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Gaza leidet unter der Hitze

Bei Temperaturen über 30 Grad, auch im Haus, müssen die Menschen ohne Klimaanlage und Kühlschrank durchkommen

Unter den Bäumen sitzen, auf den Fließen schlafen, Strom vom Masten klauen: Die Menschen in Gaza versuchen alles, um den Hochsommer zu überstehen. Das Problem: Es fließen nur wenige Stunden Strom am Tag, der Treibstoff ist knapp. Für die Lage ist auch die Hamas verantwortlich. Ein Beitrag von BR-Reporter Kilian Neuwert.

Von Studio Tel Aviv
Am 07.08.2018

Der Gebetsruf des Muezzins hallt durch eine Ortschaft im Norden des Gazastreifens. Unverputzte Häuser neben solchen, deren Fassaden frisch gestrichen wirken. Dazwischen Baracken – aus Blech und Holz zusammengenagelt. Seit sechs Jahren ist diese Gegend die Heimat von Fares el Atar und seiner Familie. An der Seite seiner Frau führt der 28-Jährige in seine Hütte. Eine Plastikplane dient als Tür. „Hier das Bad. Und die Küche. Strom für den Kühlschrank klauen wir vom nächsten Masten.“Das Bad besteht aus einer Toilette und einer Schüssel zum Waschen. In der Küche stehen Gaskocher auf dem Boden. Es ist düster, stickig und heiß. Draußen brennt die Sonne vom Himmel. Über dreißig Grad zeigt das Thermometer. Fares al Atar hat Planen an Paletten genagelt und so diese Behausung für ihn, seine Frau und die fünf Kinder gebaut.

Wir finden kaum Schlaf bei der Hitze. Im Sommer ist es zu heiß hier. Und im Winter zu kalt. Alle zwölf oder 16 Stunden haben wir für rund vier Stunden Strom. Dann können wir den Ventilator anmachen. Aber sonst ist das kaum auszuhalten. 

— Fares el Atar, Gaza-Bewohner

Früher wohnte die Familie zur Miete. Doch Fares el Atar verlor seinen Job als Feldarbeiter. Jetzt findet er nur mehr selten Arbeit, erzählt er. Sein Schicksal teilen viele. Nach Angaben der Vereinten Nationen vom Juni stieg die Arbeitslosenquote im Gazastreifen im ersten Quartal 2018 auf 49 Prozent. Nun machen die heißen Sommermonate den Alltag für zehntausende Menschen noch schwerer. In der Nachbarschaft von Fares el Atar lebt Ibrahim Abeed Elaal. Auch seine Familie haust unter Blechen und Planen. Ihm rinnt der Schweiß von der Stirn, als er hereinbittet.

Uns geht es schlecht in Gaza. Schauen Sie sich nur um, das sehen sie ja sofort. Im Winter müssen wir zusammenrücken und uns gegenseitig wärmen. Jetzt im Sommer müssen wir Schatten suchen. Oft setzen sich die Kinder auch einfach unter die Bäume.

— Ibrahim Abeed Elaal, Gaza-Bewohner

Rund 25 Kilometer weiter südlich – in Khan Younis – wird Kemal Hamda Sadak von seinen Enkeln umringt. In einem Mehrfamilienhaus teilt sich der 70-Jährige eine Wohnung von rund 200 Quadratmetern mit seiner Familie. 25 Personen sind sie. Untere Mittelschicht. Zwar bröckelt der Beton der Fassade draußen, doch innen kühlt er: „Die Kinder machen die Fenster auf, damit nachts eine leichte Brise durchweht. Sie tragen leichte Kleidung und dann schlafen sie auf dem Boden. Auf den Fliesen. Auch die Frauen. Das kühlt.“ Großvater Kemal Hamda Sadak zeigt in eine Ecke. Dort schläft er selbst auf Kissen. Die Wasserversorgung im Viertel sei derzeit in Ordnung, sagt er, doch bei den dauernden Stromengpässen, da helfe nur Improvisation:

Wir haben Batterien aufgebaut und angeschlossen. Wenn wir Strom haben, dann werden die geladen und so kommen wir schon durch. Nachts haben wir dann ein wenig Licht von kleinen Lampen.

— Kema Hamda Sadak, Gaza-Bewohner

Etwas verbessern dürfte sich die Lage von Kemal Hamda Sadak, Fares el Atar und fast zwei Millionen weiteren Bewohnern des abgeriegelten Gazastreifens wohl erst, wenn die dort herrschende Hamas mehr für die Bevölkerung tut und mit Israel einen Waffenstillstand vereinbart. Möglicherweise lockern Israel und Ägypten im Gegenzug ihre seit Jahren bestehende weitgehende Blockade des Gazastreifens. Dann könnte unter anderem Treibstoff nach Gaza gelangen – für das einzige Kraftwerk des abgeriegelten Küstengebiets und für die zahlreichen Generatoren in Haushalten und Betrieben.

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7 thoughts on “Gaza leidet unter der Hitze”

    ariel, Donnerstag, 09.08.18, 8:31 Uhr

    wenn gaza so weiter macht, wird die hitze das kleinste problem der gazaner sein. (150 raketen wurden in den vergangenen stunden aus gaza auf israel abgefeuert) hamas ist gerade dabei sich zum 100. mal ...

    wenn gaza so weiter macht, wird die hitze das kleinste problem der gazaner sein.

    (150 raketen wurden in den vergangenen stunden aus gaza auf israel abgefeuert)

    hamas ist gerade dabei sich zum 100. mal zu verrechnen. sie glauben, dass israel keinen krieg will und daher keine bodenoffensive starten wird.

    Michael K., Mittwoch, 08.08.18, 21:52 Uhr

    Mit Kopfschütteln liest man diese Kommentare ( Gunther, Lustig, Gerd). Die sollte vielleicht einmal ein Beauftragter für Antisemitismus (Klein) lesen. Vielleicht würde es ihn bestürzen und ihm einige ...

    Mit Kopfschütteln liest man diese Kommentare ( Gunther, Lustig, Gerd). Die sollte vielleicht einmal ein Beauftragter für Antisemitismus (Klein) lesen. Vielleicht würde es ihn bestürzen und ihm einige Erkenntnisse zugleich geben.

    Hitze, kein Wasser, kein Strom, kein Geld, vielleicht kein ordentliches Zuhause. Das ist ein Problem. Kleine Geister reduzieren das Problem auf Hamas und wollen dabei Geschichte und Ursachen weglügen. Dabei ist es ein Problem, das Politiker schon längst gelöst haben müssten, bei vorhandenem moralischem Engagement und den notwendigen Mut.

    gunther, Mittwoch, 08.08.18, 8:39 Uhr

    Was ist Empathie? Bedeutet Empathie die Leugnung von Fakten? Heißt Empathie, dass die Hamas-Politik nicht klar benannt werden darf? Für die Situation in Gaza ist seit 2007 vor allem die Hamas verantwo ...

    Was ist Empathie?
    Bedeutet Empathie die Leugnung von Fakten?
    Heißt Empathie, dass die Hamas-Politik nicht klar benannt werden darf?
    Für die Situation in Gaza ist seit 2007 vor allem die Hamas verantwortlich.

    Lustig, Dienstag, 07.08.18, 15:23 Uhr

    "Bei Temperaturen über 30 Grad, auch im Haus" Oh, wie schrecklich! Ich fange gleich an, zu heulen! Ich leide auch unter der Hitze, die ging in D bis 36 °C und ich habe auch keine Klimaanlage. Ich setz ...

    „Bei Temperaturen über 30 Grad, auch im Haus“

    Oh, wie schrecklich! Ich fange gleich an, zu heulen! Ich leide auch unter der Hitze, die ging in D bis 36 °C und ich habe auch keine Klimaanlage. Ich setze mich nicht unter Bäume, weil mich dann womöglich noch eine Zecke anspringt. Und wenn man mir Geld schenken würde, wie man den Gaza-Bewohnern seit Jahren einen Haufen Geld schenkt, hätte ich mir eine Klimaanlage angeschafft und keinen Tunnel gebaut, keine Raketen gekauft usw.

    Aber jetzt muss erst mal geweint werden!

      Knut, Dienstag, 07.08.18, 18:41 Uhr

      Wie man so liest, befindet sich die Empathie wohl nicht nur bei einem Donald Trump auf einem bedenklichen Rückzug...

      Wie man so liest, befindet sich die Empathie wohl nicht nur bei einem Donald Trump auf einem bedenklichen Rückzug…

    gunther, Dienstag, 07.08.18, 15:02 Uhr

    Wer hat Israel aufgefordert, keinen Strom nach Gaza zu liefern? Wer bezahlt die Stromlieferungen nach Gaza nicht? Trotz Abermillionen internationaler Hilfsgelder. Ich bitte doch endlich darum festzust ...

    Wer hat Israel aufgefordert, keinen Strom nach Gaza zu liefern?
    Wer bezahlt die Stromlieferungen nach Gaza nicht? Trotz Abermillionen internationaler Hilfsgelder.
    Ich bitte doch endlich darum festzustellen:
    1. Israel ist an allem schuld.
    2. Palästinenser sind friedliebende Opfer. Grundsätzlich.
    3. Nur Palästinenser wollen Frieden.
    4. Israel will Krieg.

    Gerd, Dienstag, 07.08.18, 13:20 Uhr

    "Möglicherweise lockern Israel und Ägypten im Gegenzug ihre seit Jahren bestehende weitgehende Blockade des Gazastreifens. Dann könnte unter anderem Treibstoff nach Gaza gelangen – für das einzige Kra ...

    „Möglicherweise lockern Israel und Ägypten im Gegenzug ihre seit Jahren bestehende weitgehende Blockade des Gazastreifens. Dann könnte unter anderem Treibstoff nach Gaza gelangen – für das einzige Kraftwerk des abgeriegelten Küstengebiets und für die zahlreichen Generatoren in Haushalten und Betrieben.“

    Das ist falsch. Der Treibstoff- und damit Strommangel hat rein garnichts mit Israel und Ägypten zu tun, sondern ist einzig und allein die Folge des Machtkampfs zw. PLO und Hamas.