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Entsetzen über polnisches Holocaust-Gesetz

In Israel reagieren viele schockiert über die Entscheidung in Polen, auch Historiker warnen vor Geschichtsneuschreibung

Polen will klarstellen, dass es deutsche Konzentrationslager in ihrem Land waren und nicht polnische KZs - auch Israelis haben dafür Verständnis. Doch das neue polnische Gesetz ist so unpräzise, dass selbst Forschung über die Mittäterschaft von Polen im Nationalsozialismus schwierig werden könnte. Die Regierungen beider Länder versuchen nun, eine diplomatische Eskalation zu verhindern.

Von Benjamin Hammer
Am 02.02.2018

Für das neue Gesetz, das in ihrer früheren Heimat Polen verabschiedet wurde, hat Halina Birenbaum absolut kein Verständnis. Die Jüdin, die später nach Israel auswanderte und Schriftstellerin wurde, überlebte das Warschauer Ghetto und das Vernichtungslager von Auschwitz.

Alle wissen doch, dass die Deutschen den Holocaust begangen haben. Wer jetzt sagt, es habe polnische Vernichtungslager gegeben, muss für drei Jahre ins Gefängnis. Aber was ist mit denen, die das Thema wissenschaftlich erforschen? Was ist mit denen, die aus einem Affekt heraus sagen: Das war ein polnisches Lager, weil es eben in Polen lag? Müssen die ins Gefängnis? Das ist doch völlig verrückt. Es steht in keinem Verhältnis zu dem, was den Juden dort widerfahren ist.

— Haline Birenbaum, Holocaustüberlebende

In Warschau stimmte auch die zweite nationale Parlamentskammer für das umstrittene Gesetz. Es sieht Geld- und Gefängnisstrafen vor, falls jemand öffentlich und entgegen der Wahrheit Polen eine Mitverantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten zuschreibt. Kritiker des Gesetzes bemängeln, dass es zu unpräzise formuliert sei, weil auch historisch korrekte Äußerungen bestraft würden. Eine der heftigsten Reaktionen in Israel kam von Tsipi Livni, der Oppositionspolitikerin und früheren Außenministerin. Mit dem Gesetz spucke Polen Israel und dem jüdischen Volk ins Gesicht. Israel müsse nun mit harter Hand reagieren und die Verbrechen der Polen während des Holocausts dokumentieren. Der israelische Verkehrsminister Israel Katz forderte, dass sein Land die israelische Botschafterin aus Warschau abzieht. Auch Yair Lapid, der Vorsitzende der Oppositionspartei Jesch Atid, reagierte entsetzt. Dutzende seiner Vorfahren wurden im Holocaust ermordet.

Wie alle Israelis bin ich zutiefst bestürzt. Was will uns dieses Gesetz sagen? Dass Juden in Polen nicht mit polnischer Hilfe umgebracht wurden? Die Geschichte zeigt, dass es genauso war. Niemand kann die Geschichte umschreiben.

— Yair Lapid, Oppositionspolitiker
Viele seiner Vorfahren wurden im Holocaust ermordert: Oppositionspolitiker Yair Lapid reagierte scharf, wie viele andere Politiker in Israel. Foto: dpa | picture alliance

Worum es den Israelis nicht geht: Die Schuld und Verantwortung kleinzureden, die Deutschland für den Holocaust trägt – und nicht Polen. Laut Gesetz darf in Zukunft nicht mehr von „polnischen Todeslagern“ gesprochen werden, wenn es eigentlich um Konzentrationslager der Deutschen geht. Mit diesem Punkt, erklärten Vertreter von Israels Regierung, seien sie einverstanden. Die Israelis befürchten jedoch, dass das Gesetz noch viel weiter geht. Und legitime Äußerungen über Polen verboten werden, die mit den Deutschen kooperierten. Diese Sorge hat auch David Silberklang, ein Historiker der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Es scheint so, als ob die Polen die Geschichte neu schreiben wollen in einen nationalistischen Narrativ, in dem die Polen einzig und allein die Opfer waren. In der Tat: Die Polen waren Opfer der Deutschen. Die Deutschen haben auch viele Polen ermordet, die nicht jüdisch waren. Das Gesetz versucht nun jedoch, ein schwieriges Thema zu verhindern. Dass es Polen gab, die einerseits Opfer waren, jedoch auch zu Mittätern wurden.

— David Silberklang, Historiker

Hinter den Kulissen bemühen sich die Regierungen von Israel und Polen, eine weitere diplomatische Eskalation zu verhindern. Die israelische Botschafterin in Warschau wurde bisher nicht abgezogen. Der polnische Präsident deutete bereits an, dass er vermitteln könne. Und auf ihn kommt es nun an: Die neuen Vorschriften werden nur mit seiner Unterschrift gültig.

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Kommentare

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10 thoughts on “Entsetzen über polnisches Holocaust-Gesetz”

    Lotte, Samstag, 03.02.18, 12:59 Uhr

    @Piosik-Wagner Ja, das stimmt. Ich habe 8/1981 in Bialystok famuliert (Kriegsrecht, "eiserne Vorhänge", Solidarnoc, wirklich leere Läden, keine Handys :-) , Antibiotika- und Medikamentenmangel ect.). ...

    @Piosik-Wagner

    Ja, das stimmt.
    Ich habe 8/1981 in Bialystok famuliert (Kriegsrecht, „eiserne Vorhänge“, Solidarnoc, wirklich leere Läden, keine Handys 🙂 , Antibiotika- und Medikamentenmangel ect.). Über eine ältere Polin bekam ich mein 1. Buch über poln. Judentum (Polnische Juden/Interpress), über einen jungen Kollegen „Anus Mundi“ von Wieslaw Kielar; und bin auch selbst nach Auschwitz (Stammlager) gefahren.
    In der Zeit waren die Zeit (und Verbrechen durch Deutsche an Polen) sowie Vorurteile in Deutschland („Polacken“) noch sehr nah.
    Diese Famulatur hat mich fürs Leben geprägt.
    Natürlich waren die Lager: deutsche, nationalsozialistische Konzentrationslager/Arbeitslager/Vernichtungslager!!!
    Es geht heute – außer um Begegnung zwischen Menschen – um offene, vorurteilsfreie , historische Forschung nach wissenschaftlichen Methoden.
    Um zu differenzieren, das Leid der Opfer anzuerkennen – und v.a. daraus zu lernen.
    Deshalb fand ich Yehuda Bauers Artikel aufschlussreich.

    Dziekuje !

    Piosik-Wagner, Freitag, 02.02.18, 17:35 Uhr

    Nicht alle wissen, dass in Polen während des zweiten Krieges keine polnische Konzentration Lager waren. Wie oft schreibt man polnische Konzentrationslager. Desto der sagt oder schreibt es gabt polnisc ...

    Nicht alle wissen, dass in Polen während des zweiten Krieges keine polnische Konzentration Lager waren.
    Wie oft schreibt man polnische Konzentrationslager.
    Desto der sagt oder schreibt es gabt polnische Konzentrationlager der muss für drei Jahre ins Gefängnis.
    Wie kann man aus einem Affekt heraus sagen das – genau Konzentrationslager dort und dann, ein polnisches Lager war.
    Nur, dass will ich schreiben. Es ist noch viel zu schreiben.
    Ich bitte um Verständigung von Israeliden und bitte auch daran denken, dass viel Polen die gelittenen Juden geholfen haben.
    Aber es gabt und es gibt in jeder Nation Mitbürgern die unmoralisch sind.
    Aber sollen wir nur eine Seite der Medaille sehen?
    Sollen wir zwischen uns nicht miteinander reden?
    Ich bitte um etwas Logik. So lange haben Juden in Polen, denke ich, gut gelebt.
    Es wäre gut für uns allen wenn wir die Geschichte gut gemeinsam kennenlernen. Ich habe es geschrieben
    um mit meinen deutschen und polnischen Vorfahren ehrlich zu sein, Danke.

      Michael K., Samstag, 03.02.18, 23:38 Uhr

      Letzten Endes geht es darum Vergangenes zu bewältigen und von der Vergangenheit zu lernen. Was die polnische Regierung mit ihrem Gesetz beabsichtigt, weiss sie selbst am besten. Niemand bezweifelt, da ...

      Letzten Endes geht es darum Vergangenes zu bewältigen und von der Vergangenheit zu lernen.

      Was die polnische Regierung mit ihrem Gesetz beabsichtigt, weiss sie selbst am besten. Niemand bezweifelt, dass für KZ-Lager in Polen Deutschland alleine verantwortlich ist. D. bekennt sich dazu. Es ist offizielle deutsche Politik. Und das ist gut so.

      Das Problem ist, wie man mit Mitläufern und Sympathisanten eines Unrechtregimes umgeht,die sich am Unrecht beteiligt haben. Das kann aus Angst, Unwissen oder aus Überzeugung geschehen. Soll man schweigen und sie zur Verantwortung ziehen. Soll man die Wahrheit erkunden oder einen Schlussstrich ziehen. Oft sind es Journalisten, Schriftsteller, Historiker die in trüben Gewässern fischen um aufdecken zu wollen. Das kommt in Regierungskreisen und in der Öffentlichkeit nicht immer gut an und man kann schnell zum Volksverräter abgestempelt zu werden. Das kann das polnische Problem sein. Es ist auch ein israelisches Problem ( siehe Doris‘ Kommentar)

      ariel, Montag, 05.02.18, 6:54 Uhr

      und wieder eine meisterleistung... welche die israelis in die naehe der nazis rueckt. dabei waren ausgerechnet die palaestinensische araber diejenigen welche eine allianz mit hitler eingingen.

      und wieder eine meisterleistung… welche die israelis in die naehe der nazis rueckt. dabei waren ausgerechnet die palaestinensische araber diejenigen welche eine allianz mit hitler eingingen.

      Michael K., Montag, 05.02.18, 13:42 Uhr

      Ariel, hier wird darauf hingewiesen, dass auch Israel nicht willens ist ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Stimmt es etwa nicht, dass man den Palästinensern am liebsten verboten hätte, sich ihrer Vertr ...

      Ariel, hier wird darauf hingewiesen, dass auch Israel nicht willens ist ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Stimmt es etwa nicht, dass man den Palästinensern am liebsten verboten hätte, sich ihrer Vertreibung und Entrechtung zu erinnern? Nun ist es dabei geblieben, dass öffentliche Gelder zu solchen Gedenken nicht verwendet werden dürfen. Das kollektive Gedächtnis eines unterdrückten Volkes soll ausgelöscht werden. Juden haben gelitten und sind in Vernichtslagern umgekommen, aber sollen wir einfach so weitermachen und anderen Menschen keine lebenswerte Zukunft gönnen?

      Doris, Montag, 05.02.18, 14:07 Uhr

      Die palästinensischen Araber hatten keine Allianz mit Hitler! Sparen sie sich ihre Verleumdungen und Lügen! Der Mufti von Jerusalem hatte vielleicht eine Allianz mit Hitler, aber die können sie doch n ...

      Die palästinensischen Araber hatten keine Allianz mit Hitler! Sparen sie sich ihre Verleumdungen und Lügen!

      Der Mufti von Jerusalem hatte vielleicht eine Allianz mit Hitler, aber die können sie doch nicht einfach allen Palästinensern unterstellen, oder würden sie auch sagen, dass alle Juden eine Allianz mit Hitler hatten, weil ein paar Zionisten mit Hitler das Ha’avara-Abkommen ausgehandelt haben!

      ariel, Montag, 05.02.18, 21:27 Uhr

      havara abkommen, war ein abkommen um juden zu retten. mehr nicht. und da hast du tatsaechlich recht, man kann die palaestinenser nicht beschuldigen mit hitler eine alianz gehabt zu haben. denn die pal ...

      havara abkommen, war ein abkommen um juden zu retten. mehr nicht.

      und da hast du tatsaechlich recht, man kann die palaestinenser nicht beschuldigen mit hitler eine alianz gehabt zu haben. denn die palaestinenser wurden erst 1964 erfunden. davor waren es zerstreute und aus allen teilen des orients eingewanderte araber.

      michael, keiner verbietet den arabern sich an den verlorenen angriffkrieg mit all seinen folgen zu erinnern.
      in dtl. allerdings ist es fast verboten die niederlage der nazis zu beweien.

    Doris, Freitag, 02.02.18, 11:51 Uhr

    Ich finde das Vorgehen sehr zynisch von Israel. Selber stellt man das Gedenken an die Nakba unter Strafe und regt sich dann über die Polen auf. Solange Israel seine eigenen Verbrechen unter den Tisch ...

    Ich finde das Vorgehen sehr zynisch von Israel.
    Selber stellt man das Gedenken an die Nakba unter Strafe und regt sich dann über die Polen auf.

    Solange Israel seine eigenen Verbrechen unter den Tisch kehrt, die Erinnerung daran unter Strafe stellt und jüdische Terroristen als Helden feiert sollte man sich mit Kritik an den Polen zurückhalten!

    2008 verbot das israelische Ministerium für Kultur und Sport die Verwendung des Wortes Nakba in arabischsprachigen Schulbüchern.

    Im März 2011 beschloss die Knesset ein Gesetz, das zwar nicht das Gedenken verbietet, aber jene Institutionen bestraft, die solche Gedenkfeiern abhalten oder unterstützen. Das Nakba-Gesetz, das im Januar 2012 vom Obersten Gericht bestätigt wurde, erlaubt es dem Finanzministerium, staatliche Förderungen für solche Institutionen zu kürzen.

    Mal wieder Doppelmoral vom Feinsten!

      ariel, Samstag, 03.02.18, 22:41 Uhr

      was war noch mal die nakba? ein resultat des arabischen versuchs die juden ins meer zu treiben. gibt es in deutschland ein trauertag fuer das verlorene 2. weltkrieg?

      was war noch mal die nakba? ein resultat des arabischen versuchs die juden ins meer zu treiben. gibt es in deutschland ein trauertag fuer das verlorene 2. weltkrieg?

    Lotte, Freitag, 02.02.18, 9:17 Uhr

    Yehuda Bauer "Es geht um ein Stück Freiheit", Jüdische Allgemeine, 1.2.2018

    Yehuda Bauer „Es geht um ein Stück Freiheit“, Jüdische Allgemeine, 1.2.2018