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Gaza verliert seine Talente

Wer es schafft, eine Genehmigung zu erhalten, reist aus – vor allem studierte junge Menschen suchen ihr Glück anderswo

In Gaza liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 70 Prozent, pro Tag gibt es nur zwölf Stunden Strom und Mediziner warnen, dass akute Seuchengefahr besteht. Ihre Zukunft sehen viele junge, ausgebildete Palästinenser im Ausland. Für Gaza wird ihre Auswanderung zum Problem.

Von Benjamin Hammer
Am 12.03.2019

Junge Männer sitzen am Straßenrand nahe dem Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten und warten auf die Ausreise. Bloß raus aus Gaza – so sehen es im Moment viele angesichts der desolaten humanitären Lage. Aber nur eine kleine Minderheit bekommt eine Ausreisegenehmigung und kann den Küstenstreifen über Ägypten oder Israel verlassen. Sara Alafifi (s. Titelbild) hat es geschafft. Die 27-jährige Palästinenserin befindet sich im Moment in Italien. Sie wartet sie auf ein Arbeitsvisum für Japan. Eine internationale Handelsfirma hat ihr dort einen Job angeboten.

Es ist einfach nur großartig. Wenn man mich vor ein paar Monaten gefragt hätte, ob ich es einmal nach Japan schaffe, ich hätte geantwortet: Du bist verrückt!

— Sara Alafifi, Palästinenserin aus Gaza in Italien

Sara Alafifi hat im Gazastreifen englische und französische Literatur studiert. Sie ist eine von 20.000 Palästinensern, die im Küstenstreifen jedes Jahr einen Hochschulabschluss erwerben. Viele von ihnen bekommen nach der Uni keinen Job. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf Lebensmittelhilfen der Vereinten Nationen angewiesen. Pro Tag gibt es nur zwölf Stunden Strom. Und Mediziner warnen, dass in Gaza akute Seuchengefahr besteht.

Die Lage im Gazastreifen ist unerträglich. Jeden Tag wird es schlimmer. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich an diesem Ort überleben kann. Deshalb wollte ich den Gazastreifen immer verlassen.

— Sara Alafifi, Palästinenserin aus Gaza in Italien

Für die humanitäre Krise im Gazastreifen gibt es mehrere Gründe: Seit Jahren tragen die Bewegungen Hamas und Fatah einen innerpalästinensischen Machtkampf aus. Außerdem halten Israel und Ägypten den Küstenstreifen weitgehend abgeriegelt, seitdem die Hamas vor zwölf Jahren die Kontrolle übernommen hat. Israel gestattet den Bewohnern des Gazastreifens nur in Ausnahmefällen eine Ausreise. Ägypten wiederum schließt seine Grenze immer wieder und lässt pro Tag nur etwa 200 Menschen passieren. Dass momentan relativ wenige Menschen Gaza verlassen, liegt also nicht daran, dass sie nicht wollen. Sie können einfach nicht ausreisen. So sieht es auch der palästinensische Soziologe Mochsen Abu Ramadan.

Wenn sich die wirtschaftliche Lage nicht verbessert und die Grenze zu Ägypten permanent und für alle geöffnet wird, dann bin ich sicher, dass viele Menschen auswandern werden.

— Mochsen Abu Ramadan, Soziologe

Ein Riesenproblem sei das – so sieht es der Soziologe. Gaza drohe ein Brain Drain, ein Verlust gut ausgebildeter Palästinenser. Im Gazastreifen gibt es viele Geschichten von Menschen, die für eine kurze Reise eine Ausreisegenehmigung erhielten, aber nicht zurückkehrten.

 

Wenn die Menschen gehen, verlieren wir ihre Talente. Es ist nicht einfach, diese Leute auszubilden. Ärzte, Ingenieure, Lehrer. Ihre Ausbildung ist teuer. Wenn sie gehen, verlieren wir unsere Investitionen und die Möglichkeiten dieser Menschen. 

— Mochsen Abu Ramadan, Soziologe
Für den verarmten Küstenstreifen ist der Braindrain ein Problem, erklärt der Soziologe Mochsen Abu Ramadan. Foto: BR | Benjamin Hammer

Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen und die Weltbank – und auch der Soziologe Ramadan: Sie alle arbeiten an Programmen, die jungen Leuten einen Job ermöglichen sollen. So soll zum Beispiel die Gründung von Kleinunternehmen gefördert werden. Das Problem: Manche Arbeiter im Gazastreifen verdienen gerade einmal 100 Euro im Monat. Da kann die Geschäftsidee eines jungen Palästinensers noch so gut sein, die meisten potentiellen Kunden können sich die Produkte gar nicht leisten. Sara Alafifi, die junge Palästinenserin, die im Moment in Italien auf ein Arbeitsvisum für ihre Stelle in Japan wartet, weiß nicht, wann sie ihre Familie das nächste Mal sehen wird. Denn eine Rückkehr in den Gazastreifen ist beinahe genauso kompliziert wie die Ausreise.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass ich zurückkehren werde. Die einzige Sache, die mir am Herzen liegt, ist meine Familie. Wenn ich es nicht schaffe, sie aus Gaza rauszuholen, werde ich viele Dinge verpassen. Meine Nichte hat gerade Laufen gelernt und ich konnte das nicht miterleben. Ich kenne viele Leute, die nicht bei ihren Familien in Gaza sein konnten, wenn dort etwas Schlimmes passiert ist. Sie haben es einfach nicht rechtzeitig zurückgeschafft.

— Sara Alafifi, Palästinenserin aus Gaza in Italien

Die 27-jährige Sarah Alafifi  hat einen Traum: Ihre Heimat, der Gazastreifen solle einfach so sein, wie jeder andere Ort auf der Welt.

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Kommentare

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6 thoughts on “Gaza verliert seine Talente”

    Marco, Donnerstag, 14.03.19, 11:58 Uhr

    Ja der Hass der auf beiden Seiten an Kinder weitergegeben wird ist wirklich furchtbar. Sie müssen es aber nicht so darstellen, als wäre das nur auf palästinensische Seite so. Israelische Kinder werden ...

    Ja der Hass der auf beiden Seiten an Kinder weitergegeben wird ist wirklich furchtbar. Sie müssen es aber nicht so darstellen, als wäre das nur auf palästinensische Seite so. Israelische Kinder werden genauso mit Propaganda zum Hass erzogen. Es gibt Militäreinrichtungen in der schon israelische Kleinkinder zum Hass auf Araber erzogen werden. Gucken Sie sich die Bilder an auf denen israelische Kinder Raketen bemalen die auf Gaza gefeuert werden. Dann noch die radikale Siedlerjugend die täglich palästinensische Zivilisten terrorisiert und bei ihrem Terror von der IDF unterstützt werden. Davon gibt es genügend Videos im Netz.

    Andererseits darf man sich auch nicht wundern, wenn die Kinder sich von alleine radikalisieren. Jedes Kind in Gaza hat schon 3 israelische Angriffe und tausende tote Zivilisten erleben müssen. Zig Verwandte oder Nachbarn wurden unschuldig ermordet. Die sogenannten Kollateralschäden und die alltägliche Unterdrückung durch die IDF sind die Hauptursache für den Hass!

      Lotte, Freitag, 15.03.19, 13:45 Uhr

      "Es gibt (staatliche ?) Militäreinrichtungen, in denen israelische (also jüdische, christliche, muslimische, drusische ?) Kleinkinder (also 3 bis 6-Jährige) zum Hass auf Araber erzogen werden." Wie ko ...

      „Es gibt (staatliche ?) Militäreinrichtungen, in denen israelische (also jüdische, christliche, muslimische, drusische ?) Kleinkinder (also 3 bis 6-Jährige) zum Hass auf Araber erzogen werden.“

      Wie kommen Sie zu dieser Meinung?
      Wo steht das?
      Bitte, auch laut Kommentarrichtlinien: genaue Quellenangabe zum Gegenlesen und Überprüfen.
      Nur sich als BDS-Aktivist zu outen reicht nicht.

      martina, Samstag, 16.03.19, 17:12 Uhr

      hallo marco. ich finde auch, das du das mit den militäreinrichtungen belegen musst. nicht jedes video im netz ist echt. es kann auch gestellt sein. es kommt darauf an, wer das video veröffentlicht. us ...

      hallo marco.
      ich finde auch, das du das mit den militäreinrichtungen belegen musst.
      nicht jedes video im netz ist echt. es kann auch gestellt sein. es kommt darauf an, wer das video veröffentlicht. usw

      für meine begriffe bist du auch radikal. du hast hier in den kommentaren israel das existenzrecht abgesprochen. das ist für meine begriffe antisemitisch.

      in den gaza kriegen wurden auf beiden seiten zivilisten ermordet. aber du sprichst nur den kindern von gaza quasi das recht zu, sich zu radikalisieren. und vergisst, das radikalität von keiner seite eine lösung ist.
      gruß

      Lotte, Sonntag, 24.03.19, 10:25 Uhr

      Marco, wo bleibt Ihre Quellenangabe ? Ansonsten sind Ihre Behauptungen Propaganda oder Fake News oder beides. Oder dürfte laut Kommentarrichtlinien gar nicht durchkommen: "Ein Kommentar ist eine Meinu ...

      Marco,
      wo bleibt Ihre Quellenangabe ?
      Ansonsten sind Ihre Behauptungen Propaganda oder Fake News oder beides.
      Oder dürfte laut Kommentarrichtlinien gar nicht durchkommen:
      „Ein Kommentar ist eine Meinungsäußerung. Bitte vermeiden Sie es, unbelegte Behauptungen als Fakten darzustellen“.

    Florian, Donnerstag, 14.03.19, 10:11 Uhr

    Nachdem Israel Gaza 2005 geräumt hatte, wurden dort alle Einrichtungen der Israelis zerstört, sogar Gewächshäuser. Das ist doch vorausschauende Politik. Doch das macht ja nichts. Die internationalen M ...

    Nachdem Israel Gaza 2005 geräumt hatte, wurden dort alle Einrichtungen der Israelis zerstört, sogar Gewächshäuser. Das ist doch vorausschauende Politik. Doch das macht ja nichts. Die internationalen Milliarden fließen nach Gaza.
    Das Elend in Gaza ist schon daran zu erkennen, dass es dort nichts zu kaufen gibt. Deshalb will die Hamas schließlich auch für Strom nicht bezahlen, dafür für Raketen. Aber dann jammern, dass es nur 12 Stunden Strom gibt. Schuld sind immer die anderen. Das ist Kleinkindverhalten.

    ariel, Donnerstag, 14.03.19, 6:43 Uhr

    eine geschichte kurz vor dem israelischem abzug aus gaza. eine schule in gaza: Lehrerin: wer weisst wofuer die weisse farbe auf der palaestinensischen flagge steht? ahmed: das ist die farbe unseres ge ...

    eine geschichte kurz vor dem israelischem abzug aus gaza.
    eine schule in gaza:
    Lehrerin: wer weisst wofuer die weisse farbe auf der palaestinensischen flagge steht?
    ahmed: das ist die farbe unseres gewissens nach dem wir alle juden aus gaza vertreiben werden.
    L: wofuer steht die rote farbe?
    asad: die rote farbe ist die farbe unseres blutes das wir mit freude vergiessen werden um juden aus gaza zu verteiben.
    L: wofuer steht die gruene farbe?
    imad: die gruene farbe steht fuer den islam der ueber gaza herrschen wird, nach dem wir alle juden aus gaza verteiben werden.
    L: und wer weisst wofuer die schwarze farbe steht?
    mohamed: die schwarze farbe steht fuer unsere zukunft, die schwarz sein wird, nach dem wir alle juden vertrieben haben.