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Grenzen in Gefahr

Trügerische Ruhe in Israels Norden

Er weiß wie sensibel diese Grenze ist: der israelische Oberstleutnant Yaniv Kariaf ist mit seinen Soldaten an der libanesischen Grenze im Einsatz. Er führt uns in die Pufferzone, von wo aus die Israelis einen weiten Blick ins Feindesland haben: die israelische Seite gut zu erkennen, weil bepflanzt und bewirtschaftet. Im Libanon herrscht Dürre.

Von Susanne Glass
Am 16.04.2018

Der letzte Krieg liegt nun 12 Jahre zurück: Die schiitischen Hisbollah-Milizen hatten eine israelische Grenzpatrouille überfallen, acht Soldaten getötet, zwei verschleppt. Daraufhin begannen die Kämpfe zwischen Hisbollah und israelischer Armee, die mit einem Waffenstillstand am 14. August 2006 vorläufig zu Ende gingen. Wenig später wurden auch die See- und Luftblockade aufgehoben. Mehr als 1000 Tote haben beide Seiten damals insgesamt offiziell zugegeben. Und heute wissen beide Seiten: Bei einem neuen Krieg wären es wohl eher Tausende.

Fragiler Frieden

Zwischen der israelischen Flagge links, der libanesischen rechts: das blaue Fass als Grenzmarkierung der UN, die das Gebiet zwischen zwei Feindesländern überwachen. Die Hisbollah, vom schiitischen Regime des Iran unterstützt und hochgerüstet, hat sich im Libanon zu einem militärischen, politischen und sozialen Machtfaktor entwickelt. Sie hat Kampferfahrung – allerdings zu einem hohen Blutpreis – unter anderem im Syrien-Krieg gewonnen und die Dörfer entlang der Grenze zu Israel mit Kämpfern und Waffen unterwandert.

Oberstleutnant Yaniv Kariaf: „Wir wissen von unserem Aufklärungsdienst, dass in diesen libanesischen Orten nicht Landwirtschaft oder Tourismus betrieben werden, wie das in den Dörfern auf unserer Seite geschieht. Sondern diese Orte dienen hauptsächlich militärischen Zwecken: die Hisbollah benutzt die Häuser der Bewohner oder auch Moscheen und Schulen als Waffenlager. Die Zivilisten dienen ihr als lebende Schutzschilder.“

Beitrag: Susanne Glass | Kamera: Alex Goldgraber | Schnitt: Ethan Spilkin

Sima Shine hat für die israelische Regierung, den Mossad und das Militär als Iran-Expertin gearbeitet. Für sie steht fest, ein neuer Krieg gegen die mittlerweile viel stärker bewaffnete und vom Iran unterstützte Hisbollah hätte für Israel eine ganz andere Dimension als 2006 als es nur gegen eine Terrormiliz ging: „Und vom israelischen Standpunkt aus gesehen, sind Libanon und Syrien eine gemeinsame Front, denn der Iran hat sich bekanntlich in beiden Ländern militärisch etabliert. Das sind unsere Hauptbedenken. Der Iran kann sofort an zwei Fronten gegen Israel Krieg eröffnen.“

Alarmbereitschaft am Golan

Die strategisch wichtigen Golan-Höhen hat Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 von Syrien erobert. Auch an dieser Grenze herrscht Daueralarmbereitschaft. Israel fliegt seit einiger Zeit Einsätze gegen iranische Stellungen in Syrien sowie auf Waffenlieferungen an die Hisbollah. In den Krieg dort, in den so viele Parteien verwickelt sind, will man offiziell nicht eingreifen, aber eben auch nicht zulassen, dass der Erzfeind Iran seine militärische Präsenz weiter ausbaut. In den vergangenen Wochen drohte die Situation an der schwerbefestigten Grenze zu eskalieren.

Im Grenzgebiet leben etwa 20.000 Drusen wie Djschad Oussaui, dessen Familie hier seit Generationen Obst anbaut. Die Religionsgemeinschaft der Drusen hat sich vor Jahrhunderten von den Schiiten abgespalten, ist in Israel anerkannt. Die Drusen stehen dem Assad-Regime nah. Sie sind froh hier vor dem Krieg in Schutz zu sein. Vor allem bei Ihnen ist nun die Sorge groß, wie Djschad Oussaui betont: „Wir verfolgen natürlich ständig die Nachrichten im Fernsehen. Und die Lage verschlimmert sich. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Wir befürchten, dass der Krieg hier nur noch eine Frage von Tagen ist.“

Sein jüdischer Nachbar David Cohen-Calles dagegen zeigt demonstrative Gelassenheit: Er baut sein Land auf dem Golan an der syrischen Grenze gerade weiter aus, investiert in eine neue Bewässerungsanlage: „Wir haben keine Angst. Es tut uns leid, was auf der anderen Seite passiert, was den Menschen in Syrien angetan wird. Wir hoffen sehr, dass bei denen bald Ruhe einkehrt.“

Und vor allem hofft man in Israel, dass der Einfluss des Iran in der Region zurückgedrängt wird, denn einen direkten Konflikt mit Teheran will Jerusalem zwar auf jeden Fall vermeiden. Aber man geht auch davon aus, dass die jüngsten Luftschläge gegen iranische Stellungen und die Hisbollah in Syrien nicht folgenlos bleiben, befürchtet im Gegenteil schon in den nächsten Tagen eine Vergeltungsaktion. Und mit jeder Eskalationsstufe steigt die Kriegsgefahr an den Nordgrenzen Israels.

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13 thoughts on “Grenzen in Gefahr”

    ariel, Mittwoch, 18.04.18, 22:25 Uhr

    eine klarstellung, was die drusen angeht. es gibt zwei gruppen von drusen, die unterschiedlich eingestellt sind. die ein gruppe lebt auf dem im sech tage krieg eroberten golanhoehen. diese drusen koen ...

    eine klarstellung, was die drusen angeht.

    es gibt zwei gruppen von drusen, die unterschiedlich eingestellt sind. die ein gruppe lebt auf dem im sech tage krieg eroberten golanhoehen. diese drusen koennen die israelischen staatsbuergerschaft haben, doch nicht alle nehmen sie an. sie sind tatsaechlich meistens dem assad regime treu. dazu gibt es zwei gruende. der eine grund ist die tatsache, dass viele verwandte in syrien haben. die zweite ursache ist, dass sie angst haben, dass israel die golanhoehen abgibt und sie dann als verraeter behandelt werden.

    die zweite gruppe lebte schon immer in israel. sie ist dem israel dermassen loyal eingestellt, dass sich viele sogar als zionisten bezeichnen. alle drusischen maenner dienen in israelischem militaer. es gibt auch drusische einheiten in der armee, obwohl die drusen ueberall dienen duerfen. so gibt es drusische piloten, hohe offiziere in kampfeinheiten, elite soldaten usw. vor 15 jahren war der chef des grenzschutzen ein druse.

      Lotte, Donnerstag, 19.04.18, 9:54 Uhr

      Guter Faktencheck, Ariel, Danke.

      Guter Faktencheck, Ariel, Danke.

    gunther, Dienstag, 17.04.18, 10:54 Uhr

    Na, das Problem sind doch nicht die Drusen. Sie sind immer loyal gegenüber dem Staat, in dem sie leben. Das wirkliche Problem sind Iran, Hamas und Hisbollah. Der Iran installiert sich in Syrien, finan ...

    Na, das Problem sind doch nicht die Drusen. Sie sind immer loyal gegenüber dem Staat, in dem sie leben.
    Das wirkliche Problem sind Iran, Hamas und Hisbollah. Der Iran installiert sich in Syrien, finanziert die Terrororganisationen mit dem Ziel, Israel endgültig auszulöschen. Erst jetzt erging vom Iran die Drohung, Tel Aviv auszradieren.
    Israel hat die Golan-Höhen besetzt, weil von dort Angriffe aus Syrien stattffanden.
    Aber das vergessen die Pali-Verteidiger gern. Seit 1948 versuchen die arabisch-islamischen Staaten, Israel zu beseitigen.
    Genau das propagieren auch die Vertreter der „Palästinenser“.

      Lustig, Mittwoch, 18.04.18, 17:48 Uhr

      Natürlich sind die Drusen nicht das Problem. Ich habe das Thema im Sinne einer Anekdote am Rande erwähnt!

      Natürlich sind die Drusen nicht das Problem. Ich habe das Thema im Sinne einer Anekdote am Rande erwähnt!

    Knut, Dienstag, 17.04.18, 9:57 Uhr

    @ Lustig Es ist leider kein offenes Geheimnis mehr, dass trotz umfassender Möglichkeiten, sich ausgewogen und tiefergehend um schlüssige und realitätsnahe Informationen und Zusammenhänge zu bemühen, d ...

    @ Lustig Es ist leider kein offenes Geheimnis mehr, dass trotz umfassender Möglichkeiten, sich ausgewogen und tiefergehend um schlüssige und realitätsnahe Informationen und Zusammenhänge zu bemühen, diese offenbar nicht genutzt werden. Stattdessen ergeht man sich in abwegige u. oft mit negativem Unterton behaftete Verdächtigungen ohne auch nur einen kleinen Blick in die vielschichtige Historie der Drusen im Nahen Osten und ihre Rolle speziell in Israel zu werfen. Sehr schade, zumal bereits die Lektüre einschlägiger Online-Lexika wie Wikipedia & Co. nur wenige Minuten in Anspruch nähme und weitaus erhellender ist als irgendeine konstruierte Unterstellung! Drusen gelten u.a. als hochgradig herrschaftsloyal. Da sie (u.a. kriegsbedingt) auf verschiedene Staaten verteilt sind, bestehen – wie man mir letzten Sommer in Daliat al-Karmel und Madjal Shams bestätigt hat – weiterhin verwandtschaftliche Verhältnisse über alle Grenzen hinweg. Man scheint sehr froh zu sein, in Israel leben zu dürfen.

      gunther, Mittwoch, 18.04.18, 14:03 Uhr

      Oha, Knut, Sie empfehlen wikipedia. Jetzt ist endgültig klar, auf welchem intellektuellen und wissenschaftlichen Niveau Sie sich bewegen.

      Oha, Knut,
      Sie empfehlen wikipedia.
      Jetzt ist endgültig klar, auf welchem intellektuellen und wissenschaftlichen Niveau Sie sich bewegen.

    ariel, Montag, 16.04.18, 20:19 Uhr

    dass es zwischen dem lebanon und israel kein frieden herrscht ist das klare versagen der weltgemeinschaft. nicht nur dass ein friedensvertrag in klarem interesse lebanons liegt, es macht einfach keine ...

    dass es zwischen dem lebanon und israel kein frieden herrscht ist das klare versagen der weltgemeinschaft.

    nicht nur dass ein friedensvertrag in klarem interesse lebanons liegt, es macht einfach keinen grund nicht in einem frieden mit israel zu sein.

    natuerlich werden israelhasser sofort behaupten, dass israel keinen frieden verdient, solange es keinen frieden mit den palaestinensischen arabern gibt, aber… ist so eine behauptung es wert krieg deswegen zu fuehren? da wo frieden herrscht wird weniger geld verschwendet und keine kriege gefuehrt.

    war ein auslaendischer konflikte es wert, dass 2006 beirut bombardiert wurde? und es geht weiter, da hissbollah in lebanon voellig frei operiert und weiterhin fuer einen krieg gegen israel aufruestet, ist ein krieg unausweichlich. irgendwann wird es krachen und da stellt sich die frage, was „kein frieden“ dem lebanon nuetzt?

    und hier muss die weltgemeinschaft einspringen und dort frieden erzwingen, wo es keinen grund fuer einen krieg gibt.

    Lustig, Montag, 16.04.18, 13:20 Uhr

    Es ist wohl ein offenes Geheimnis, dass die Drusen ein Fähnchen im Wind sind. Da sie eine (schwache) Minderheit sind, halten sie als Überlebensstrategie die Solidarität mit der jeweils stärksten Parte ...

    Es ist wohl ein offenes Geheimnis, dass die Drusen ein Fähnchen im Wind sind.

    Da sie eine (schwache) Minderheit sind, halten sie als Überlebensstrategie die Solidarität mit der jeweils stärksten Partei ein. Sie schätzen Israel als die stärkere Partei ein, deshalb zeigen sie sich loyal zum jüdischen Staat. Allerdings feiern sie angeblich immer den syrischen Nationalfeiertag, nur so für den Fall, dass ihr Land irgendwann in einem Krieg an Syrien fallen sollte. Dann können sie immer sagen, dass sie immer treue syrischen Patrioten waren.

      Lotte, Montag, 16.04.18, 19:21 Uhr

      Drusen leben im Libanon, Syrien und eben auch in Israel. In Israel sind sie israelische Staatsbürger - dienen z.B. auch in der IDF (was die meisten auch tun). Diese ganz bewusste Entscheidung hat mir ...

      Drusen leben im Libanon, Syrien und eben auch in Israel.

      In Israel sind sie israelische Staatsbürger – dienen z.B. auch in der IDF (was die meisten auch tun).
      Diese ganz bewusste Entscheidung hat mir ein junger Druse (der nachfolgend einer der Sicherheitsleute vor einem der Bahai-Heiligtümer war, so kamen wir in’s Gespräch … ) mal genau so erzählt.
      Er hätte sich gegen ihre Einschätzung(en) verwehrt.

      Susanne Glass Beitrag im „Weltspiegel“ gestern fand ich übrigens gut.

      Jetzt fehlt nur noch ein Interview mit den israelisch-jüdischen Betroffenen im Grenzgebiet, die seit Jahrzehnten mit den Angriffen leben müssen und leben – z.B. in Nahariya.

      Lustig, Dienstag, 17.04.18, 14:34 Uhr

      @Lotte Das ist schön, dass sich dieser Druse gegen (übrigens nicht meine) Einschätzungen verwehrt hätte. Außerdem weiß ich, wo Drusen leben und dass sie auch israelische Staatsbürger sind. Diese Einsc ...

      @Lotte

      Das ist schön, dass sich dieser Druse gegen (übrigens nicht meine) Einschätzungen verwehrt hätte. Außerdem weiß ich, wo Drusen leben und dass sie auch israelische Staatsbürger sind.

      Diese Einschätzung hat der Reiseführer in Israel unserer Reisegruppe erzählt, und ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass er Märchen verbreitet. Er hatte über sehr viele Sachen ziemlich viel Ahnung und „Insiderwissen“.

      Wenn der Druse, den Sie getroffen haben, eine andere Einstellung hat, dann ist das sehr gut, aber er kann auch eine Ausnahme sein. Ich nehme an, Sie haben keine repräsentative Umfrage gemacht.

      Lustig, Dienstag, 17.04.18, 14:42 Uhr

      "In Israel sind sie israelische Staatsbürger – dienen z.B. auch in der IDF (was die meisten auch tun)." So ist es, sie sind dem Staat Israel gegenüber loyal und zeigen sich patriotisch. Jetzt müsste m ...

      „In Israel sind sie israelische Staatsbürger – dienen z.B. auch in der IDF (was die meisten auch tun).“

      So ist es, sie sind dem Staat Israel gegenüber loyal und zeigen sich patriotisch. Jetzt müsste man nur eine Wanze installieren und hören, was sie in ihren 4 Wänden untereinander reden 🙂

      Lustig, Dienstag, 17.04.18, 19:10 Uhr

      Mein Fehler: Reiseleiter, nicht Reiseführer. So ist das, wenn man was wörtlich übersetzt.

      Mein Fehler: Reiseleiter, nicht Reiseführer.

      So ist das, wenn man was wörtlich übersetzt.

    Lustig, Montag, 16.04.18, 13:09 Uhr

    Wie die Kämpfer hüpfen können, LOL! Warum haben sie sich nicht in der Ballettschule angemeldet? Für den Schwanensee haben sie die besten Voraussetzungen!

    Wie die Kämpfer hüpfen können, LOL!

    Warum haben sie sich nicht in der Ballettschule angemeldet? Für den Schwanensee haben sie die besten Voraussetzungen!