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Ein Jahr danach

Am 14. Mai 2018 wurde die US-Botschaft in Jerusalem eröffnet – Ausschreitungen werden auch in diesem Jahr erwartet

In Tel Aviv wird heute das erste Halbfinale des Eurovision Song Contests ausgetragen, die Stadt ist in Feierlaune. Die Palästinenser begehen morgen unterdessen den Nakba-Tag, an dem sie an Flucht und Vertreibung vor 71 Jahren erinnern. 

Von Benjamin Hammer
Am 14.05.2019

Am 14. Mai 2018 läuft Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, zu einem Vorhang. Als der fällt, kommt das Siegel der neuen Botschaft der USA zum Vorschein. „Im Namen des 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heiße ich sie zum ersten Mal und ganz offiziell willkommen. In der Botschaft der Vereinigten Staaten hier in Jerusalem. Der Hauptstadt von Israel“, sagt sie. Ihr Vater Donald meldet sich per Videobotschaft.

Israel ist ein souveräner Staat. Und wie jeder andere souveräne Staat kann es seine Hauptstadt bestimmen. Wir strecken unsere Hand in Freundschaft aus. In Richtung von Israel und den Palästinensern. Möge es Frieden geben.

— US-Präsident Donald Trump
Die Tochter des US-Präsidenten, Ivanka Trump, bei der Botschaftseröffnung am 14. Mai 2018. Foto: dpa | picture alliance

Doch es bleibt nicht friedlich an jenem 14. Mai. Am Grenzzaun zwischen dem Gazastreifen und Israel zünden Palästinenser Reifen an, schmeißen mit Steinen und Brandsätzen. Die israelische Armee setzt Tränengas ein – aber auch scharfe Munition. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen sterben an jenem Tag 60 Palästinenser, über 1000 werden verletzt. Bis heute flammt die Gewalt an der Grenze immer wieder auf. Beide Seiten machen sich gegenseitig verantwortlich. Israel verweist auf gewalttätige Palästinenser, manche von ihnen Mitglieder der Hamas. Die Palästinenser verweisen auf die weitgehende Blockade des Gazastreifens durch Israel und darauf, dass auch friedliche Demonstranten gestorben seien. Eine Kommission der Vereinten Nationen wirft Israel vor, scharfe Munition unverhältnismäßig eingesetzt zu haben.

Wir haben berechtigte Gründe gefunden, zu glauben, dass israelische Sicherheitskräfte ernste Menschenrechtsvergehen begangen haben. 

— Santiago Canton, Vorsitzender einer UN-Kommission 

Israel weist diese Vorwürfe zurück und wirft der Kommission vor, voreingenommen zu sein. Jerusalem ein Jahr nach der Botschaftseröffnung. Auf der Kabinettssitzung meldet sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.

Vor einem Jahr wurde die US-Botschaft in Jerusalem eröffnet. Wir danken Präsident Trump für diese historische Entscheidung.

— Premier Benjamin Netanjahu

Die Linie Israels und der USA: Klare Verhältnisse in Jerusalem machten den Weg frei für neue Ansätze für einen Frieden mit den Palästinensern. Die hingegen sind entsetzt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil Jerusalems. Länder wie Deutschland wollen ihre Botschaften daher in Tel Aviv lassen, bis sich Israelis und Palästinenser auf den Status Jerusalems geeinigt haben. Bisher hat sich einzig Guatemala den USA angeschlossen und die Botschaft verlegt. Im Juni will die US-Regierung ihren seit langem angekündigten Friedensplan vorlegen – angeblich. Doch die Palästinenser weigern sich, mit der US-Regierung zu verhandeln. Aus ihrer Sicht hat Donald Trump mit seiner Jerusalem-Entscheidung eine mögliche Rolle als Vermittler verloren. Im Gazastreifen könnte es wieder zu Protesten und Ausschreitungen kommen. Heute – am Jahrestag der Botschaftseröffnung. Und morgen, am Nakba-Tag. Dann erinnern die Palästinenser an Flucht und Vertreibung im Jahr der Staatsgründung Israels.

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3 thoughts on “Ein Jahr danach”

    Lotte, Dienstag, 14.05.19, 9:49 Uhr

    "Vom Fluss bis zum Meer (!) wird Palästina frei sein" Ahed Tamimi plus Vater diese Tage in London; ihre Auftritte und eindeutigen Aussagen nachzulesen in verschiedenen Quellen. Der Jahrestag der Botsc ...

    „Vom Fluss bis zum Meer (!) wird Palästina frei sein“
    Ahed Tamimi plus Vater diese Tage in London; ihre Auftritte und eindeutigen Aussagen nachzulesen in verschiedenen Quellen.

    Der Jahrestag der Botschaftseröffnung (immerhin WEST-Jerusalem) und der Nakba-Tag (die Reihenfolge der Ereignisse waren wie?) in einem Atemzug?

      Lotte, Dienstag, 14.05.19, 11:30 Uhr

      P.S. Auch weil "Flucht und Vertreibung" regelmässig, spätestens zum Nakba-Tag jedes Jahr, in 1 Atemzug genannt werden, bitte mal differenzieren/berichten: Wie viele Menschen wurden zur Flucht aktiv au ...

      P.S.
      Auch weil „Flucht und Vertreibung“ regelmässig, spätestens zum Nakba-Tag jedes Jahr, in 1 Atemzug
      genannt werden, bitte mal differenzieren/berichten:
      Wie viele Menschen wurden zur Flucht aktiv aufgefordert, um nach (!) der Zerstörung Israels durch die umliegenden, arabischen Staaten zurückkehren zu dürfen?
      Wie viele Menschen flohen kriegsbedingt/ im weiteren Verlauf aus Angst?
      Wie viele Menschen flohen aufgrund aktiver Vertreibung?
      Für die Betroffenen mag es letztendlich egal sein.
      Zur historischen Wahrheit gehört diese Differenzierung jedoch unabdingbar dazu.

    Florian, Dienstag, 14.05.19, 8:06 Uhr

    Wie wäre es, wenn das Studio auch einmal an die 800.000 vetriebener Juden aus den arabischen Staaten erinnern würde? Wer hat seit 70 Jahren die sog. Zweistaatenlösung verweigert? Wer verweigert Verhan ...

    Wie wäre es, wenn das Studio auch einmal an die 800.000 vetriebener Juden aus den arabischen Staaten erinnern würde? Wer hat seit 70 Jahren die sog. Zweistaatenlösung verweigert? Wer verweigert Verhandlungen und setzt auf alles oder nichts? Wer propagiert: vom Fluss bis zum Meer?
    Wer verweigert Israel das Existenzrecht?
    Israel ist aus dem 2.Weltkrieg entstanden. Woraus sind die anderen Staaten des Nahen Ostens entstanden? Kann es sein, aus dem 1. und 2.Weltkrieg?
    Es geht nicht um Gaza, nicht um Westjordanland. Es geht um die Vernichtung Israels und der Juden. Nahezu täglich in Aussprüchen von Politikern und Militärs der Feinde Israels nachzulesen.

    Es ist seltsam.