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Ihr Kinderlein kommet

Im Nahen Osten wird es eng: Die Geburtenraten sind hoch. Das hat nicht nur religiöse, sondern auch politische Gründe. 

Vor 100 Jahren lebten zwischen Mittelmeer und Jordantal 700.000 Menschen, heute sind es 13 Millionen. In Gaza ist die humanitäre Lage schon jetzt angespannt, eine Bevölkerungsexplosion droht. Aber auch im Zentrum Israels sind ökologische und soziale Folgen zu spüren. 

Von Benjamin Hammer
Am 19.12.2018

Volle Konzentration auf der Geburtsstation des Al-Shifa-Krankenhauses im Gazastreifen: Die Hebammen feuern eine 30-jährige Palästinenserin an. Bis zur Geburt ihres Kindes werden nur noch ein paar Minuten vergehen. Fast 60.000 Kinder wurden im vergangenen Jahr im Gazastreifen geboren. Die Bevölkerung wächst so schnell, wie an nur wenigen anderen Orten der Welt. Im Küstenstreifen leben fast zwei Millionen Palästinenser. Laut den Vereinten Nationen könnte sich diese Zahl in den nächsten 30 Jahren mehr als verdoppeln. Hany el Whedy ist der Direktor des palästinensischen Zentrums für Gesundheitsinformation. Der Mann ist Mitte 40 und hat sechs Kinder. Alle würden eine gute Ausbildung genießen, sagt er. Das sei für ihn die wahre Freude. Doch zum Job des Gesundheitsexperten gehört auch, ein Auge auf das rasante Wachstum der Bevölkerung zu haben. Der Gazastreifen gehört schon heute zu den Gebieten mit der höchsten Bevölkerungsdichte weltweit. Die humanitäre Lage ist angespannt – wegen der weitgehenden Blockade durch Israel und Ägypten – und wegen des innerpalästinensischen Machtkampfes.

Überall stehen wir vor Herausforderungen. Bei der Gesundheit, der Umwelt, der Bildung. Es besteht schon jetzt ein großes Risiko, dass Seuchen ausbrechen. Wenn wir das Wachstum der Bevölkerung nicht eindämmen, kommt es zur Explosion. Wohin sollen die Menschen dann gehen? Und wie sollen sie leben?

— Hany el Whedy, Direktor des Zentrums für Gesundheitsinformation
Hany el Whedy, selbst Vater von sechs Kindern, beobachtet als Gesundheitsexperte in Gaza das Bevölkerungswachstum. Foto: BR | Benjamin Hammer

In über 75 Gesundheitszentren im Gazastreifen werden Verhütungsmittel verteilt – kostenlos. Doch wissen die Palästinenser davon? In den Schulen des islamisch geprägten Küstenstreifens gibt es jedenfalls keinen Sexualkundeunterricht. Auf dem Schreibtisch des Gesundheitsexperten Hany el Whedy liegt der Koran. Wie im Christentum und im Judentum ist es im Islam ein Ideal, viele Kinder zu kriegen.

Wenn ich über unsere Daten mit Politikern des palästinensischen Parlamentes rede, dann sehe ich ihnen das Dilemma förmlich an. Das Dilemma zwischen dem Islam und den Zahlen.

— Hany el Whedy, Direktor des Zentrums für Gesundheitsinformation

Nicht nur im Gazastreifen wächst die Bevölkerung rasant. Auch im benachbarten Israel und im Westjordanland ist das der Fall. Vor 100 Jahren lebten in der gesamten Gegend zwischen Mittelmeer und Jordantal 700.000 Menschen. Heute sind es 13 Millionen. Israel nimmt weltweit eine besondere Stellung ein. Es gehört zu den modernsten und reichsten Ländern der Welt. Die Geburtenrate ist aber deutlich höher als in anderen industrialisierten Ländern. So kommen in Deutschland pro Frau im Durchschnitt 1,5 Kinder auf die Welt. In Israel sind es doppelt so viele. Vor allem in zwei Bevölkerungsgruppen in Israel sind die Geburtenraten hoch: bei den Beduinen und bei den ultraorthodoxen Juden. Doch Religion ist nicht der einzige Faktor. Auch in säkularen israelischen Familien gibt es im Schnitt deutlich mehr Kinder als in anderen industrialisierten Ländern. Der israelische Bevölkerungsforscher Sergio Della Pergola nennt die Gründe für diese Entwicklung: Israel ist ein junges Land und die Bevölkerung ist in wirtschaftlicher Hinsicht optimistisch. Außerdem halte sich auch in säkularen jüdischen Familien ein Traditionsbewusstsein, viele Kinder zu kriegen. Alon Tal bereitet die hohe Geburtenrate in Israel Sorgen. Er ist Politikwissenschaftler, Professor an der Universität von Tel Aviv und  Umweltaktivist.

Wenn wir uns das Zentrum von Israel anschauen, dann ist Israel wohl das am dichtesten besiedelte Land der Welt. Das führt zu ökologischen und zu sozialen Problemen. Wir haben schon jetzt heftige Verkehrsstaus, lange Wartezeiten in Gerichten und Krankenhäusern. Wir haben die vollsten Klassenräume von allen OECD-Ländern. Die Immobilienpreise steigen. All das ist eine Konsequenz des Bevölkerungswachstums.

— Alon Tal, Politikwissenschaftler und Umweltaktivist
Nicht nur im Gazastreifen, auch in Israel wächst die Bevölkerung. Foto: dpa | picture alliance

Dass die Menschen im Heiligen Land so viele Kinder kriegen, hat viele Gründe. Einer ist womöglich der noch immer ungelöste Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Hardliner auf beiden Seiten beteuern, dass sie mehr Kinder kriegen und langfristig die Bevölkerungsmehrheit stellen. Aktuell leben etwa 6,5 Millionen Juden in der Region und 6,5 Millionen Araber. Der Politikwissenschaftler Alon Tal lehnt ein Wettrennen um die höchste Geburtenrate ab. Er fordert ein Ende der israelischen Besatzung des Westjordanlandes und eine Zweistaatenlösung.

Das ist wirklich entscheidend. Es ist so: Ich glaube nicht, dass wir Juden eine Minderheit werden. Aber was wäre das denn für ein Modell? In dem eine jüdische Mehrheit von 55 Prozent den Rest der Bevölkerung dominiert. Es ist doch klar: Die Palästinenser wollen einen eigenen Staat. Und wir würden davon profitieren. Wir sind ein jüdischer Staat und wir wollen demokratisch bleiben. Also brauchen wir diese Scheidung von den Palästinensern. Ansonsten wird es nur mehr Gewalt geben.

— Alon Tal, Politikwissenschaftler und Umweltaktivist

Im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt kommt eine Hebamme aus dem Kreißsaal. Im Arm hält sie ein kleines Mädchen. Bei der Geburt ist alles gut gegangen. Die Hebamme lächelt. Hany el Whedy, der Direktor des palästinensischen Zentrums für Gesundheitsinformation, will die Geburtenrate im Gazastreifen senken, damit es den Kindern, die geboren werden, besser geht: „Wenn wir Kinder auf die Welt bringen, müssen wir eine Garantie abgeben, dass diese Kinder eine gute Gesundheitsversorgung kriegen, eine gute Bildung, eine gute Umwelt. Alles.“

Kommentare

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2 thoughts on “Ihr Kinderlein kommet”

    gunther, Mittwoch, 19.12.18, 10:53 Uhr

    Bereits 1974 sagte der damalige algerische Präsident Boumedienne vor der UN-Generalversammlung: Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren. Es gibt einen Geburten-Dschihad. Und selbstverständ ...

    Bereits 1974 sagte der damalige algerische Präsident Boumedienne vor der UN-Generalversammlung:
    Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren.

    Es gibt einen Geburten-Dschihad.
    Und selbstverständlich werden alle Kinder in Gaza bis in unendliche Generationen als Flüchtlinge mit Rückkehrrecht gezählt.

      Mona, Freitag, 21.12.18, 10:34 Uhr

      Sie sollten sich mal die ganzen rassistischen Zitate von zionistischen Führern durchlesen. Ihre Kommentare hier sind völlig einseitig und hassgeladen. Natürlich sind die Menschen in Gaza Flüchtlinge b ...

      Sie sollten sich mal die ganzen rassistischen Zitate von zionistischen Führern durchlesen. Ihre Kommentare hier sind völlig einseitig und hassgeladen.

      Natürlich sind die Menschen in Gaza Flüchtlinge bzw. vertriebene. Die Mehrheit bzw. deren Eltern wurden im heutigen Israel geboren und von den Zionisten vertrieben und bestohlen.

      Warum sollen Juden nach tausenden Jahren ein Recht auf Rückkehr haben und nach tausenden Jahren noch als vertriebene gelten und Palästinenser nicht?

      Warum haben Sie diese Doppelmoral?