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Einer der ganz Großen

Zum Tod von Amos Oz, einem der bedeutendsten Schriftsteller Israels 

Seine Werke wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt, lange stand er auf der Shortlist der Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Und: Amos Oz war Israels Stimme des Ausgleichs und der Verständigung. Ein Beitrag von Frank Ludwig.

Von Studio Tel Aviv
Am 04.01.2019

Wenn es so etwas wie „den“ israelischen Schriftsteller gegeben hat, dessen Bücher fast alle lasen und liebten, dann war es Amos Oz: 1939 in Jerusalem geboren, noch zur Zeit der britischen Herrschaft in Palästina, verlor er in jungen Jahren seine Mutter. Er zog als Jugendlicher in einen Kibbuz und lernte dort die Menschen kennen, denen er in seinen ersten Werken ein Denkmal setzte. Doch immer wieder war es das Jerusalem seiner Kindheit, in das er als Schriftsteller zurückkehrte – zuletzt in seinem großartigen Alterswerk „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Jerusalem ist die Stadt, in der er damals schon das Schreiben für sich entdeckte:

Beitrag: Susanne Glass | Schnitt: Amir Tal.

Die Eltern nahmen uns mit ins Café. Wenn wir ein Eis wollten, dann durften wir sie und ihre Freunde nicht stören, mussten möglichst still zuhören bei ihren intellektuellen Gesprächen, stundenlang. Stunden, die ich nutzte, mir alles genau anzuschauen, zuzuhören, einzuprägen, aufzuschreiben. So wurde ich Schriftsteller.

— Amos Oz

Er erhielt den Goethe-Preis und den Israel-Preis und stand jahrelang auf der Shortlist der Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Doch für Israel war Oz mehr als nur ein Schriftsteller. Über Jahre mischte er sich in den innenpolitischen Dialog ein – eine besonnene Stimme des Ausgleichs und der Verständigung, auch mit den palästinensischen Nachbarn. Bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt vor zwei Jahren, bei der Beerdigung seines engen Freundes Shimon Peres – Israels einstigem Staatspräsidenten – kam Amos Oz darauf zurück:

Und weil Israelis und Palästinenser nicht auf einmal zu einer einzigen glücklichen Familie werden können, zu Flitterwochen ins Doppelbett springen, müssen wir dieses Haus in zwei Wohnungen teilen, doch wo sind heute die mutigen und klugen Politiker, die genau das zustande bringen? 

— Amos Oz

Zuletzt war es um Oz ruhiger geworden. Gezeichnet vom Krebsleiden, trat er nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Premierminister Benjamin Netanjahu würdigte Oz als einen der größten israelischen Schriftsteller. Staatspräsident Reuven Rivlin spielte auf das Werk von Oz an, als er in einem Nachruf schrieb: Es war eine großartige Geschichte von Liebe und Licht, nun bleibt große Finsternis.

Kommentare

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2 thoughts on “Einer der ganz Großen”

    Lotte, Freitag, 04.01.19, 18:01 Uhr

    Nun, in allererster Linie war ein Mensch, der schreiben konnte, einen mitnehmen in die verschiedenen Zeiten israelischer Gegenwart bis zum Darinversinken - allerdings verschieden stark (es gab auch Bü ...

    Nun, in allererster Linie war ein Mensch, der schreiben konnte,
    einen mitnehmen in die verschiedenen Zeiten israelischer Gegenwart bis zum Darinversinken – allerdings verschieden stark (es gab auch Bücher, die mich weniger ansprachen, aber das ist wohl normal).

    Wer noch gar nichts gelesen hat von ihm, dem empfehle ich
    „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“/2006 (Autobiographisches)
    und
    „Wie man Fanatiker kuriert“/2004 (sein Lebensthema; in Variationen)
    als Beginn.

    „Mit diesem Buch möchte ich in der Erinnerung der Menschen bleiben“ – hat er auf sein Buch „Allein und das Meer“/2002/Rückseite
    drucken lassen
    und
    mir ein „Shalom“ in sein Buch geschrieben.

    „Es bleibt nun große Finsternis“ (s.o.) –
    das glaube ich nicht, denn es bleiben Bücher, gute Bücher, Tikun Olam (?) … die man vielleicht noch lange, sehr lange oder immer wieder lesen kann … gute, positive Spuren auf dieser Erde hinterlassen.

    Lotte, Freitag, 04.01.19, 17:30 Uhr

    Amos Oz, geboren am 4.Mai 1939 in Jerusalem ... war Palästinenser :-) . Die Lieblingsvorstellung meines Bekannten, geb. 1944 in Jerusalem, brit. Mandatsgebiet "Palästina"... :-) Er war überzeugter "Zi ...

    Amos Oz, geboren am 4.Mai 1939 in Jerusalem … war Palästinenser 🙂 .
    Die Lieblingsvorstellung meines Bekannten, geb. 1944 in Jerusalem, brit. Mandatsgebiet „Palästina“… 🙂

    Er war überzeugter „Zionist“ – das Paradeschimpfwort aller anti-israelischen oder anderen Aktivisten – vom Anfang bis zum Ende.
    Er war „Friedensaktivist“, Mitbegründer von Peace Now, der eine 2-Staatenlösung für die Zukunftsfähigkeit des jüdischen Staates Israel (!) zum Wohle der israelischen Bevökerung (keine Kriege mehr), zum Wohle der palästinensischen Bevölkerung (keine Besatzung mehr) befürwortete.
    Er war kein „Pazifist“, der Waffeneinsatz generell ablehnte, das Selbstverteidigungsrecht Israels immer voraussetzte oder betonte (incl. Sperranlage, Mauerbau, Gaza 2014).
    Er war „säkularer Kibbuznik“ … in Zeiten, in denen Israel massiv existenzgefährdet war, viel weniger grün und oft noch bitterarm.

    Je nach pol. Färbung erschien die eine oder die andere Charakterisierung in den deutschen Medien.