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Gedenken nach 45 Jahren

Zeitzeugen erinnern sich an die Geiselnahme in München '72 – und an den langen Kampf um eine würdige Gedenkstätte

Olympische Spiele 1972: Bei der Geiselnahme in München sterben 11 israelische Sportler, darunter auch der Fechttrainer Andre Spitzer. Seine Frau Ankie kämpfte jahrzehntelang darum, dass mehr an die Opfer erinnert als eine unscheinbare Metallplatte. 45 Jahre später ist es nun so weit.

Von Tim Assmann
Am 06.09.2017

Ankie Spitzer wird diesen Moment nicht vergessen. Sie war 26 Jahre alt und bei ihrer Familie in Holland, als die Nachricht von der Geiselnahme in München kam. Zunächst wusste die junge Frau nicht, ob sich auch ihr Mann, der israelische Fechttrainer Andre Spitzer, in der Gewalt der Terroristen befand. Am Fernseher verfolgte Ankie Spitzer das Geschehen in München.

Gegen fünf Uhr am Nachmittag öffnen sich im zweiten Stock ein Fenster und Gardinen und auf einmal sehe ich Andre. Seine Hände waren hinter den Rücken gebunden. Er trug seine Brille nicht und ich wusste doch, wie sehr er sie braucht. Er wirkte so verletzlich. Plötzlich schlug ihn einer der Terroristen mit dem Gewehr und stieß ihn zurück in den Raum. Dann wurden die Gardinen zugezogen und das Fenster geschlossen. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

— Ankie Spitzer

Beitrag: Susanne Glass | Kamera: Alex Goldgraber | Ton: Ricardo Levy | Schnitt: Amir Tal.

In der folgenden Nacht erfuhr sie – wieder aus dem Fernsehen – vom blutig gescheiterten Befreiungsversuch. Andre Spitzer, zehn weitere israelische Sportler, ein bayerischer Polizist und fünf der acht Terroristen waren tot. Der Leichtathlet Shaul Ladany war damals auch in der israelischen Mannschaft und in einer Nachbarwohnung, als die Terroristen angriffen. Ladany, der als Kind das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebte, entging der Geiselnahme in München nur knapp. Freunde und Angehörige dachten kurz, er sei unter den Opfern.

Ich erfuhr später, dass das israelische Radio die Namen derer gesendet hatte, die in Sicherheit waren. Mein Name war nicht dabei. Nicht nur das: Ein paar Zeitungen druckten, ich sei auch getötet worden. Ein deutsches Lokalblatt, ich habe den Artikel, schrieb: ‚Beim zweiten Mal hatte Shaul Ladany auf deutschem Boden nicht so viel Glück.‘

— Shaul Ladany
Shaul Ladany entging der Geiselnahme knapp. Foto: BR | Tim Aßmann

Mindestens zweimal am Tag denke er noch an die Erlebnisse in München, sagt Shaul Ladany. Er wird nun auch an der Eröffnung der Gedenkstätte teilnehmen. Ankie Spitzer kämpfte Jahrzehnte für ein würdiges Gedenken an die Ermordeten von München. Das Internationale Olympische Komitee erfüllte diesen Wunsch erst 2016, als im olympischen Dorf von Rio de Janeiro an die Geiselnahme erinnert wurde: „Es gab eine Schweigeminute. Ich stand da und dachte: Andre, es dauerte 44 Jahre, aber nun ist es so weit. Gerechtigkeit ist geschehen.“ In Münchens olympischem Dorf war über Jahrzehnte eine unscheinbare Metallplatte an der Connollystraße 31 der einzige Hinweis darauf, was dort am 5. September 1972 seinen Anfang nahm. Ankie Spitzer reichte das nicht.

Viele Leute haben keine Ahnung, wo es passierte. Ich wurde angerufen und mir wurde gesagt, ich laufe hier seit Stunden herum und niemand kann mir sagen, wo das Haus ist, in dem es passierte. Dann kam ich nach München und auch die Leute, die in dem Haus wohnten, hatten keine Ahnung, was dort geschah.

— Ankie Spitzer

Die Errichtung einer Gedenkstätte im Olympiapark ist für Ankie Spitzer und die anderen Opferangehörigen ein wichtiges, wenn auch sehr spätes Signal, dass sich München seiner Geschichte stellt. Auch Ankie Spitzer wird an der Eröffnung teilnehmen: „Wenn mir Andre Spitzer nicht so wichtig gewesen wäre, wenn ich ihn nicht so geliebt hätte, dann hätte ich mich vielleicht anders verhalten, aber ich konnte nicht verarbeiten, dass dieser freundlichen Person so etwas angetan wurde und es niemand bedauerte. Ich brauchte 45 Jahre, aber ich bereue die lange und einsame Reise nicht, die für dieses Ergebnis nötig war. Es ist das, was ich wollte.“

Kommentare

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6 thoughts on “Gedenken nach 45 Jahren”

    Gottfried von Beutelratte, Mittwoch, 13.09.17, 17:01 Uhr

    @Doris "Wer tausende unschuldige Palästinenser in seinen Gefängnissen einsperrt muss damit rechnen, dass die Palästinenser auch versuchen werden Israelis einzusperren, um die gefangen zu tauschen." Er ...

    @Doris

    „Wer tausende unschuldige Palästinenser in seinen Gefängnissen einsperrt muss damit rechnen, dass die Palästinenser auch versuchen werden Israelis einzusperren, um die gefangen zu tauschen.“

    Erstaunlich, wie sie jeglichen Terroranschlag verteidigen und rechtfertigen. Witzig ist auch, das sie angebliche israelische Verbrechen hier anführen. Wenn ihnen dann entgegengehalten wird, das da irgendwelche Vorgeschichten da waren, liest man von ihnen, aufrechnen bringt nichts.

    Kümmern sie sich einmal um Lösungen. Sprechen sie mit Fatah- und Hamas-Funktionären und bereiten sie endlich Friedensverhandlungen vor, die von der arabischen Seite permanent verweigert werden!

      Doris, Freitag, 15.09.17, 13:41 Uhr

      Was für ein Quatsch. Frieden wird von Israel verhindert. Solange Israel die vertriebenen nicht zurück in die Heimat lassen will ist Israel nicht zum Frieden bereit. Stattdessen wird immer mehr Land be ...

      Was für ein Quatsch.
      Frieden wird von Israel verhindert.
      Solange Israel die vertriebenen nicht zurück in die Heimat lassen will ist Israel nicht zum Frieden bereit.
      Stattdessen wird immer mehr Land besetzt und gestohlen. Es gibt ein Rückkehrrecht! Recht!

      Ich verteidige auch keine Terroranschläge. Sie verteidigen hingegen die Unterdrückung und Entrechtung von Millionen Zivilisten durch eine terroristische Besatzungsmacht.

      und wenn sie hier von angeblichen israelischen Verbrechen sprechen merkt man dass sie keine Ahnung von der Vorgeschichte haben. Angeblich hat hier nichts zu suchen! Informieren sie sich erst mal!

      Nicht ich muss mit Hamas und Fatah sprechen. Es ist an Israel endlich auf die Palästinenser zu zu gehen und die Verbrechen vor und nach der Gründung Israels endlich wiedergutzumachen.

    gunther, Sonntag, 10.09.17, 8:37 Uhr

    Doris, schon vergessen? Ein Minderjähriger Palästinenser ermordet ein jüdisches Mädchen im Schlaf. Palästinensische Attentäter fahren in jüdische Zivilisten an Bushaltestellen. Islamistische Terrorist ...

    Doris, schon vergessen?
    Ein Minderjähriger Palästinenser ermordet ein jüdisches Mädchen im Schlaf.
    Palästinensische Attentäter fahren in jüdische Zivilisten an Bushaltestellen.
    Islamistische Terroristen fahren in Europa in Zivilisten in Paris, Berlin, Barcelona.
    Geht’s noch?

      Doris, Mittwoch, 13.09.17, 13:11 Uhr

      Ich habe hier nur ein paar Verbrechen israelischer Soldaten aufgezählt und wollte darauf aufmerksam machen, dass es nichts bringt die ganze Zeit aufzurechnen. Es muss sich endlich etwas ändern. Es ist ...

      Ich habe hier nur ein paar Verbrechen israelischer Soldaten aufgezählt und wollte darauf aufmerksam machen, dass es nichts bringt die ganze Zeit aufzurechnen. Es muss sich endlich etwas ändern.
      Es ist an dem Stärkeren auf den schwächeren zuzugehen. Es liegt an Israel seine Verbrechen endlich wiedergutzumachen.

    Ismael Isaak, Donnerstag, 07.09.17, 3:15 Uhr

    Wie Gunther im Parallelbericht schon geschrieben hat, sind die Israelis nicht gestorben, sondern ermordet worden. Ermordet wurden Sie von Arafats PLO. Da frage ich mich auch, wie Herr Steinmeier sich ...

    Wie Gunther im Parallelbericht schon geschrieben hat, sind die Israelis nicht gestorben, sondern ermordet worden. Ermordet wurden Sie von Arafats PLO. Da frage ich mich auch, wie Herr Steinmeier sich bei der Gedenkfeier gefühlt haben muß. Hat er doch erst kürzlich einen Kranz am Grab von Arafat niedergelegt.

      Doris, Freitag, 08.09.17, 14:04 Uhr

      Zum Glück haben Israelis noch nie Zivilisten ermordet. Sonst könnte man auf die Idee kommen, dass sie mit zweierlei Maß messen ... Ach das israelische Militär hat schon zehntausende Zivilisten ermorde ...

      Zum Glück haben Israelis noch nie Zivilisten ermordet. Sonst könnte man auf die Idee kommen, dass sie mit zweierlei Maß messen …

      Ach das israelische Militär hat schon zehntausende Zivilisten ermordet? Wann kommt dazu ihre Kritik?

      Was in München passiert ist war furchtbar. Israel hätte aber auch verhandeln können und so seine Sportler befreien können. Aber dazu war die Regierung nicht bereit.

      Wer tausende unschuldige Palästinenser in seinen Gefängnissen einsperrt muss damit rechnen, dass die Palästinenser auch versuchen werden Israelis einzusperren, um die gefangen zu tauschen.

      Israel war nicht bereit zu tauschen und die Deutsche Polizei hat es vergeigt.

      Es spielen mehr Faktoren eine Rolle!