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Erinnern und Mahnen

Die Nazis wollten auch die Erinnerung an die Juden auslöschen – in Yad Vashem wird sie heute bewahrt 

Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Immer weniger Zeitzeugen sind heute noch am Leben. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sammelt deshalb Dokumente, interviewt Überlebende – und erreicht junge Leute heute im Netz.

Von Tim Assmann
Am 09.02.2020

Chaim Gertner geht voran, in einen der Räume, die man als Gedächtnis von Yad Vashem bezeichnen kann. Gertner ist der Direktor des Archivs der Gedenkstätte.

Wir sind jetzt in einem der Archivräume für unsere Sammlung. Wir haben die größte dieser Art weltweit und wir wollen sie für kommende Generationen bewahren.

— Chaim Gertner, Archiv-Direktor von Yad Vashem
Chaim Gertner ist der Direktor der Archive von Yad Vashem. Foto: BR | Tim Assmann

In großen Stahlschränken mit Mappen, in Regalen hinter Glas, zum Teil in Karteikästen wird aufbewahrt, was die Archivare über den Massenmord an den europäischen Juden zusammengetragen haben. Die Wissenschaftler suchen selbst und sie bekommen Dokumente. 210 Millionen Seiten sind so zusammen gekommen. Es sind zum Teil Schriftstücke aus der Feder der Täter. Deportationslisten. Aufzeichnungen über erfolgte Erschießungen. Gesammelt werden auch Dokumente der Opfer: Geburtsurkunden, alte Pässe, Fotos, Einwohnermeldedaten. Die Archivare in Yad Vashem versuchen, diese Daten zu verbinden, Einzelschicksale von Opfern zu rekonstruieren.

Die Archive können die Geschichte einer ganzen Familie erzählen, die ausgelöscht wurde und an die sich niemand erinnert. Wenn man die Dokumente verbindet, ermöglicht man jüngeren Generationen den Blick auf das Schicksal dieser Familie.

— Chaim Gertner, Archiv-Direktor von Yad Vashem
Originaldokumente sind ein zentraler Teil der Sammlung. Foto: BR | Tim Assmann

Die Nazis wollten die Juden nicht nur ermorden, sondern auch jede Erinnerung an sie auslöschen, erzählt Archivdirektor Gertner.

2004 kannten wir nur die Namen von 2,7 Millionen Opfern, also von weniger als der Hälfte der ermordeten Juden. Auf Basis unserer Arbeit haben wir nun Informationen zu mehr als 4,8 Millionen Opfern.

— Chaim Gertner, Archiv-Direktor von Yad Vashem

Die Dokumente werden nach und nach online gestellt – um über die Opfer zu informieren aber auch, um mehr zu erfahren. Chaim Gertner zeigt ein digitalisiertes Foto, das auf der Internetseite von Yad Vashem zu finden ist. Zu sehen sind Frauen in einer Wäscherei.

Zu dieser sehr seltenen Farbaufnahme aus einer Wäscherei im Ghetto von Lodz schrieb uns eine Dame, sie hieß Carol, die Frau links außen auf dem Bild, ist meine Mutter.

— Chaim Gertner, Archiv-Direktor von Yad Vashem

Wie soll an den Massenmord erinnert werden, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind, um zu berichten? In Yad Vashem wurden alleine im vergangenen Jahr 1300 Holocaustüberlebende interviewt. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, sagt Archivdirektor Chaim Gertner.

Mir geht es um meine, um unsere Kinder. Sie kennen lebende Zeitzeugen nicht und ich möchte, dass Sie mit der Geschichte verbunden sind, dass es ihre wird.

— Chaim Gertner, Archiv-Direktor von Yad Vashem

Um die Jugend zu erreichen, nutzt Yad Vashem auch deren Plattformen. Das Team der Gedenkstätte ist auf Twitter, Facebook und Instagram aktiv und betreibt Youtube-Kanäle in mehreren Sprachen.

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