollte Joints aus purem Cannabis aber hier wissen wir genau, was drin ist. Es gibt ein Verfallsdatum und eine Herkunftsbezeichnung – so wie bei jedem anderen Medikament.

— Maayan Weisberg, Tikun Olam

Ein ganz normales Medikament: Diese Botschaft ist Maayan Weisberg von Tikun Olam wichtig. Cannabis soll entdämonisiert werden. Seit 2007 hat Tikun Olam die Verkaufslizenz, seit 2010 gibt es den Laden. Das Geschäft läuft gut. Das Durchschnittsalter der Patienten bei Tikun Olam liegt bei 55 Jahren, die meisten lindern mit den Cannabis-Medikamenten ihre Schmerzen. Viele der Menschen, die in die Ausgabestelle kommen, sind Krebskranke. Auch an Parkinson- oder Alzheimer-Patienten wird in Israel Cannabis verschrieben. Wenn ein Arzt in Israel Cannabis verschreiben will, muss er zunächst einen staatlichen Kurs besuchen, erzählt Tamir Gedo, Vorstandsvorsitzender der Firma BOL Pharma.

Eines der größten Probleme ist, dass Ärzte über die Verschreibung von Cannabis quasi nichts wissen. Das ist eine Seltenheit. Die Patienten wissen viel mehr als die Ärzte.

— Tamir Gedo, Vorstandsvorsitzender der Firma BOL Pharma
BOL Pharma hofft auf den Export. Foto: BR | Tim Assmann

Tamir Gedos Firma BOL war an einer klinischen Studie mit Cannabis bei autistischen Kindern beteiligt. Die Ergebnisse waren erstaunlich, erzählt Gedo. „70 Prozent der Kinder waren danach weniger verhaltensauffällig. Einer von Dreien zeigte eine deutliche Verbesserung seiner Kommunikationsfähigkeit. Sie fingen an zu reden. Sie begannen zu schreiben.“ Tamir Gedo beschreibt Cannabis nicht als Allheilmittel für jede Art von Erkrankung. Gedo ist ein nüchterner Mann, ein Pharma-Manager, der an solide Forschungsarbeit glaubt und auf neue Märkte hofft. BOL hat eine große, hochmoderne Fertigungsanlage für Cannabis-Medikamente am Rande der Negev-Wüste errichtet. Hinter den Hallen liegen elf Hektar Gewächshäuser mit Cannabis-Pflanzen. Für den israelischen Markt sind die Kapazitäten viel zu groß. BOL Pharma hofft auf die angekündigte staatliche Exporterlaubnis und ist damit nicht allein. Hunderte von kleinen und großen Unternehmen stehen in den Startlöchern um Cannabis anzubauen und – zu Medikamenten verarbeitet – weltweit zu exportieren. „Das ist wie der Wilde Westen“, sagt Tamir Gedo. Er glaubt, dass die Erwartungen überhöht sind.

Viele Firmen träumen von der großen Goldtruhe am Ende des Regenbogens. Ich denke: Auch wenn der Export genehmigt wird, werden am Ende nur rund 20 Firmen übrig bleiben.

— Tamir Gedo, Vorstandsvorsitzender der Firma BOL Pharma

Kommt die Exporterlaubnis, werden israelische Anbieter wie Tikun Olam oder BOL Pharma auch den deutschen Markt ins Auge fassen und auf Kampfpreise setzen: Denn dank des warmen Klimas ist der Cannabis-Anbau in Israel vergleichsweise günstig.