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Ein Fall wie der von George Floyd?

Nach tödlichen Schüssen auf einen autistischen Palästinenser in Jerusalem kommt es zu Protesten

Manche Beobachter sehen Parallelen zu den Ereignissen in den USA: In Jerusalem heißt das Opfer Eyad al-Hallaq und war auf dem Weg in eine Behinderteneinrichtung.

Von Tim Assmann
Am 01.06.2020

„Märtyrer“ skandiert die Menschenmenge, als der Sarg mit dem Leichnam von Eyad al-Hallaq zur Beisetzung getragen wird. Der 32-jährige autistische Palästinenser war am Samstagmorgen auf dem Weg zu der Einrichtung für geistig Behinderte, die er besuchte. In der Jerusalemer Altstadt fiel er israelischen Sicherheitskräften auf. Sie sahen einen verdächtigen Gegenstand, den sie für eine Waffe hielten – tatsächlich war es wahrscheinlich Eyads Telefon. Die israelischen Grenzpolizisten wollten ihn anhalten, er lief weg. Sie eröffneten das Feuer – wie sich später herausstellte, auf einen Unbewaffneten. Eyad al-Hallaq ging hinter einem Müllcontainer in Deckung. Einer der Grenzpolizisten schoss mit einem M16-Sturmgewehr aus kurzer Entfernung, wie Efrat Nachmani, die Anwältin des Mannes, schilderte:

Der Soldat schoss auf den Mann, nachdem dieser eine Bewegung in seine Richtung machte, die er für das Ziehen einer Schusswaffe hielt. Es handelt sich hier um eine Tragödie und wir teilen der Familie unser Beileid mit. Trotzdem verliefen die Verfolgung und der Schusswaffeneinsatz nach dem üblichen Verfahren und folgten den Einsatzregeln und der Lageeinschätzung der Soldaten.

— Efrat Nachmani, Anwältin
Grenzpolizisten in der Altstadt. Foto: dpa | picture alliance

Die Familie des Erschossenen spricht von Mord. Sie verlangt, dass der Todesschütze, ein 19 Jahre alter Wehrpflichtiger, und die anderen Beteiligten zur Verantwortung gezogen werden. Die israelische Grenzpolizei gehört zur Armee und Verteidigungsminister Benny Gantz erklärte:

Wir bedauern den Vorfall, bei dem Eyad al-Hallaq erschossen wurde, sehr und wir teilen die Trauer der Familie. Ich bin sicher, dass dieser Vorfall schnell untersucht wird und Schlüsse gezogen werden.

— Verteidigungsminister Benny Gantz
Israels neuer Verteidigungsminister Benny Gantz - früher war er Chef der Armee. Foto: dpa | picture alliance

Auf palästinensischer Seite sorgt der Fall für große Empörung. In den vergangenen Tagen gab es in mehreren Orten in den palästinensischen Gebieten und auch in Israel Proteste gegen das Vorgehen der israelischen Sicherheitsbehörden. In den sozialen Medien werden Parallelen zum Fall George Floyd im US-amerikanischen Minneapolis gezogen. Dieser Einwohner von Ost-Jerusalem sagt:

Es erinnert uns auf die eine oder andere Weise an den Fall von George Floyd in den USA. Denn auch hier geht es um grundloses Morden.

— Palästinenser aus Jerusalem
Wie in den USA gehen auch in Jerusalem die Menschen auf die Straße. Foto: dpa | picture alliance

Die israelischen Grenzpolizisten, die auf Eyad al-Hallaq schossen, sahen irgendetwas in den Händen des autistischen Mannes, das sie für eine Waffe hielten und fühlten sich automatisch bedroht. Vielleicht auch weil Hallaq Palästinenser war? Der Cousin des Erschossenen, Tarek Akkash, geht von Rassismus bei den Sicherheitskräften aus.

Es ist eine Institution, die in Arabern Feinde sieht. Wir sind so eingeschüchtert, dass wir nicht in der Lage sind ähnlich wie in den USA zu protestieren. Das wäre hier zu gefährlich.

— Tarek Akkash, Cousin des Erschossenen
Die Beisetzung von Eyad al-Hallaq: "Märtyrer", rufen die Menschen. Foto: dpa | picture alliance

Einzelne kleinerer Demonstrationen hat es in den vergangenen Tagen gegeben. Weitere sind angekündigt. Die Sicherheitslage in Ostjerusalem und im besetzten Westjordanland ist zur Zeit ohnehin angespannt. Israels Regierung plant eine Annexion jüdischer Siedlungen in den palästinensischen Gebieten und die Sicherheitskräfte fürchten einen Ausbruch der Gewalt von palästinensischer Seite. Der Fall Eyad al-Hallaq birgt in dieser Situation zusätzliches Eskalationspotenzial.

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Kommentare

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1 thought on “Ein Fall wie der von George Floyd?”

    Gerd, Dienstag, 02.06.20, 15:05 Uhr

    Aber trotzdem interessant. Israelis demonstrieren weil ein unschuldiger Palästinenser getötet wurde. Wo sind die Demonstrationen von Palästinensern wenn ein unschuldiger Jude getötet wird?

    Aber trotzdem interessant. Israelis demonstrieren weil ein unschuldiger Palästinenser getötet wurde. Wo sind die Demonstrationen von Palästinensern wenn ein unschuldiger Jude getötet wird?