Foto: BR | Tim Assmann

Glück und Verbitterung

Vor 20 Jahre zog Israel aus dem Südlibanon ab – nicht alle hielten das für den richtigen Schritt

Eine Mutter, die für den Abzug kämpfte, um ihren Sohn zu retten. Ein libanesischer Milizenkämpfer, der seine Leistungen für nicht ausreichend gewürdigt hält: Bis heute gehen die Meinungen über das Vorgehen Israels auseinander.

Von Tim Assmann
Am 22.05.2020

Auf ihren Stock gestützt geht Yochi Milstein den überwucherten Feldweg entlang und zeigt auf die Ruinen, die einmal ihren Lebensunterhalt sicherten. Nur noch ein paar Mauern, etwas Wellblech und Reste des Daches erinnern an den Kiosk namens „Moishe und Yochi“ – hier in Metulla, ganz im Norden Israels, direkt an der libanesischen Grenze. Yochi Milstein und ihr Mann Moishe seien 1967 die Ersten hier gewesen, erzählt sie. Ihr Mann sei damals auf einem Traktor mit einem Anhänger gekommen.

Wir verkauften alles Mögliche: Souvenirs, Essen, Getränke und Dinge mit der Aufschrift „Der gute Zaun von Metulla“ auf Hebräisch, Englisch und Arabisch. Nach einigen Jahren kam dann eine Firma im Auftrag des Tourismusministeriums her und baute uns diesen ganzen Komplex, der aus sechs Läden bestand.

— Yochi Milstein, ehemalige Ladenbesitzerin in Metulla
Yochi Milstein an dem Ort, an dem einst ihr Laden stand. Foto: BR | Tim Assmann

Milsteins Stammkunden waren die Soldaten aus dem Posten direkt neben den Geschäften. Auch von der Militärbasis sind nur Ruinen geblieben. Außerdem kamen Libanesen, die jeden Tag zum Arbeiten nach Israel pendelten. Sie seien gerne hergekommen, hätten hier gearbeitet, Geld verdient auf den Feldern und sogar in Krankenhäusern, erinnert sich Milstein. Einige seien sogar bis nach Tel Aviv gefahren, um zu arbeiten. Yochi Milstein erlebte aus der Nähe, wie das Grenzgebiet immer gefährlicher wurde. 1982 marschierte Israel in den Libanon ein. 1985 wurde dann im Südlibanon eine Pufferzone eingerichtet, um das israelische Grenzgebiet vor Angriffen zu schützen. Doch sicher sei es hier nicht gewesen, sagt Milstein.

Es gab manchmal Spannungen. Einmal ist ein Taxi explodiert und Teile davon flogen bis hierher, also bis zu den Läden.

— Yochi Milstein, ehemalige Ladenbesitzerin in Metulla
Die Kioskruinen von Metulla. Foto: BR | Tim Assmann

Die Soldaten, die bei Yochi Milstein einkauften, hatten manchmal Stunden zuvor noch im Libanon gegen die schiitische Hisbollah-Miliz gekämpft. Auch aus der Kompanie, in der ihre Tochter gedient habe, sei eine Gruppe im Libanon gewesen, erzählt sie. Ihre Tochter sei zwar nicht dabei gewesen, doch ihr Vorgesetzter sei gefallen. „Sie saßen hier und weinten“, sagt Milstein. „Sie haben mir aber nichts erzählt.“ An den 24. Mai 2000, den Tag an dem Israel die Sicherheitszone räumte, kann sich Milstein noch genau erinnern.

Mein Mann kam zur Arbeit und machte alles, was zu seinem gewöhnlichen Arbeitstag gehörte. Später rief er mich an und sagte: „Hör mal, hier ist niemand. Ich weiß nicht, was passiert ist.“ Später erfuhren wir, dass sich die israelische Armee aus dem Libanon zurückgezogen hat. Sie sind in der Nacht rausgegangen und keiner wusste Bescheid.

— Yochi Milstein, ehemalige Ladenbesitzerin in Metulla
Ein verlassener Militärposten am ehemaligen Grenzübergang von Metulla. Foto: BR | Tim Assmann

Eine halbe Autostunde südlich von Metulla, in Rosh Pina, steht Rachel Ben Dor in ihrer Küche. Der große Tisch ist bedeckt mit Zeitungsartikeln und Fotos aus den 90er Jahren. Rachel Ben Dors ältester Sohn war damals Soldat im Südlibanon. Als einer seiner Kameraden dort umkam, wusste sie, dass sie nicht länger zusehen wollte.

Wer ist der nächste in der Reihe? Mein Sohn! Ich sah es kommen. Da wirst du aktiv und rufst laut danach, dass es aufhört. Es muss aufhören, bevor er an der Reihe ist.

— Rachel Ben Dor, Gründerin von „4 Mütter“
Rachel Ben Dor hatte ein Ziel: ihren Sohn zu retten. Foto: BR | Tim Assmann

Rachel Ben Dor gründete mit anderen die Initiative „4 Mütter“, die einen Abzug Israels aus dem Südlibanon forderte und Druck auf die Politik machte. „Uns wurde vorgeworfen, nicht hinter unseren Truppen zu stehen“, sagt Ben Dor. Doch ihr ging es um ihren Sohn.

 

Er ist bereit, sein Leben zu geben, und ich lasse das zu. Wir arbeiteten Tag und Nacht, meine Familie, mein Mann, Freunde. Wir waren nicht Mütter, die ihre Kinder verloren hatten. Wir wollten sie vorher retten. Unser Motto war: Lasst uns vorher handeln, anstatt nachher zu weinen. Lasst uns sie retten.

— Rachel Ben Dor, Gründerin von „4 Mütter“
Überbleibsel des Kampfes: die Protestplakate von Rachel Ben Dor. Foto: BR | Tim Assmann

Die israelische Gesellschaft begann, den Einsatz im Südlibanon kritischer zu sehen. Der neu gewählte Premierminister Ehud Barak machte sein Versprechen aus dem Wahlkampf schließlich wahr und gab den Befehl zum Rückzug. Rachel Ben Dor war am Ziel. Am Tag nach dem Abzug, so erzählt sie heute, hätten zwei Kameraden ihres Sohnes angerufen – nicht ihre Eltern, sondern sie. Um sich zu bedanken. 20 Jahre später hält Rachel Ben Dor den Abzug immer noch für richtig. Es ist seitdem friedlicher hier als vorher, sagt sie.

 

Freunde, mit denen ich aufwuchs, wohnen nur wenige Meter von der Grenze entfernt. Ihr Leben dort ist heute ruhiger als in den ganzen 18 Jahren, in denen die Armee im Libanon und in der Sicherheitszone war. Das ist ein Fortschritt.

— Rachel Ben Dor, Gründerin von „4 Mütter“
Israels Grenze zum Libanon bei Metulla. Foto: BR | Tim Assmann

Moshe „Chiko“ Tamir kommandierte beim Abzug eine israelische Brigade. Er kämpfte jahrelang im Südlibanon. Er sagt: Es habe Risiken gegeben. Da die aber nicht eingetreten seien, könne man heute rückblickend sagen, dass es richtig war. Doch es hätte auch anders laufen können, glaubt Tamir. „Dass wir jetzt sagen müssten: Es war falsch, denn wir hatten vier, fünf Kriege oder Runden von Kampfhandlungen gegen die Hisbollah.“ Die Grenze, so erzählt er, habe zwei Welten getrennt.

Man kam aus der einen Welt, überquerte die Grenze und war in einem Kriegsgebiet. Wir setzten viel Artillerie ein, es gab engen Feindkontakt, Angriffe auf Außenposten, Raketenbeschuss. So wie es im Krieg eben ist.

— Moshe Tamir, ehemaliger Brigade-Kommandeur 
Der Ex-Offizier Moshe "Chiko" Tamir. Foto: BR | Tim Assmann

In der israelischen Öffentlichkeit wurde dieser Krieg lange kaum wahrgenommen, erinnert sich Tamir und er sagt das bedauernd. Dass die Gesellschaft schließlich begann, den Einsatz zu hinterfragen, hält der Ex-Kommandeur für richtig. Wie sieht er die Sicherheitszone im Südlibanon nun, 20 Jahre nach ihrem Ende?

Ich sehe es nicht als Niederlage. Es wurden viele Fehler gemacht. Strategisch war es falsch, denn die Sicherheitszone erfüllte ihren Zweck schon nach zwei, drei Jahren nicht mehr. Außerdem halfen wir der Hisbollah.

— Moshe Tamir, ehemaliger Brigade-Kommandeur 

Ohne den Krieg im Südlibanon und den von ihr als Sieg gefeierten israelischen Abzug wäre die Hisbollah nicht so militärisch stark und politisch mächtig geworden, wie sie heute ist, glaubt Moshe Tamir. Doch Israel hatte auf libanesischer Seite auch Verbündete. Einer von ihnen steht heute an einem Vormittag in seinem kleinen Lebensmittelladen in Tiberias, mit Blick auf den See Genezareth: Fadi Mansour. Hier sei nun seine Heimat, sagt der 46-Jährige. Geboren wurde er als Sohn einer christlichen Familie in einem kleinen Dorf im Südlibanon. Mit 15 trat er in die SLA-Miliz ein, die an der Seite israelischer Truppen kämpfte. „Ich hatte keine andere Perspektive“, sagt Fadi Mansour.

Also ging ich in die Armee. Drei Brüder von mir waren schon dabei. Es gab keine Wehrpflicht oder ein Mindestalter. Jeder, der kräftig war, konnte der Miliz beitreten. 1989 wurde ich in unseren Dörfern ausgebildet und bediente dann Granatwerfer.

— Fadi Mansour, ehemaliger Milizenkämpfer
Fadi Mansour kämpfte damals an der Seite Israels. Foto: BR | Tim Assmann

In den 90er Jahren seien die Angriffe der Hisbollah immer stärker geworden, die Verluste seien hoch gewesen, erzählt Fadi Mansour. Den Abzug der israelischen Verbündeten nennt er einen schwarzen Tag.

Die Soldaten haben ihre Posten verlassen. Wir wussten nicht, wo sie hingehen, und riefen die Zentrale an. Aber dort ging keiner ran. Über Funk hörten wir immer häufiger die Frage, was los sei. 

— Fadi Mansour, ehemaliger Milizenkämpfer

Gegen Mittag dann habe er seinen Schwager über Funk gehört. Der habe gesagt, Fadi solle sofort den Posten verlassen und zum Übergang Fatma kommen, die Offiziere seien mit ihren Familien bereits in Israel. Den SLA-Milizionären drohte in ihrer Heimat der Tod. Fadi Mansour flüchtete mit seiner Familie Hals über Kopf.

Ich bin ohne etwas hergekommen. Ich hatte noch die Tasche der Armee bei mir und für die Kinder hatten wir eine Tasche mit Fläschchen und Wasser.  Als wir ins Land kamen, haben sie uns alles abgenommen. 

— Fadi Mansour, ehemaliger Milizenkämpfer

Er habe noch seine Armee-Uniform getragen. Seine Stiefel habe er abgeben müssen. Wenn Fadi Mansour über den Abzug spricht, ist Verbitterung zu hören. Den Abzug aus dem Südlibanon hält er nach wie vor für falsch. Und er findet, dass die Leistung der SLA-Milizionäre, die flüchten mussten, in Israel bis heute nicht angemessen gewürdigt wird.

Ich habe meinen Weg nicht gewählt. Das taten Israel und der Libanon. Sie haben ein Abkommen geschlossen und ich habe den Preis dafür gezahlt. Wenn ich sterbe, möchte ich hier begraben werden und nicht dort. Ich habe dort nichts mehr zu suchen. Es gehört zur Vergangenheit.

— Fadi Mansour, ehemaliger Milizenkämpfer

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