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"Es gibt nur eine Option: Zwei Staaten"

Saeb Erekat, Chefunterhändler der Palästinenser, über Aussichten auf Frieden und einen eigenen Staat

Es ergebe keinen Sinn, einen palästinensischen Staat zu haben, wenn Ostjerusalem nicht die Hauptstadt ist, erklärt Saeb Erekat im Gespräch und macht deutlich: Die USA kommen für die Palästinenser als Vermittler nicht mehr infrage.

Von Benjamin Hammer
Am 10.12.2018

Für einen Mann mit dieser Krankenakte sieht Saeb Erekat ziemlich gesund aus. Er fühle sich gut, sagt er, er laufe jeden Tag sieben Kilometer. Saeb Erekat hat vor einem Jahr eine neue Lunge bekommen. Er sitzt in einem Ledersessel in seinem Büro in Ramallah. Hinter ihm an der Wand hängt ein großes Foto der Altstadt von Jerusalem.

Erekat: Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen. Auf dem Weg in den Operationssaal habe ich große Traurigkeit gefühlt. Dass ich vielleicht gehen muss, ohne das zu erreichen, wonach ich mein Leben lang strebe. Ich habe nur eine Sache auf meiner Agenda: Ich möchte Frieden schließen.

Hammer: Sie haben einen großen Teil ihres Lebens für einen palästinensischen Staat gekämpft. Einen solchen Staat gibt es aber nicht und es sieht nicht danach aus, dass er in Reichweite ist. Sind Sie müde und frustriert?

Erekat: Ich bin nicht müde. Ich bin nicht frustriert. Ich kenne die Fakten. Die Juden werden doch nach 5700 Jahren nicht auf einmal zum Islam oder zum Christentum konvertieren und zu Palästinensern werden. Wir wiederum werden nicht zum Judentum konvertieren und keine Israelis. Es gibt nur eine Option: zwei Staaten, die Seite an Seite in Sicherheit und Frieden bestehen. Leben und leben lassen. Wenn es keinen Frieden gibt, wird Blut fließen. Und das ist traurig.

Hammer: Sie haben mit mehreren US-Regierungen verhandelt und mehrere US-Präsidenten getroffen. Was unterscheidet Donald Trump und seine Berater von seinen Vorgängern?

 

Erekat: Sie sind anders. Die Grundhaltung früherer US-Regierungen war immer: Zwei Staaten entlang der Linie von 1967, ein Tausch von Gebieten, wo diese Linie nicht eingehalten werden kann. Verhandlungen über die Frage von palästinensischen Flüchtlingen und Wasserressourcen. Dann kam die Trump-Regierung. Ich habe diese Leute 37 Mal getroffen. Jedes Mal haben sie sich geweigert, zu sagen: Wir wollen zwei Staaten entlang der Linie von 1967. Jedes Mal haben sie sich geweigert, zu sagen: Israelische Siedlungen sind illegal und stehen dem Frieden im Weg. Es ist ganz klar: Diese Menschen haben sich disqualifiziert, irgendeine Rolle im Friedensprozess zu spielen.

Doch aktuell spielt auch der Chefunterhändler Saeb Erekat keine große Rolle mehr. Seitdem Donald Trump vor einem Jahr Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, weigern sich die Palästinenser, mit Vertretern der US-Regierung auch nur zu sprechen. Die Führung der palästinensischen Autonomiebehörde ist in der eigenen Bevölkerung unbeliebt. Der palästinensische Präsident Machmud Abbas ist 83 Jahre alt und weigert sich, die Macht abzugeben. Die letzten Wahlen liegen zwölf Jahre zurück. Und dann ist da noch der Machtkampf von Erekats Fatah-Partei mit der Hamas. Die kontrolliert den Gazastreifen seit Jahren. Eine Versöhnung zwischen den beiden Bewegungen ist mehrfach gescheitert.

Erekat: Wir von der Fatah-Partei und die Hamas unterscheiden uns in jeder Hinsicht. Bei sozialen Fragen, Frauenrechten, der Wirtschaft, der Bildung. Aber ich kann die Hamas nicht ausradieren. Und die Hamas kann mich nicht ausradieren. Ich sage also: Wenn wir Streitfragen haben, sollten wir die Wahlzettel sprechen lassen. Und nicht die Waffen. Und dieses Prinzip muss die Hamas akzeptieren.

Hammer: Lassen Sie uns noch einmal auf Jerusalem schauen. Die USA und Israel argumentieren: Wenn sich die Palästinenser weigern, zu verhandeln, dann machen wir es eben ohne sie. Dann wird es weitere Entscheidungen geben, wie die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt. Und trotzdem weigern Sie sich im Moment, Vertreter der US-Regierung zu treffen.

Erekat: Schauen Sie. Mein Präsident kann Ramallah nicht verlassen, ohne vorher die Genehmigung des israelischen Armeekommandeurs in der Siedlung Beit El einzuholen. Ich hätte heute nicht von Jericho nach Ramallah kommen können, um sie zu treffen, wenn die Israelis mir das nicht gestattet hätten. Wir leben unter Besatzung. Und jetzt sagen die USA: Jerusalem ist Israels Hauptstadt. Sie haben das Geld für das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge gestrichen. Sie haben mein Vertretungsbüro in Washington geschlossen. Also: Worüber wollen die Amerikaner mit mir überhaupt noch sprechen? Sie haben mich in eine Position gebracht, in der ich nichts mehr zu verlieren habe.

Hammer: Glauben Sie, dass die Europäische Union und Deutschland helfen können?

Erekat: Absolut. Europa kann führen. Als Präsident Abbas gefragt wurde: „Wer soll vermitteln?“, antwortete er: die Europäische Union. Dabei geht es doch auch um unsere geografische Nähe: Die Europäer sind neben den Arabern die zweiten Opfer der Verbrecher und Mörder des islamischen Staates. Warum also kann Europa in unserer Region nicht führen? Warum führen sie nicht bei Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern? Aber: Wenn Europa „Zwei Staaten“ sagt, warum erkennt Europa dann nur Israel an? Und nicht Palästina?

Hammer: Wir hören immer wieder einen Vorwurf, von jenen, die auf der Seite Israels stehen. Diese Leute kritisieren scharf, dass die palästinensische Autonomiebehörde Geld an Familien von Terroristen zahlt, die entweder im Gefängnis sitzen oder bei ihren Angriffen getötet wurden. Ihre Kritiker sagen, dass Sie damit den Terrorismus unterstützen. Warum machen Sie das?

Erekat: Am 13. Dezember 2016 war mein Neffe auf dem Weg von einem Vorort von Jerusalem nach Ramallah. Er war ein Offizier des palästinensischen Geheimdienstes. Er musste an einem israelischen Checkpoint anhalten. Es kam zum Streit. Er schoss auf sie. Auch die Israelis schossen und töteten ihn. Mein Neffe hinterließ drei Töchter und seine Ehefrau. Was soll ich mit denen machen? Sie gemeinsam mit ihrem Vater begraben? Natürlich haben wir eine soziale Verantwortung. Unseren Gefangenen gegenüber, unseren Märtyrern gegenüber. Wir tun das seit 1967.

Mit „Märtyrer“ bezeichnen Palästinenser auch Attentäter, die bei ihren eigenen Angriffen ums Leben kommen.

Erekat: Jerusalem bedeutet für mich: meine Kultur. Mein Glaube. Meine Religion. Meine Psychologie. Meine Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ergibt keinen Sinn, einen palästinensischen Staat zu haben, wenn Ost-Jerusalem nicht die Hauptstadt ist.

Hammer: Glauben Sie, dass Ihre Kinder oder zumindest Ihre Enkelkinder eines Tages in einem Staat leben werden, der „Palästina“ heißt?

Erekat: Absolut!

Kommentare

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4 thoughts on “„Zwei Staaten als einzige Option“”

    gunther, Dienstag, 11.12.18, 9:15 Uhr

    Erekat verschweigt zu viel: Es gibt keinen Staat Palästina und es gab nie einen. 1948 haben die Araber die Zwei-Staaten-Lösdung abgelehnt. Stattdessen Israel überfallen. Die "Palästimnensert" sollten ...

    Erekat verschweigt zu viel:
    Es gibt keinen Staat Palästina und es gab nie einen.
    1948 haben die Araber die Zwei-Staaten-Lösdung abgelehnt. Stattdessen Israel überfallen.
    Die „Palästimnensert“ sollten behandelt werden wie alle Flüchtlinge weltweit. Aber ihr Flüchtlingsstatus wird verebt bis in die 4. Genmeration, sogar auf Adoptivkinder.
    UNRWA unterstützt den Terror.
    Terroristen werden mit lebenslanger Rente bis zu 3.000 Dollar alimentiert und als Helden gefeiert. Durch die Fatah.
    Die Hamas lobt die Terrorattacken auf israelische Zivilisten.
    Hamas, Hisbollah und Iran haben als Ziel die Vernichtung Israels.
    Ost-Jerusalem war niemals palästinensisch, sondern von Jordanien besetzt. Dabei wurden dann alle Juden vertrieben, Häuser und alle Synagogen zerstört.

    Die Fragen von Hammer sind, vornehm formuliert, naiv. Er gibt Erekat die Möglichkeit, viel zu verschweigen. So kann Erekat sich als Friedensengel darstellen.
    Einschätzung der Aussagen Erekats und kritisches Hinterfragen: null.

      Michael K., Dienstag, 11.12.18, 17:27 Uhr

      In der Frankfurter Rundschau konnte man vor einigen Tagen lesen, Noam Chomsky, amerikanisch-jüdischer Linguistik Professor, wurde dieser Tage 90. Ihm bescheinigt man, einer der großen Intellektuellen ...

      In der Frankfurter Rundschau konnte man vor einigen Tagen lesen, Noam Chomsky, amerikanisch-jüdischer Linguistik Professor, wurde dieser Tage 90. Ihm bescheinigt man, einer der großen Intellektuellen dieser Welt zu sein. Intellektuelle Rigorosität zeichnet ihn aus mit der er Ungerechtigkeit in dieser Welt begegnet. So will er unermüdlich daran erinnern, dass die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gleichzeitig Sklavenhalter waren, also man Menschen unbedacht ungleich behandelte. Daher auch seine Kritik an israelischer Politik. Schon die Schaffung des Staates Israels bezeichnet er als einen Akt des europäischen Kolonialismus. Die Be- und Verdrängung der Palästinenser würde in dieser Tradition stehen. Genau, als hätten Palästinenser keine Rechte. Als könnte man das Volk ausradieren, das einst die überwiegende Mehrheit Palästinas ausmachte. Der Geist des Sklavenhalters herrscht immer noch. Wer schwach und unterdrückt ist hat keine Rechte. Der Aufschrei dagegen verebbt.

      ariel, Donnerstag, 13.12.18, 12:05 Uhr

      es gab immer juden im nahost. waehrend es den juden in europa meistens gut ging und man sie in ruhe liess, waren die orientalischen juden immer menschen zweiter klasse. das berichten durchweg alle aus ...

      es gab immer juden im nahost. waehrend es den juden in europa meistens gut ging und man sie in ruhe liess, waren die orientalischen juden immer menschen zweiter klasse. das berichten durchweg alle aus orient stammende juden. deswegen gab es keinen einzigen sephardischen rabbiner, der gegen zionismus gewesen ist. sie sahen zionismus als erloesung. die juden haben eine loesung fuer sich gefunden. dabei wurden viele vertrieben und mussten riesiges besitz zuruecklassen.

      die araber sind fuer die misere selbst verantwortlich. sie sind verantworltich, da sie den juden mehr als tausend jahre lang als geduldete, aber nicht gleichberechtigte fremde behandelten, sie sind veratworltlich, weil sie den teilungsplan nicht akzeptierten und sie sind verantwortlich, da sie die fluechtlinge nicht integrieren wollten.

      sie haben einen graben fuer die juden gegraben, sind selbst darein gefallen und heulen jetzt, dass die juden daran schuld sind.

      und nocam chomsky schreib, was jeder guter sozialist macht.

    Alexander, Dienstag, 11.12.18, 6:18 Uhr

    Der werte Herr lebt in der Vergangenheit. Gut für die Israelis und die Palästinenser, dass seine Phantasien nie verwirklicht werden.

    Der werte Herr lebt in der Vergangenheit. Gut für die Israelis und die Palästinenser, dass seine Phantasien nie verwirklicht werden.