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Die Zukunft des Autofahrens

Autonom fahrende Autos sind das Ziel von Mobileye – das Start-up war dem US-Unternehmen Intel 15 Milliarden Dollar wert

Hände weg vom Lenkrad – für Autofahrer könnte das schon bald eine sichere Zukunft haben. Mobileye will autonom fahrende Autos im Straßenverkehr möglich machen. Kleine Fahrthelfer, die den Verkehr überwachen und mitdenken, sind längst schon im Einsatz.

Von Benjamin Hammer
Am 27.10.2017

Der kleine Fahrhelfer sitzt vorne im Auto und beschwert sich. Gerade hat der Fahrer ohne zu blinken den Fahrsteifen gewechselt. Sogleich piept es aus dem Gehäuse mit Kamera und Computerchip, das innen an der Windschutzscheibe klebt. Der Computer kennt Gewicht und Geschwindigkeit des Autos, analysiert den Verkehr und warnt den Fahrer, sobald es brenzlig wird. Die Technologie wurde in Jerusalem entwickelt. Das Gerät ist so etwas wie der kleine Bruder jener Vision, die gerade weltweit im Fokus steht: das autonome Fahren. Mobileye verfolgt beide Ansätze. Die Nachrüstkits sind schon länger auf dem Markt und können in fast alle Autos eingebaut werden. Gleichzeitig entwickelt das Unternehmen auf derselben technischen Grundlage Autos, die autonom fahren.

Der Homo sapiens ist ein schlechter Autofahrer. Menschen sind für 90 Prozent der Autounfälle verantwortlich. Warum wir unsere Technologien erschaffen haben? In erster Linie, damit es weniger Unfälle gibt.

— Lior Sethon, einer der Manager von Mobileye
Lior Sethon blickt von seinem Arbeitsplatz aus über die Berge rings um Jerusalem. Er ist einer der Manager von Mobileye, der israelischen Firma, die Autofahren sicherer machen will. Foto: BR | Benjamin Hammer

Von Lior Sethons Büro aus hat man einen guten Blick auf die Hügel, die Jerusalem umgeben. Auf dem Flur steht ein Kickertisch, die meisten Mitarbeiter sind jung. „Bei uns herrscht noch der Geist eines Start-ups, obwohl wir schon ein großer Name sind“, sagt Lior Sethon.Ein großer und teurer Name. In diesem Jahr wurde Mobileye für 15 Milliarden US-Dollar vom US-Unternehmen Intel gekauft. Es war der teuerste Deal in der Geschichte der israelischen IT-Industrie. Mobileye gibt es seit 18 Jahren. Die Grundidee: Kameras liefern dem Computer Informationen über den Straßenverkehr. Der Computer analysiert die Bilder der Kameras: Wie nah ist der Fußgänger? Wo befindet sich der Seitenstreifen?

 

Wir bringen dem Computer bei, wie er menschliche Intuition bekommt. Nehmen Sie zum Beispiel einen Kreisverkehr. Unbewusst teilen wir Menschen die anderen Autofahrer in Kategorien ein. Wo ist ein aggressiver Fahrer? Wer fährt eher vorsichtig? Diese Prozesse müssen wir dem Computer beibringen.

— Lior Sethon, einer der Manager von Mobileye

Mobileye hat in all den Jahren die Daten von 22 Millionen gefahrenen Kilometern gesammelt. Die Computer in der Zentrale analysieren sie. Man könnte auch sagen: Die Computer lernen selbstständig. Die Ergebnisse werden dann als Update auf die Rechner in den Autos gespielt. Nach Angaben des Unternehmens kennen die Rechner bereits sechs Milliarden verschiedene Verkehrssituationen. Die Daten stammen von Straßen aus aller Welt. Das ist wichtig, denn in einem Dorf in Norwegen fahren die Menschen nun einmal anders, als in der Rush Hour von Neapel. Die Werkstatt von Mobileye befindet sich in der Tiefgarage und ist durch ein schweres Tor gesichert. Dahinter stehen acht Autos, in deren offenen Kofferräumen sich Computer befinden, dicke rote Stromkabel hängen heraus. Hier entsteht die Zukunft des autonomen Fahrens. In der Garage steht auch eine silberne Limousine eines deutschen Herstellers. Viele kleine Kameras an allen Seiten des Autos deuten darauf hin, dass dies kein gewöhnlicher Wagen ist. Dieses Auto kann völlig autonom fahren. Serienreif ist es aber noch nicht.

Wir sind weiter, als die meisten Menschen denken. Auf der anderen Seite gibt es noch sehr schwierige Aufgaben, die wir lösen müssen.

— Lior Sethon, einer der Manager von Mobileye

Sethon und seine Kollegen wissen, dass ihr System noch Fehler macht. Über einen Tag im vergangenen Jahr will Sethon absolut nicht sprechen: Am 7. Mai 2016 fuhr ein US-Amerikaner mit seinem Tesla-Auto in einen Lastwagen und starb. Das Auto fuhr in jenem Modus, den Tesla „Autopilot“ nennt. Im Fahrzeug steckte Technik von Mobileye. Lior Sethon wird etwas unruhig: Man habe damals gesagt, was man sagen müsse. Dem habe er nichts hinzuzufügen. Wenige Monate nach dem Unfall beendete Mobileye seine Zusammenarbeit mit Tesla. In dem israelischen Unternehmen sieht man das so: Man habe immer betont, dass die Systeme den Fahrer unterstützen können, nicht jedoch ersetzen. Aus Sicht der Israelis hatte Tesla zu viel versprochen. Ein Vorwurf, den Tesla zurückweist.

Autonomes Fahren bis 2021

Der Unfall in den USA hat Mobileye nicht geschadet. Im vergangenen Jahr machte der Konzern einen Nettogewinn von 100 Millionen US-Dollar. Damals kündigte das israelische Unternehmen eine enge Zusammenarbeit mit BMW und Intel an: Bis 2021, so der Plan, soll ein Auto auf den Markt kommen, das völlig autonom fahren kann. Die Technologie der Israelis ist begehrt: Das Unternehmen arbeitet mit 27 Autobauern aus der ganzen Welt zusammen. Und so ist das kleine Israel zu einem Mekka für Automanager aus aller Welt geworden.

Unsere Firmengründer haben gesagt: Es gibt ein Riesenproblem mit Autounfällen. Und wir werden das jetzt lösen. Das mag naiv und überheblich sein, aber sie haben es geschafft. In Israel gibt es so etwas häufiger. Wir müssen hier improvisieren, über den Tellerrand schauen. Und dann, ganz wichtig: Wir fürchten uns nicht davor, auch mal zu scheitern.

— Lior Sethon, einer der Manager von Mobileye

Keine Furcht vor dem Scheitern – doch was geschieht, wenn sich die selbstfahrenden Autos nie durchsetzen? Lior Sethon winkt ab. Mit einem durchaus israelischen Selbstbewusstsein sagt er: Wenn autonome Autos Unfälle fast vollständig verhindern können, dann kommt das. Der Zug in diese Richtung sei längst abgefahren.

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