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Im Luxus der Anderen

In der Corona-Krise wohnen palästinensische Bauarbeiter auf israelischen Baustellen – oft unter miserablen Bedingungen

Eigentlich gäbe es Regeln. Doch diese werden nicht immer eingehalten. Die palästinensischen Arbeiter brauchen das Geld – und halten still.

Von Benjamin Hammer
Am 21.05.2020

Dort, wo künftig israelische Luxuswohnungen entstehen sollen, sind derzeit rund 20 palästinensische Bauarbeiter zu Hause: Sie leben und arbeiten auf einer Baustelle im Zentrum von Tel Aviv – bei 40 Grad Celsius.

Es ist unmenschlich. Wir übernachten auf dem Boden. Ich kann aber nicht richtig schlafen. Es ist dreckig. Ständig werden wir von Mücken gestochen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Unter solchen Bedingungen habe ich noch nie gelebt.

— Sa’id, palästinensischer Bauarbeiter

Sa‘id trifft sich mit uns in einer Nebenstraße. Es ist das erste Mal seit drei Wochen, dass er die Baustelle verlässt. Sa‘id hat eigentlich einen anderen Vornamen. Seine Kollegen und Arbeitgeber sollen nicht erfahren, dass er mit Journalisten spricht. Er lebt eigentlich in Balata, einem ärmlichen Ort im Westjordanland – das Zuhause palästinensischer Flüchtlinge und ihre Nachfahren. Wegen der Corona-Krise ließen sich Sa‘id  und viele andere Bauarbeiter auf einen Deal ein: Sie durften Ende April nach Israel einreisen – dürfen aber erst nach einem Monat wieder nach Hause fahren. Damit sollen große Menschenansammlungen an den israelischen Kontrollposten vermieden werden.

Es war keine einfache Entscheidung, meine Familie zu verlassen. Aber ich brauche das Geld für meine Familie. Jeden Tag rufen mich meine Kinder an und weinen. Sie sagen: Wir vermissen Dich, Papa, komm zurück!

— Sa’id, palästinensischer Bauarbeiter

Sa‘id  ist einer von etwa 70.000 Palästinensern, die auf Baustellen in Israel arbeiten. Trotz des Konfliktes haben sich beide Seiten miteinander arrangiert. Die israelische Bauindustrie bekommt gute Arbeiter, die vergleichsweise wenig Geld verlangen. Die Palästinenser bekommen Arbeit, die es im Westjordanland nicht gibt, sagt der arabische Israeli Khaled Dukhi. Er ist Anwalt und arbeitet bei der israelischen Organisation „Worker‘s Hotline“.

Ohne die Palästinenser müssten 80 Prozent der Baustellen in Israel ihren Betrieb einstellen.

— Khaled, Dukhi, Anwalt 
Der Anwalt Khaled Dukhi setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein. Foto: BR | Benjamin Hammer

Dukhi und seine Mitstreiter setzen sich dafür ein, dass die palästinensischen Arbeiter in der Corona-Krise eine menschenwürdige Unterkunft bekommen. Die israelische Regierung sorgte tatsächlich für entsprechende Vorschriften. Doch auf vielen Baustellen werden die Regeln schlicht ignoriert.

Die israelischen Baufirmen und der Staat sind nicht wirklich daran interessiert, die Baustellen zu überprüfen. Denn wenn sie das machen, müssen sie die Baustellen schließen. Außerdem haben die palästinensischen Arbeiter Angst. Es geht hier um hier Einkommen. Deshalb beschweren sie sich nicht und machen weiter.

— Khaled, Dukhi, Anwalt 
Auf den meisten israelischen Baustellen sind auch palästinensische Arbeiter beschäftigt. Foto: dpa | picture alliance

Das israelische Bauministerium schreibt: Falls man von einem Fall erfahre, gehe man dem nach. Doch Sa’id, der Bauarbeiter aus dem Westjordanland, will das gar nicht, aus Sorge um seinen Job. Und so schläft er weiterhin auf der Baustelle in Tel Aviv. In Schutt und Staub. Dort, wo in ein paar Monaten teures Parkett verlegt wird.

Jedes Mal, wenn ich an solchen Häusern arbeite, träume ich davon, dass meine Familie und ich so leben können.

— Sa’id, palästinensischer Bauarbeiter

Doch der Mann aus dem Flüchtlingslager wird sich so etwas nie leisten können. Auch wenn er in Israel für palästinensische Verhältnisse viel Geld verdient: Pro Tag umgerechnet etwa 77 Euro. In wenigen Tagen endet der islamische Fastenmonat Ramadan. Dann kann Sa‘id  – nach einem Monat – endlich nach Hause fahren. Zu seiner Familie.

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