1. Israelisch-Europäischer Mediengipfel

Internationale Experten debattieren über Antisemitismus, Hate-Speech und Fake-News

Von Mike Lingenfelser
Am 08.09.2020

Was setzt man Hassreden, Antisemitismus und Verschwörungstheorien entgegen? Werden Medienschaffende ihrer Verantwortung gerecht und wie erreicht man die junge Social Media-Generation? Brennende Fragen, auf die viele kluge Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Journalismus und Religion auf dem ersten Israelisch-Europäischen Mediengipfel ab heute drei Abende lang nach Antworten suchen.

 

Ausgerechnet die Sozialen Medien, die Debatten öffnen und bereichern wollten, hätten sich zu „einer Petrischale von Hass und Extremismus aller Art“ entwickelt, warnt Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in ihrem Grußwort für die Tagung. Knobloch hat den Holocaust in einem Versteck auf einem bayerischen Bauernhof überlebt. Es brauche auch „eine mediale Strategie für das Gedenken in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt“, fordert sie. „Schon heute zählen die Leugnung, Relativierung oder Instrumentalisierung des Holocaust zu den wichtigsten Motiven rechtsextremer Propaganda.“ Der erste Gipfelabend steht ganz im Zeichen des Holocaust und der Frage, wie im digitalen Raum damit umgegangen werden kann. Das millionenfach geklickte Instagram-Projekt „Eva Stories“ – die berührende Verfilmung des Tagebuches der jungen Eva Heyman im Holocaust – ist ein Beispiel, das der israelische Medienunternehmer Mati Kochavi in die Debatte einbringt.

 

Das ARD-Studio Tel Aviv, das seit mehr als fünf Jahrzehnten vom Bayerischen Rundfunk getragen wird, ist Mitinitiator und –veranstalter. BR-Intendant Ulrich Wilhelm wird eine der Eröffnungsreden des Mediengipfels halten.

 

Am Mittwoch liegt der Fokus auf dem zunehmenden Antisemitismus. Prof. Dina Porat von der Universität Tel Aviv hat in einer weltweiten Internet-Auswertung untersucht, welchen Effekt die Corona-Pandemie auf die grassierende Judenfeindlichkeit hat. Die Bertelsmann Stiftung stellt eine neue Studie zur gegenseitigen Wahrnehmung von Europäern und Israelis vor. Der Liedermacher Wolf Biermann spricht mit ARD-Studioleiterin Susanne Glass darüber, wie man Populisten und Extremisten mit Kreativität entgegen treten kann. Biermann: „Demonstrieren kann man nicht nur auf der Straße. Ein richtiges Gedicht an der richtigen Stelle veröffentlicht hat größere Wirkung als die 160 Pfund Menschenfleisch“, die er auf die Straße bringe.

 

Den Blick in die technologische Zukunft richten die Gipfelteilnehmer am Donnerstag. Vertreter der großen israelischen Start up-Szene werden ihre Innovationen vorstellen. „Storymachine“-Gründer und ex-Chefredakteur Kai Diekmann spricht über die Macht von Social Media. Und eine Runde junger Journalistinnen und Journalisten diskutiert, ob die Sozialen Medien bereits die „fünfte Macht im Staat“ sind.

Von „Start up Media Tel Aviv” sollen Impulse ausgehen. Und das ist erst der Anfang, so Gipfelmitbegründerin Susanne Glass: „Ich hoffe, dass am Ende alle Beteiligten neue Erkenntnisse und Anregungen gewonnen haben. Sie dürfen auch gerne mindestens so viele Fragen wie Antworten mitnehmen. Denn wer Fragen hat, bleibt gesprächsbereit.“

 

Wegen der Corona-Pandemie muss der erste israelisch-europäische Mediengipfel statt in Tel Aviv nun online abgehalten werden. Doch darin liegt auch ein Vorteil. Via Livestreams können Interessierte weltweit kostenlos teilnehmen und alle Panels über die Homepage www.media-tlv.com mitverfolgen.

 

 

 

 

 

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