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Flucht vor dem Tod

Holocaustüberlebende erzählen

Sie alle haben kurz vor oder nach Beginn des Krieges Deutschland verlassen und somit überlebt. Doch jeder auf eine ganz andere Art und Weise. Die Überlebenden erzählen uns von einer weiten Flucht, Erinnerungen an Anne Frank und wie einer es sogar auf den israelischen Zwanzig Shekel Geldschein schaffte.

Von Studio Tel Aviv
Am 14.04.2018

Shanghai war die einzige Möglichkeit – Ruth Füredi

Ihre Geschichte gehört zu den weniger bekannten. Ruth Füredi überlebte den Holocaust durch eine Flucht nach Shanghai. Ihr Vater war bereits in Buchenwald inhaftiert, konnte aber unter der Bedingung, das Land innerhalb von vier Wochen zu verlassen, freikommen. Inzwischen war es bereits Januar 1939 und die Frage war, wohin sollte die Familie fliehen? Kein Land wollte sie aufnehmen doch dann ergab sich etwas:

Man konnte nach Shanghai ohne Pass und Visum kommen und diese Nachricht hat sich wie Feuer verbreitet.

— Ruth Füredi

Beitrag: Matthis Kattnig | Kamera: Alex Goldgraber | Ton: Ricardo Levi | Schnitt: Amir Tal, Ethan Spilkin

So bereitete sich Ruth Füredi mit ihren Eltern auf die Flucht vor. Das Geld, welches sie hatten war zwar von der Bank beschlagnahmt, konnte aber für die Flucht freigemacht werden.

Doch auch in Shanghai landeten die Juden in einem Ghetto. Damals herrschten hier die Japaner, die mit Nazi-Deutschland paktierten. Die Lebensumstände im Ghetto waren hart und bis weilen sogar grausam.

Das Ghetto wurde dann einfach festgelegt. Man hat gesagt, diese Straßen sind das Ghetto und das darf man nicht verlassen.

— Ruth Füredi

Jeder, der außerhalb des Ghettos gearbeitet hat, brauchte eine Genehmigung. Diese wurden von einem Japaner namens Goya vergeben. Er selber nannte sich den „König der Juden“. Gab es jemanden der größer als er war, sprang er manchmal auf den Tische und schrie: „Ich bin größer als du.“ Er ließ auch Leute einsperren.

Insgesamt blieb Ruth Füredi zehn Jahre in Shanghai. 1948 wanderte sie schließlich in das damals gegründete Israel ein. Nach Europa kommt sie nur noch selten zurück. Der dort immer noch vorhandene Antisemitismus und das Erstarken rechtslastiger Parteien machen ihr aber schwer zu schaffen:

Ich brauch Ihnen doch nicht zu sagen, wie die Politik jetzt aussieht in Deutschland und in Österreich. Die neuen Parteien die hier sind.
Ich glaube an nichts und niemanden mehr.

— Ruth Füredi

Erinnerungen an Anne Frank – Dan Philipp

Dr. Dan Philipp wurde 1928 in Aachen geboren. Damals lebte auch für einige Monate Anne Frank dort. Er erinnert sich, wie er ihr als Kind eine Einladung zum Seilhüpfen abschlug und es jedoch später bereute:

Nachdem ich das erfahren habe, habe ich allen Mädels in der Schulklasse Seile geschwungen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich hätte was machen müssen.

— Dr. Dan Philipp

Beitrag: Mike Lingenfelser | Kamera: Alex Goldgraber | Ton: Ricardo Levi | Schnitt: Amir Tal

Im Alter von 10 Jahren wurde er von der Gestapo vergewaltigt und sexuell Missbraucht. Konnte aber dennoch im Jahr 1939, mit seiner Mutter, nach Palästina/Israel fliehen.

Auf die Frage, ob sich etwas wie der Holocaust wieder ereignen kann, meint er:

Es passiert, es passiert die ganze Zeit. Nicht auf die Art und Weiße wie damals, aber es passiert.

— Dr. Dan Philipp

Wie sein Gesicht auf einen Geldschein kam – Ze´ev Hirschberg

Ze´ev Hirschberg kam 1940 nach Israel, zuvor war er in einem Vorbereitungscamp in Polen. Mit Ausreisedokumenten schaffte er es von Triest nach Haifa, Israel, mit dem Schiff.

Das Beste Gefühl war, raus aus Deutschland.

— Ze´ev Hirschberg
Foto: BR

Später ging Ze´ev Hirschberg zum Englischen Militär und kämpfte gegen die Wehrmacht in Ägypten. Er und seine Kollegen wurden deshalb auch auf den Israelischen Zwanzig Shekel Schein abgebildet.

Der Ausgang der letzten Bundestagwahl in Deutschland macht ihm jedoch Sorgen. Sein Kommentar dazu:

AfD – Alles für Deutschland.

— Ze´ev Hirschberg

Zum Autor: Matthis Kattnig

Täglich bewegen ihn Geschichten von Überlebenden. Seit Juli 2017, arbeitet er als österreichischer Freiwilliger in einem Altersheim in Israel. Dieses Altersheim ist eines von denen, welche ursprünglich für deutschsprachige Überlebende gegründet wurden. In dem Heim lernte er Ze´ev Hirschberg und Ruth Füredi kennen. Außerhalb davon auch Dan Philipp. Den Freiwilligendienst machte er mit dem Verein Österreichischer Auslandsdienst. Dieser Verein bietet unter anderem Gedenkdienst an. Auf der ganzen Welt wird mit Überlebenden, Jüdischen Einrichtungen, Archiven und Museen zusammen gearbeitet. Neben Israel u. a. auch in Rom, Paris, Shanghai, Melbourne und New York. www.auslandsdienst.at

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1 thought on “Flucht vor dem Tod”

    Lotte, Sonntag, 15.04.18, 13:40 Uhr

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