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Ein Prosit dem Frieden?

Das Oktoberfest beginnt – nicht nur in München, sondern auch mitten in den Bergen des palästinensischen Westjordanlandes

In einem palästinensischen Dorf braut eine Familie seit über 20 Jahren ein Bier, das in Kennerkreisen bekannt ist. Das Bier wird auch in Israel getrunken und könnte damit zu einem Symbol der Hoffnung werden. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Von Benjamin Hammer
Am 16.09.2017

Wo gibt es das beste Oktoberfest? In einem kleinen palästinensischen Dorf im Westjordanland wollen sie es tatsächlich mit dem Original aufnehmen: „Ob sie mir das glauben oder nicht: Manche Deutsche, die zu unserem Oktoberfest kommen sagen: Das hier macht mehr Spaß als in München“, sagt Madies Choury, 31 Jahre alt und nach eigenen Angaben die einzige weibliche Bierbrauerin der arabischen Welt. „Bier ist die Liebe meines Lebens“, sagt sie. Seit Tagen macht Choury Überstunden, denn zum Oktoberfest im Dorf Taybeh werden tausende Besucher erwartet. Die palästinensische Version setzt dabei eher auf Falafel statt Brezn. Taybeh, so heißt auch das Bier, das die Familie hier seit über 20 Jahren braut – nach deutschem Reinheitsgebot. Taybeh-Bier wird mittlerweile auch nach Europa exportiert.

Unser Bier bietet der Welt einen anderen Blick auf Palästina. Im Fernsehen sehen die Menschen eine ganze Menge schlechtes Zeug über uns. Das sind wir aber nicht. Die Leute hier trinken Bier, gehen auf Partys. Sie genießen das Leben.

— Madies Choury, Bierbrauerin

Bier mit Alkohol hat in den Palästinensergebieten keinen einfachen Stand. In jenen Orten des Westjordanlandes, in denen fast ausschließlich Muslime leben, wird es gar nicht verkauft. Im von der islamistischen Hamas kontrollierten Gazastreifen ist es verboten. Die Chourys glaubten trotzdem an das Getränk, als sie Mitte der 90er-Jahre ihre Fabrik eröffneten. Heute ist Taybeh-Bier eines der wenigen palästinensischen Produkte, die auch im benachbarten Israel verkauft werden.

Taybeh kann man in israelischen Bars trinken, die politisch gesehen liberal sind. Und ja, das sagt etwas aus über die Bereitschaft der Menschen, zusammenzuleben.

— Madies Choury, Bierbrauerin
In der Minsar Bar in Tel Aviv wird das palästinensische Bier ausgeschenkt. Foto: BR | Benjamin Hammer

Die Geschichte der Taybeh-Brauerei könnte Hoffnung machen im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Denn die Chourys exportieren ihr Bier nicht nur nach Israel, sie haben auch ihre israelischen Kollegen beraten. In den vergangenen Jahren entstanden dort mehrere Kleinbrauereien. Doch die palästinensischen Bierbrauer wollen über die Zusammenarbeit mit den Israelis gar nicht sprechen. Sie fürchten einen Sturm der Entrüstung bei den meisten Palästinensern. Dass grenzenloser Bierkonsum im Nahen Osten nicht bei allen gut ankommt, musste auch Leonid Lipkin erfahren. Der jüdische Israeli betreibt ein Restaurant in Haifa. Anfang des Jahres verkaufte er dort auch palästinensisches Bier. Auf Facebook brach daraufhin ein Shitstorm aus.

Sie haben dumme, patriotische Parolen gepostet. Sie haben behauptet, in diesem Bier sei jüdisches Blut. Das ist lächerlich. Gerade Haifa ist doch eine Stadt, in der Juden und Araber in bestmöglicher Harmonie zusammenleben.

— Leonid Lipkin Restaurantbetreiber in Haifa

Der Israeli Lipkin will weiterhin palästinensisches Bier anbieten, auch wenn er dadurch den einen oder anderen Kunden verliert. Mit der Brauereifamilie aus Taybeh sei er befreundet. Eine Freundschaft, über die die Chourys öffentlich nicht sprechen.  Nur so viel sagt Madies Choury: Bier bringe die Menschen zusammen. Israel warnt zwar jüdische Israelis vor dem Besuch arabischer Dörfer im Westjordanland. Dennoch kommen einige von ihnen zum Oktoberfest nach Taybeh. Sie setzen sich über die Warnungen hinweg, damit sie mit den Chourys und anderen Palästinensern ein kühles Bier trinken können.

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1 thought on “Ein Prosit dem Frieden?”

    Christa Zubaidi, Dienstag, 19.09.17, 16:23 Uhr

    In Ramallah im Goethe Institut wird auch jedes Jahr das Oktoberfest gefeiert.

    In Ramallah im Goethe Institut wird auch jedes Jahr das Oktoberfest gefeiert.