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Gute Aussichten

Warum in Israel scheinbar weniger Menschen an einer Erkrankung mit dem Corona-Virus sterben als in anderen Ländern

Für gewöhnlich halten sich Israelis nicht besonders gerne an strikte Regeln. In Notsituation aber sei das anders, sagen Experten. Und das ist nicht der einzige Grund, warum die Prognose für Israel in Corona-Zeiten derzeit gut scheint. 

Von Benjamin Hammer
Am 02.04.2020

Auch in Tel Aviv ist es in diesen Tagen still. Auch hier gelten strikte Ausgangsbeschränkungen. Nur manchmal ist eine Sirene des Rettungsdienstes Magen David Adom zu hören. Der israelische Rettungsdienst führt die Tests bei möglichen Infizierten durch und betreut die Israelis über eine zentrale Rufnummer. Ein zentraler Rettungsdienst für ganz Israel: Das helfe in der Krise, sagt Shafir Botner, Notarzt und einer der Ausbildungsleiter bei Magen David Adom.

Wir sind der einzige Notdienst im ganzen Land. Wir haben eine Datenbank, müssen nicht erst die Informationen von vielen Akteuren sammeln. Das ist ein Riesenvorteil.

— Shafir Botner, Notarzt von Magen David Adom
Auf dem Weg ins Krankenhaus: Israels Kliniken haben nur wenige Intensivbetten. Experten aber rechnen damit, dass Israel – wie so oft in Krisenzeiten – improvisiert. Foto: dpa | picture alliance

Israels Verteidigungsminister Naftali Bennet verwies vor Kurzem darauf, dass in Israel besonders wenige Menschen an Covid-19 sterben würden. Die Sterberate – also das Verhältnis von nachgewiesenen Infektionen und Todesfällen – sei die niedrigste weltweit. Zwar warnen Experten, dass solche Statistiken momentan nur mit großer Vorsicht betrachtet werden sollten. Dennoch sprechen die vorläufigen Zahlen für Israel: Nur etwa 30 dokumentierte Todesfälle bei etwa 6000 nachgewiesenen Infektionen. In einem Land, dass seine Testkapazitäten immer weiter ausgebaut hat.

Israel war eines der ersten Länder, die ihre Grenzen schlossen. Niemand, der sich nicht zu Hause in Quarantäne begeben konnte, durfte mehr rein. Wir haben diese Anforderung bereits am Anfang der Krise in Israel gestellt.

— Shafir Botner, Notarzt von Magen David Adom

Auch Dov Chernichovsky vom „Taub“-Forschungszentrum in Israel ist in diesen Tagen optimistisch. Er ist emeritierter Professor für Gesundheitsökonomie. Der Israeli geht im besten Szenario davon aus, dass nicht mehr als 1000 Israelis aufgrund einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus versterben werden. Auch das wäre ein im internationalen Vergleich niedriger Wert. Für Chernichovsky ist vor allem ein Faktor entscheidend:

Israel hat den Krieg gegen dieses Virus mit einem enormen demografischen Vorteil begonnen. Der Anteil von älteren Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, liegt in Israel bei nur zehn Prozent. In Italien liegt dieser Anteil zum Beispiel bei 24 Prozent.

— Dov Chernichovsky emeritierter Professor für Gesundheitsökonomie
In der ultraorthodoxen Bevölkerung wurden die Regeln zunächst nicht eingehalten – dort sind die Zahlen der Infektionsfälle besonders hoch. Foto: dpa | picture alliance

Zur jungen Bevölkerung Israels kommen laut dem Wissenschaftler gute Krankenhäuser. Wobei es hier deutlich weniger Intensivbetten gibt, als zum Beispiel in Deutschland. Israelische Ärzte warnen vor Engpässen. Dov Chernichovsky  hofft, dass sein Land in den kommenden Wochen aufstockt. Improvisiert. So wie häufig in Israels konfliktreicher Geschichte. Der emeritierte Professor glaubt, dass sein Land wegen der zahlreichen Kriege und Krisen gut auf das Virus reagieren kann. Und dass die krisenerprobte Bevölkerung eine lange Ausdauer in der Isolation haben wird.

Ich würde nicht sagen, dass Israel eine disziplinierte Bevölkerung hat. Ich glaube sogar, dass Israelis dafür bekannt sind, Regeln eher nicht zu befolgen. Aber, wenn wir eine Notsituation haben, reißt sich das Land sehr schnell zusammen und die Bevölkerung hält sich strikt an die Regeln.

— Dov Chernichovsky emeritierter Professor für Gesundheitsökonomie
Menschenleere Straßen: In Israel dürfen sich die Menschen nur noch in einem Radius von 100 Meter um ihre Wohnung herum aufhalten. Foto: reuters

Dadurch, so der Gesundheitsökonom, sei es gelungen, die Kurve neuer Infektionen flacher zu machen. Eine Beobachtung, die allerdings nicht für die ultraorthodoxen Viertel und Städte Israels gilt. Dort kam es in den vergangenen Tagen immer wieder zu großen Menschenansammlungen. Weil die Regeln nicht bekannt waren oder ignoriert wurden. Israelische Ärzte befürchten, dass sich unter den Ultra-Orthodoxen sehr viele Menschen mit dem Virus infizieren. Israels Regierung will die betroffenen Orte nun weitgehend abriegeln. Der Gesundheitsökonom Dov Chernichovsky  bleibt optimistisch, dass es Israel trotz allem gut durch diese Krise schafft.

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