Foto: ARD Tel Aviv

Die jüdische Spionin

Ein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von Marthe Cohn, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spionierte

Mit 24 Jahren begann Marthe Cohn auszukundschaften, wo sich deutsche Truppen gegen den Vormarsch der Alliierten verschanzten. Ihr Auftraggeber: der französische Geheimdienst. Heute ist sie fast 100 Jahre alt und erklärt, warum ihr Name nicht auf Denkmälern steht. 

Von Mike Lingenfelser
Am 29.10.2019

Ihre hellwachen Augen wirken beinahe jugendlich. Die fast 100 Jahre alte Marthe Cohn sitzt in einem Filmtheater in Haifa im Norden von Israel. Sie besucht die Premiere des Dokumentarfilms über ihr Leben. Noch immer spürt man den Kampfgeist einer jüdischen Frau, die in jungen Jahren alles riskiert hat, um dem Nazi-Terror etwas entgegenzusetzen.

Ich konnte Hochdeutsch sprechen. Und der französische Geheimdienst suchte Frauen, die deutsch sprachen. Denn Männer, wären sofort aufgefallen, wenn sie damals ohne Uniform auf der Straße rumgelaufen wären. 

— Marthe Cohn, Ex-Spionin
Marthe Cohn in der Uniform der französischen Armee. Foto: Nicola Hens

Marthe Cohn wächst in ihrer jüdischen Familie im französischen Metz nahe der deutschen Grenze auf. Ihre ältere Schwester und ihr Verlobter sind in der Résistance gegen die deutschen Besatzer aktiv, beide werden von den Nazis ermordet. Die Widerstandskämpfer lehnen Marthe zunächst ab, sie sei zu zierlich, klein und unscheinbar. Doch gerade ihr unauffälliges Wesen entpuppt sich als Stärke. Der französische Geheimdienst zeigt Interesse. Mit 24 wird die Jüdin Marthe Cohen Spionin. Ihr Auftrag: In Deutschland auskundschaften, wo sich deutsche Truppen ab 1944 gegen den Vormarsch der Alliierten verschanzten. Und welchen Rückhalt das NS-Regime noch in der Bevölkerung hat.

Mein Deckname war Martha Ulrich. Ich hatte gefälschte Papiere und ein Alibi für die Deutschen. Demnach war ich auf der Suche nach meinem in den Kriegswirren verlorenen Verlobten namens Hans. Hans gab es wirklich. Doch er hatte nie von mir gehört und saß in Frankreich in Einzelhaft. Die Franzosen zwangen ihn, mir Liebesbriefe zu schreiben, die ich bei mir trug. Sie begannen mit „Liebste Martha“.

— Marthe Cohn, Ex-Spionin

Immer wieder entkommt Marthe Cohn nur knapp den Nazi-Schergen. Als der Hunger sie eines Abends in ein grenznahes Restaurant verschlägt, schöpft der Wirt, eine Art Blockwart, Verdacht.

Ich klapperte mit den Zähnen vor Angst als er zu seiner Frau sagte: Sie ist sehr verdächtig. Und sich vor mich setzte und befragte.

— Marthe Cohn, Ex-Spionin
Korrespondent Mike Lingenfelser im Gespräch mit Marthe Cohn. Foto: ARD Tel Aviv

Ihr Alibi vom verlorenen Verlobten rettet die Spionin. Die Liebesgeschichte erweicht 1945 auch das Herz eines  Wehrmachtsoffiziers, der ihr Schutz bieten will und so die exakte Stellung der deutschen Truppen im Schwarzwald verrät. Sie hatten sich dort versteckt, um die näher rückenden Alliierten zu überraschen. Die Alliierten umgehen die Gegend und vermeiden so wohl viele Tote. Die Doku „Chichinette – wie ich zufällig Spionin wurde“ zeigt, wie eine außergewöhnliche Frau von Vortrag zu Vortrag reist, um über ihr Leben zu sprechen. Die Berliner Dokumentarfilmerin Nicola Hens hat Marthe Cohen in den vergangenen Jahren begleitet.

Was ich beeindruckend fand auf den Reisen mit ihr und auf diesen Vorträgen, wie die Leute, vor Allem die Jugendlichen reagieren, wenn sie Marthe vor sich haben. 

— Nicola Hens, Dokumentarfilmerin
Die Dokumentarfilmerin Nicola Hens hat die Ex-Spionin begleitet. Foto: ARD Tel Aviv

In einer Schlüsselszene des Films fragt ein Besucher ihres Vortrags Marthe Cohn, warum er auf Denkmälern der Résistance keine Frauennamen findet. „Mein Name kann auf Denkmälern ja nicht stehen, weil ich ja noch am Leben bin,“ sagt Marthe Cohn. Ihr Humor habe ihr auch geholfen, den Holocaust zu überstehen. Marthe Cohen kämpft gegen das Vergessen. Die Erinnerung wachhalten, ist ihre letzte Mission. Das, sagt ihr Mann, der sie zur Filmpremiere in Israel begleitet hat, hält sie am Leben.

Wenn man die Vergangenheit nicht kennt, kann man die Zukunft nicht gestalten. 

— Marthe Cohn, Ex-Spionin

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