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Erinnern und Gedenken

Am Holocaustgedenktag in Israel wird den Opfern der Schoah gedacht und Überlebende erzählen, wider das Vergessen

Sirenen heulen, alles steht still, selbst auf der Autobahn stoppen die Menschen ihre Autos und halten für eine Minute inne. Am Holocaust-Gedenktag erinnert Israel an die Ermordung von sechs Millionen Juden.

Von Studio Tel Aviv
Am 12.04.2018

Das Theatron Edut ist ein Theater der Zeitzeugen: Israelische Schüler treffen Holocaustüberlebende und führen deren Biografien auf. Ein Beitrag von Michael Brandt.

„Raus, raus“, ruft die 13-jährige israelische Schülerin. Sie probt für das Theater der Zeitzeugen, das Theatron Edut. Das Projekt bringt Schüler israelischer Mittelschulen und Holocaustüberlebende zusammen. Am Ende führen sie die Biografien der Überlebenden gemeinsam auf. Auch Uri Themals Geschichte wird erzählt. Geboren wurde er 1940 in Berlin. Als Kind überlebte er die Schoa mit seiner Mutter unter falschem Namen in einem kleinen Dorf in Westpreußen. Nachdem er als Journalist in Berlin und später als Regierungsbeamter in Australien gearbeitet hatte, zog er 2007 nach Israel. Heute lebt der 77-Jährige in einer Kleinstadt in der Nähe von Haifa.

Es ist wichtig, dass die Geschichten weiter erzählt werden, weil es leider heute Leute gibt, auch schon Regierungen, die versuchen, die Geschichte zu vertuschen oder im Extremfall zu behaupten, dass die ganze Sache nicht geschehen war. Und da ist es wichtig, dass wir, die wir die Überlebenden sind, das weiter bezeugen.

— Uri Themal, Holocaustüberlebender

Ein Jahr lang haben sich die Schüler jede Woche mit den Holocaustüberlebenden getroffen. Dann war es so weit: der Tag der Aufführung. Der Saal in Kiryat Tivon ist dunkel, das Publikum ruhig. Der 14-jährige Yishai spielt Uri:

Ich denke, wir werden es unseren Kindern erzählen und die dann ihren Kindern. So wird die Geschichte ewig erhalten bleiben.

— Yishai

Jedes Stück wird gefilmt und archiviert. Auf diese Weise werden mehr als nur die Geschichten für die nächsten Generationen bewahrt. Angst, Hektik, Tragik und Trauer  ‒ all das wird hör- und sichtbar. Auf der Bühne erzählt Uri Themal auch selbst seine Geschichte: „Ich finde es heute noch schwer, darüber zu sprechen, aber ich weiß, dass ich darüber sprechen muss. Meine Geschichte ist eigentlich die Geschichte eines Kleinkinds, das durch den Mut und die Intelligenz besonders meiner Mutter überlebt.“ Sich zu erinnern und das Erlebte zu verarbeiten ‒ das Theatron Edut soll den Überlebenden die Möglichkeit dazu geben. Irit Dagan führt Regie. Sie gründete das Theaterprojekt vor 19 Jahren.

Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem meine Mutter immer erzählte, was sie in Auschwitz erlebt und wie sie gelitten hatte. Ich wollte diese Geschichten nicht hören und habe meine Ohren immer verschlossen. Als ich dieses Projekt begann, sagte ich: Das ist dein Ausgleich zu dem, was du als Kind nicht hören wolltest.

— Irit Dagan, Regisseurin

Bereits 58 Stücke hat die Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin gemeinsam mit ihrem Ehemann arrangiert. Auch in New York und Köln gastierte das Projekt bereits. Zurzeit läuft es parallel an mehreren Schulen in ganz Israel. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Das weiß auch Uri Themal: „Wir werden alt und nacheinander sterben die Überlebenden aus. So ein Projekt bringt das weiter zur jungen Generation.“ Das Theatron Edut will in Zukunft auch die Lebensgeschichten der Kinder von Schoa-Überlebenden erzählen. Einen Schlussstrich wird es also so lange nicht geben, wie nachfolgende Generationen erinnern.