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Geduldete Antisemiten?

Die AfD zieht in den Deutschen Bundestag – doch in Israel sehen sie längst nicht alle als antisemitische Partei

Es ist ein gespaltenes Verhältnis: Während der Präsident des Jüdischen Weltkongresses von einer schändlichen Bewegung sprach, erwähnte Premier Netanjahu den Einzug der AfD in den Bundestag mit keiner Silbe. Das könnte auch am anti-islamischen Kurs der AfD liegen. Ein Beitrag von BR-Reporter Julio Segador.

Von Studio Tel Aviv
Am 06.10.2017

„Der letzte Nazi-Jäger“, steht da auf der Titelseite des Newsweek-Magazins vom 15. Juli, die eingerahmt an der Wand in dem kleinen Büro von Efraim Zuroff hängt. Und genau das ist er, Zuroff, der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. Er sucht die Täter von damals und benennt Antisemiten von heute. Dass dazu aber auch die AfD zählt, die künftig im Bundestag sitzt, und die nicht wenige für eine rechtsextreme und antisemitische Partei halten, sieht Efraim Zuroff anders:

Nein, die AfD ist keine Nazi-Partei. Es gibt hier eben nicht nur Schwarz oder Weiß, so wie einige jüdische Organisationen den Fall sehen.

— Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem
Der Nazi-Jäger Efraim Zuroff ist mit seinem Urteil über die AfD vorsichtig. Antisemitismus sieht er derzeit nicht. Foto: BR | Julio Segador

Damit meint Efraim Zuroff den Jüdischen Weltkongress, dessen Präsident Ronald Lauder von einer schändlichen Bewegung gesprochen hatte, die an das Schlimmste aus Deutschland erinnere. Zuroff, der Nazi-Jäger, sieht dies anders und ist dabei auf einer Linie mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der hatte nach der Bundestagswahl vor zunehmenden Antisemitismus von rechts und links gewarnt, und vor einem Erstarken islamischer Elemente. Die AfD hatte Netanjahu mit keiner Silbe erwähnt. Der renommierte deutsch-israelische Historiker Moshe Zimmermann wundert sich nicht über die Reaktion von Premier Netanjahu:

Diese Reaktion von Netanjahu ist typisch: typisch für Netanjahu persönlich und für die israelische Politik. Man drückt das rechte Auge zu. Es gibt den Islam und es gibt Israel auf der anderen Seite. Wer auf der Seite Israels gegen den Islam steht, ist unser Freund. Wer auf der anderen Seite ist und Israel kritisiert, ist unser Feind.

— Moshe Zimmermann, deutsch-israelischer Historiker
Historiker Moshe Zimmermann glaubt, dass die anti-islamische Haltung der AfD sie vor Kritik von Israels Regierung schützt. Foto: BR | Julio Segador

Die AfD hat vor allem mit ihrem aggressiven Kurs gegen muslimische Flüchtlinge von sich reden gemacht. In Israel ist dieser Kurs nicht besorgniserregend. Moshe Zimmermann sieht darin einen wichtigen Grund, weshalb die Regierung Israels den Einzug der AfD in den Bundestag nicht stärker kritisiert hat. „Aus jüdischer und auch aus israelischer Sicht wäre es besser, die Sache etwas differenzierter zu betrachten, sehr gut aufzupassen und in dem Moment, wo eine rassistische, rechtspopulistische Partei Erfolg hat, zu warnen. Das hat Israel nicht getan. Da ist die israelische Regierung in einer Situation, in der sie ihre eigentliche Botschaft verraten hat.“

Beweislage: mangelhaft

Dass die AfD zumindest in Teilen antisemitisch ist, steht für Moshe Zimmermann außer Frage. Er verweist auf die Forderung von AfD-Parteichef Alexander Gauland, man müsse wieder „stolz“ auf die „Leistungen“ deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen sein. Und auf die Aussage des Thüringer AfD-Landeschefs Höcke, der das Berliner Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte. Für Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem reicht all das aber nicht aus:

Im Fall der AfD ist nicht klar, ob sie sich in die Richtung einer antisemitischen Partei entwickelt. Wichtig ist, dass sie nicht in der Regierung sitzt. Die AfD wird die Regierungsarbeit von außen beeinflussen, das sicher, mit populistischen Positionen. Und dann muss die Regierung reagieren. Aber noch mal: Das Programm an sich ist nicht antisemitisch.

— Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem

Nazi-Jäger Zuroff ist gespannt, wie die parlamentarische Arbeit der AfD aussieht. Erst dann will er sich ein fundiertes Urteil erlauben. „Das Phänomen ist ja nicht nur auf Deutschland begrenzt. Ehrlich gesagt kann ich mir kein Urteil erlauben, und man muss abwarten, welche Richtung die Partei einschlägt.“

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2 thoughts on “Geduldete Antisemiten?”

    Markus Becker, Samstag, 07.10.17, 15:54 Uhr

    Vielleicht ist Bibi aus anderen Gründen still? Er hat schlicht und ergreifend Wichtigeres zu tun, als in den hysterischen anti-AfD Chor einzustimmen. Oder er hält es für unangemessen sich in die Innen ...

    Vielleicht ist Bibi aus anderen Gründen still? Er hat schlicht und ergreifend Wichtigeres zu tun, als in den hysterischen anti-AfD Chor einzustimmen. Oder er hält es für unangemessen sich in die Innenpolitik anderer Länder einzumischen. Oder es sind ganz andere Gründe. Die amerikanisch-israelische Schriftstellerin und Journalistin Orit Afra hat eine Wahlparty der AfD besucht und man glaubt nicht was dann passiert ist. Absolut unbezahlbares Video.

      Simon, Freitag, 13.10.17, 16:13 Uhr

      Hahaha geniales Video. Ich finde es gut, dass hier im Blog nun auch diese Seite beleuchtet wird.

      Hahaha geniales Video.

      Ich finde es gut, dass hier im Blog nun auch diese Seite beleuchtet wird.