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„Ein großes Gefängnis“ 

Die israelischen Siedlungen rund um Bethlehem wachsen – Jesu Geburtsort wiederum kann sich kaum weiterentwickeln 

Für Neubauten fehlt in Bethlehem der Platz, viele junge Familien können sich keine Wohnung leisten – und ziehen weg. Die christlichen Gemeinden bekommen das zu spüren.

Von Tim Assmann
Am 23.12.2019

Dror Etkes steht an einer acht Meter hohen Betonwand mit einem Wachturm. Nur ein paar Meter entfernt ist der israelische Grenzübergang hinüber nach Bethlehem. Dror ist Israeli und kritischer Experte für den Siedlungsbau in den besetzten palästinensischen Gebieten. Er war unter anderem bei der Bewegung „Frieden Jetzt“ und verfolgt seit Jahrzehnten, wie die Siedlungen rund um Bethlehem immer weiter ausgebaut werden.

Zwanzig Meter von uns steht eine Wand, es ist die praktische Grenze zwischen dem, was heute Jerusalem ist, und Bethlehem. Das liegt südlich von uns, 30 Meter von hier sind schon die ersten Häuser von Bethlehem.

— Dror Etkes, Siedlungsbeobachter
Dror Etkes ist kritischer Experte für den Siedlungsbau in den besetzten palästinensischen Gebieten. Foto: BR | Tim Assmann

Einige Kilometer weiter, auf einem kahlen Hügel südlich von Bethlehem, sieht man die israelische Siedlung Efrat, die ein paar Kilometer entfernt liegt. Dror Etkes zeigt auf ein paar Wohncontainer auf dem Nachbarhügel. Hier soll eine neue Siedlung entstehen, erzählt er.

Der Plan ist, ungefähr 2500 Häuser hier zu bauen. Das heißt eine riesige Siedlung, also eine neue Nachbarschaft von Efrat. Und wenn diese Siedlung gebaut wird, ist Bethlehem zu von allen Seiten.

— Dror Etkes, Siedlungsbeobachter
Bethlehem ist an vielen Stellen eingezwängt. Foto: BR | Tim Assmann

Mehr als 100.000 jüdische Siedler in rund 20 kleineren und größeren Ortschaften leben schon jetzt in der Region um Bethlehem und es werden mehr, sagt Suhail Khalilieh. Der Palästinenser beobachtet die Entwicklung der Siedlungen für die Nichtregierungsorganisation Arij in Bethlehem.

Wenn man alle bekannten Pläne zusammennimmt, für den Ausbau von Siedlungen und neue Verbindungsstraßen, wird das die Zahl der Siedler in der Region um Bethlehem in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln.

— Suhail Khalilieh, NGO Arij
Suhail Khalilieh beobachtet die Entwicklung der Siedlungen rund um Bethlehem für die NGO Arij. Foto: BR | Tim Assmann

An drei Seiten fressen sich die Siedlungen immer näher an die palästinensische Stadt und ihre Nachbardörfer heran, an der vierten Seite begrenzt die israelische Sperrmauer das Gebiet. Die Folge: Die palästinensischen Kommunen, eingezwängt zwischen Siedlungen, deren Verbindungsstraßen und der Mauer, haben keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr.

Bethlehem wird viele Einwohner verlieren, denn es gibt kein freies Bauland mehr, keinen Platz zur Ausdehnung. Die Grundstückspreise sind in den letzten zehn Jahren durch die Decke gegangen. Die Leute haben keinen Platz mehr zum Leben.

— Suhail Khalilieh, NGO Arij

Viele junge Familien können sich in Bethlehem keine Wohnung leisten und es fehlt auch schlicht der Platz für Neubauten. Hinzu kommen die insgesamt schlechten Perspektiven in den palästinensischen Gebieten. Der lutheranische Pastor Munther Isaac klagt, seine Kirchengemeinde werde immer kleiner und im Schnitt älter. „Vor allem junge Leute gehen wegen der Lebensqualität. Das ist hier ein großes Gefängnis. Viele meiner Freunde haben aufgegeben und sind gegangen. Ich werfe ihnen das nicht vor.“ Was den Pastor stört, ist das Verhalten vieler Pilger, die Bethlehem besuchen. Das Schicksal der Einwohner dieser Stadt interessiere sie nicht.

Für die vielen Pilger in der Weihnachtszeit sind wir unsichtbar. Sie wollen Plätze und Steine sehen aber nicht so sehr die Menschen, die Gemeinde. Wenn Bethlehem nicht hier auf der palästinensischen Seite wäre, wäre es den Millionen von Pilgern egal, was es heißt, Palästinenser zu sein und wie es ist, unter der Besatzung zu leben.

— Munther Isaac, Pastor
Die Kirchengemeinde von Pastor Munther wird kleiner und älter. Foto: BR | Tim Assmann

Munther Isaac will in Bethlehem bleiben, er will sich seine Heimatstadt ohne Christen nicht vorstellen. Auf eine Besserung der politischen Lage hofft der Pastor nicht.

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Kommentare

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4 thoughts on “„Ein großes Gefängnis“ ”

    Gerd, Sonntag, 29.12.19, 19:02 Uhr

    Die Stadt entwickelt sich sehr wohl, nur in die falsche Richtung. Seit der Machtübernahme der PA im Zuge des Oslo Abkommens hat die Stadt einen großen Teil ihrer christlichen Einwohner verloren. Der a ...

    Die Stadt entwickelt sich sehr wohl, nur in die falsche Richtung. Seit der Machtübernahme der PA im Zuge des Oslo Abkommens hat die Stadt einen großen Teil ihrer christlichen Einwohner verloren. Der anti Terror Zaun wurde erst viele Jahre nach dem Beginn des Exodus der Christen gebaut.

    ariel, Mittwoch, 25.12.19, 9:22 Uhr

    keine ahnung, von was hier die rede ist. Bethlehem kann sich frei nach osten und sueden ausweiten. das sind A und B gebiete wo palaestinenser frei bauen koennen.

    keine ahnung, von was hier die rede ist. Bethlehem kann sich frei nach osten und sueden ausweiten. das sind A und B gebiete wo palaestinenser frei bauen koennen.

    Florian, Mittwoch, 25.12.19, 8:24 Uhr

    Es geht hier nicht um Information oder ausgewogene Berichterstattung, sondern um die Evozierung von Emotionen und Ressentiments. Das zeigt bereits der erste Satz: Dror Etkes steht an einer acht Meter ...

    Es geht hier nicht um Information oder ausgewogene Berichterstattung, sondern um die Evozierung von Emotionen und Ressentiments. Das zeigt bereits der erste Satz: Dror Etkes steht an einer acht Meter hohen Betonwand mit einem Wachturm.
    So wird Stimmung gemacht. Kein Wort darüber, warum es diese Mauer gibt, seit wann, aus welchem Grund und Anlass.
    Mauer als Grenzanlage macht sich in Deutschland besonders gut. Kein Wort darüber, dass der größte Teil aus Zaun besteht.
    Kein Wort darüber, dass arabische Terroristen aus der Westbank gezielt israellische Zivilisten ermorden.
    Kein Wort darüber, dass im Westjordanland Araber Christen vertreiben, ihr Eigentum in ihren Besitz nehmen wollen. Gerade in Bethlehem.
    Es geht hier nicht um Information oder ausgewogene Berichterstattung, sondern um die Evozierung von Emotionen und Ressentiments.

    ariel, Montag, 23.12.19, 12:01 Uhr

    das war jetzt ard. in der wirklichkeit reicht es die karte aufzumachen um zu sehen, dass die stadt sich nach sueden und osten frei ausweiten kann.

    das war jetzt ard.

    in der wirklichkeit reicht es die karte aufzumachen um zu sehen, dass die stadt sich nach sueden und osten frei ausweiten kann.