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Die Wut der Minderheit

Nach dem Tod eines 18-jährigen äthiopischen Israelis durch eine Polizeikugel kommt es in Israel zu Massenprotesten

Viele äthiopische Juden in Israel sind überzeugt: Der Fall des getöteten Solomon Teka steht stellvertretend für die Polizeigewalt gegenüber der Minderheit. Ihre Wut ist groß, Tausende protestieren dieser Tage in ganz Israel – nicht immer gewaltfrei.

Von Tim Assmann
Am 03.07.2019

Weinende Angehörige stehen um eine Bahre, bedeckt mit einem schwarzen Tuch, darauf ein weißer Davidstern. Im nordisraelischen Haifa wurde Solomon Teka zu Grabe getragen. Vor sechs Jahren war der äthiopische Jude mit seinen Eltern nach Israel eingewandert. Er wurde nur 18 Jahre alt. Am vergangenen Sonntag gerieten der junge Mann und Freunde in einen Streit mit anderen Jugendlichen. Ein Polizist, der privat mit seiner Familie unterwegs war, kam dazu. Darüber was dann passierte, gehen die Schilderungen auseinander. Einer der Jugendlichen erinnerte sich in einem Fernsehinterview so:

 

Auf einmal kam dieser Polizist. Er dachte, wir hätten dem Jungen etwas geklaut. Er kam also, zog seine Waffe und sagte: „Holt alles aus euren Taschen raus“. Wir sagten: “Es ist nichts passiert. Wir haben nichts gemacht“. Er lud seine Waffe durch, wir begannen zu rennen. Er kam uns nach und begann zu schießen, daneben.

— Augenzeuge
Der 18-jährige Solomon Teka war vor sechs Jahren mit seinen Eltern nach Israel eingewandert. Am Sonntag starb er an seinen Schussverletzungen. Foto: reuters

Ersten Ermittlungen zufolge prallte eine Kugel vom Boden ab und traf Solomon Teka tödlich. Der betroffene Polizist muss sich nun wahrscheinlich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Sein Anwalt schilderte den Vorfall so:

Um sich selbst und seine Familie zu verteidigen, sah sich mein Mandant letztlich gezwungen, nachdem er zuvor andere Maßnahmen ergriffen und beispielsweise die Polizei alarmiert hatte, Gebrauch von seiner Waffe zu machen. Zu unserem Bedauern endete der Vorfall mit diesem tragischen Ergebnis.

— Anwalt des Polizisten

Für viele Israelis äthiopischer Herkunft ist der Tod von Solomon Teka aber kein tragischer Einzelfall, sondern steht stellvertretend für Polizeigewalt gegenüber einer Minderheit. Vor einigen Monaten starb ein geistig behinderter äthiopisch-stämmiger Israeli durch Polizeikugeln. Der Fall Solomon Teka führte nun dazu, dass landesweit Tausende auf die Straße gingen, Kreuzungen wurden blockiert, auf der Stadtautobahn in Tel Aviv ging zeitweise nichts mehr. Die Proteste verliefen nicht überall friedlich. Ein Autofahrer versuchte, im Zentrum von Tel Aviv zwischen Demonstranten hindurch zu fahren. Ein junger Mann sprang auf die Motorhaube, schlug auf die Windschutzscheibe ein. Passanten schrien. Vielerorts brannten Sperrmüll und Autoreifen, eine Polizeiwache wurde angegriffen, die Einsatzkräfte setzten Blendgranaten und Tränengas ein, es kam zu zahlreichen Festnahmen. Viele äthiopisch-stämmige Juden im Land fühlen sich aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, werfen vor allem der Polizei Rassismus vor. Dieser Demonstrant in Tel Aviv sagte:

Die Polizei lernt nichts. Es gibt dort Kriminelle und das System und die Führung tun nichts. Die Folge sind Tote. Zunächst im Januar und jetzt schon wieder. Es wurden auch schon viele durch die Polizei verletzt und wir sind jetzt hier, um das zu stoppen. Reden alleine hilft nicht, aber wenn wir handeln, wird uns zugehört.

— Demonstrant in Tel Aviv

Die Politik hört zu. Israel befindet sich im Vorwahlkampf. Das Land wählt Mitte September und die Opposition wirft der Regierung vor, die Ängste der äthiopischen Minderheit zu lange nicht ernst genommen zu haben. Ministerpräsident Netanjahu versprach, der Fall Solomon Teka werde restlos aufgeklärt.

Die Einwanderer aus Äthiopien sind uns allen wichtig. In den letzten Jahren waren wir sehr engagiert, sie gut in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Wir haben hier noch Arbeit vor uns.

— Premier Benjamin Netanjahu

Aus Sicht der äthiopischen Israelis ist aber nicht ihre Integration das Problem, sondern der Umgang der Polizei mit der Minderheit. Es wird erwartet, dass die Massenproteste in den nächsten Tagen weitergehen.