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Emirat als Nothelfer

Katar hat in Gaza ein modernes Krankenhaus gebaut – und springt auch sonst oft ein, wenn dringend Geld benötigt wird

In den vergangenen Jahren soll Katar mehr als eine Milliarde US-Dollar alleine in die Infrastruktur im Gazastreifen investiert haben. Zusätzliche Hilfszahlungen an bedürftige Familien stärken die Hamas. Es geht dem Emirat auch um Einfluss in der Region.

Von Tim Assmann
Am 11.06.2019

Der Junge im Trainingsanzug sitzt auf dem Übungsfahrrad und schaut den Pfleger, der ihn zum Mitmachen auffordert, mit leerem Blick an. Der 16-Jährige ist geistig behindert, seit ihn bei einer Demonstration an der Grenze zu Israel die Kugel eines israelischen Scharfschützen traf, wie der Pfleger erzählt.

Der Junge ist bei den Protesten am Grenzzaun von einer Kugel in den Kopf getroffen worden. Seitdem hat er auf der rechten Seite Lähmungserscheinungen. Wir versuchen nun, mit Übungen die Muskulatur in Armen und Beinen zu stärken. Er soll wieder Laufen lernen.

— Krankenpfleger in Gaza 
In der neuen Hamad-Klinik befindet sich auch eine Prothesenwerkstatt – moderne Prothesen gibt es bisher nicht in Gaza. Foto: BR | Tim Assmann

Der Junge ist einer der ersten Patienten im neuen Reha-Zentrum der Hamad-Klinik in Gaza-Stadt. Das Krankenhaus arbeitet erst seit wenigen Monaten und ist spezialisiert auf Physiotherapie und auf Patienten, die Prothesen benötigen. Es gebe in Gaza mehr als 1600 Amputationspatienten, vor allem junge Männer, schildert Klinikdirektor Rafat Lubbad:

Es gab hier mehrere Kriege in den vergangenen Jahren und deshalb kam es zu vielen Amputationen, besonders unter jungen Leuten. Dieses Krankenhaus soll, finanziert mit Geld aus Katar, diese Patienten mit Prothesen versorgen.

— Rafat Lubbad, Klinikdirektor
Rafat Lubbad leitet die neue Hamad-Klinik in Gaza-Stadt. Foto: BR | Tim Assmann

Moderne Prothesen, die ihren Trägern zum Beispiel auch Sport ermöglichen, gibt es bisher nicht in Gaza. Im Hamad-Klinikum will man in den nächsten acht Monaten 100 Patienten mit solchen Prothesen versorgen. Möglich wird das nur durch Geld aus Katar. Das Golf-Emirat betreibt das Hamad-Krankenhaus, hat mehr als 18 Millionen Dollar investiert und bietet im von Arbeitslosigkeit gezeichneten Gazastreifen rund 130 Jobs. Sein Krankenhaus sei Teil des weltweiten katarischen Engagements für arme Menschen, schwärmt Klinikdirektor Rafat Lubbad.

Katar ist das Land, das Gaza am Stärksten unterstützt. Sie haben sich dem Wiederaufbau verpflichtet. Sie finanzieren Projekte für Infrastruktur, Bildung und im Gesundheitswesen.

— Rafat Lubbad, Klinikdirektor

Katar hat auch Wohnhäuser und Moscheen gebaut und springt häufig dort ein, wo gerade dringend viel Geld gebraucht wird. Schon mehrfach zahlte das Emirat Treibstofflieferungen für Gazas Elektrizitätswerk, wenn die notorische Stromkrise sich mal wieder zuspitzte. In den vergangenen Jahren sei mehr als eine Milliarde US-Dollar alleine in Infrastruktur investiert worden, erzählt der Politologe Mkhaimar Abusada von der Al Azhar Universität in Gaza.

Die Kataris sagen, sie unterstützen nicht Hamas, sondern die Menschen in Gaza. Auch wenn die Hamas hier die Kontrolle hat, geht das Geld nicht direkt an sie. Es sei denn, die Israelis stimmen zu, wie im vergangenen Oktober und November, als Katar die Gehälter von Hamas-Angestellten bezahlte.

— Mkhaimar Abusada, Politologe

Dass die Hamas, als herrschende Kraft in dem Palästinensergebiet, aber durchaus bei der Geldverteilung mitredet, wird aus den Aussagen von Bassem Naim deutlich. Er ist hochrangiges Hamas-Mitglied und Vorsitzender des Rates für internationale Beziehungen.

Als die Kataris vor drei, vier Monaten mit einer Spende kamen, ich glaube von zehn oder 15 Millionen Dollar – entschied Hamas, das Geld nicht für Gehaltszahlungen zu verwenden.

— Bassem Naim, hochrangiges Hamas-Mitglied

Bassem Naim berichtet, arme Familien hätten dann jeweils 100 Dollar bekommen. So stärkt katarisches Geld die Position der Hamas. Es gibt auch Vermutungen wonach Geld aus Katar in Waffenkäufe der Hamas floss. Welche Ziele verfolgt Katar im Gazastreifen? Es geht um den Einfluss in der Region, sagt Politologe Abusada.

Katar hofft, Regionalmacht zu werden, neben Ägypten, Iran, der Türkei und Israel. Sie wollen eine wichtige Rolle in der Region spielen und investieren deshalb sehr viel Geld in Gaza und auch in die palästinensische Sache an sich.

— Mkhaimar Abusada, Politologe

Seinen Einfluss auf die Hamas hat Katar in der Vergangenheit auch genutzt, um die Lage zu stabilisieren. So kam Medienberichten zufolge auch die aktuelle inoffizielle Feuerpause zwischen Israel und den bewaffneten palästinensischen Gruppen im Gazastreifen unter Mitwirkung von Katar als Vermittler zustande.