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Gefahr gebannt - vorerst

Die Sorge vor weiteren Eskalationen im und am Gazastreifen hält auch nach der Waffenruhe weiter an

Die Eskalation am Samstag war so heftig wie seit 2014 nicht mehr. Vorerst herrscht nun Waffenruhe. Doch die Hamas setzt weiterhin darauf, brennende Flugobjekte nach Israel zu schicken – und Israel will sich das nicht länger gefallen lassen.

Von Benjamin Hammer
Am 16.07.2018

Die israelische Armee traut der Waffenruhe anscheinend nicht: Am Abend stellte sie weitere Einheiten ihres Raketenabwehrsystems „Eiserne Kuppel“ auf. Doch die Nacht verlief ruhig. Für die Bewohner der israelischen Gemeinden am Rande des Gazastreifens kehrte also wieder etwas Alltag zurück. Vor zwei Tagen waren vier Israelis in der Stadt Sderot verletzt worden, als eine Rakete von militanten Palästinensern in ihrem Haus einschlug. Im Gazastreifen wurden gestern zwei Jugendliche beerdigt. Nach palästinensischen Angaben hatten sie sich in der Nähe eines Gebäudes der Hamas aufgehalten, das von der israelischen Luftwaffe bombardiert wurde. Die Jungen sollen von Granatsplittern getroffen worden sein. „Er war in einem öffentlichen Park“, sagt der Onkel eines der getöteten Jungen. „Er spielte hier gerne mit seinen Freunden. Er trug keine Rakete bei sich. Er war nur ein unschuldiger Junge.“ Das Gebäude befand sich in einem dicht besiedelten Teil des Gazastreifens. Israel wirft der Hamas vor, das eigentlich zivile Gebäude für das Training ihrer Kämpfer missbraucht zu haben. Die Ereignisse am Wochenende: Es war die heftigste militärische Konfrontation zwischen Israel und der Hamas seit vier Jahren.

Wir stehen vor einer Situation, die noch komplizierter geworden ist. Am Samstag standen wir am Rande eines neuen Krieges.

— Nikolay Mladenov, Nahostgesandte der Vereinten Nationen

Laut Medienberichten waren es Mladenov sowie Vertreter Ägyptens, die am Wochenende eilig zwischen Israel und der Hamas vermittelten. Weil die miteinander verfeindet sind, führen sie keine direkten Verhandlungen. Die Waffenruhe wurde durch die Hamas verkündet. Israel hält sich mit Kommentaren in solchen Fällen traditionell eher zurück. Fakt ist: Die Lage hat sich weitgehend beruhigt. Aber längst noch nicht vollständig. „Ich appelliere an die palästinensischen Gruppen, keine weiteren Vorfälle am Grenzzaun zu Israel zu provozieren. Keine Raketen und Mörser mehr zu feuern. Die brennenden Drachen zu stoppen. Dem Frieden eine Chance zu geben. Und ich appelliere an den Staat Israel, äußerst zurückhaltend vorzugehen bei den Reaktionen auf die Lage im Gazastreifen“, so Mladenov. Es gehört zum Job des UN-Gesandten, diplomatisch vorzugehen, zu beschwichtigen. Die Rhetorik der meisten Politiker und Anführer im Nahen Osten klingt da in der Regel anders. Beide Seiten drohten sich, Gewalt der anderen Seite werde man mit voller Härte beantworten.

Die israelische Armee hat der Hamas den härtesten Schlag seit der Militäroperation vor vier Jahren versetzt. Ich hoffe, dass die Botschaft angekommen ist. Und wenn nicht, dann wird die Hamas es später begreifen. Ich habe übrigens gehört, dass Israel einer Waffenruhe zugestimmt habe, die es der Hamas erlaubt, weiterhin brennende Drachen und Ballons nach Israel zu schicken. Das stimmt nicht. Wir werden das nicht akzeptieren und entsprechend antworten.

— Premier Benjamin Netanjahu

Die Hamas stellt jedoch klar, dass sie weiterhin auf die brennenden Flugobjekte setzt. Was Israel als Terrorismus bezeichnet, ist aus ihrer Sicht eine legitime Form des Protestes. Und so könnte der Konflikt jederzeit wieder eskalieren. Die grundsätzlichen Probleme sind ohnehin nicht gelöst: Die Hamas verlangt, dass Israel seine weitgehende Blockade des Gazastreifens lockert. Israel fordert, dass die Hamas zunächst allen Formen der Gewalt abschwört – und zwar langfristig. Hinter den Kulissen laufen laut Medienberichten weitere Geheimverhandlungen unter internationaler Vermittlung. Das Ziel: Aus einer fragilen Waffenruhe einen langfristigen Waffenstillstand machen.