Foto: aus Videomaterial

Die Frau mit der Löwenstimme

Michal Elia Kamal und ihrer Gruppe "Light in Babylon“ spielen Weltmusik made in Istanbul

Sie singt auf Hebräisch, Türkisch und Farsi und versucht, mit ihrer Musik Menschen unterschiedlicher Kulturen zu verbinden. Da kann es schon mal sein, dass Fans aus Katar die Israelin Michael Elia Kamal in der Türkei auf der Straße ansprechen.

Von Peter Kapern
Am 16.03.2017

Es ist etwas unheimlich, ihr zuzusehen, wenn sie anfängt zu singen. Diese kleine, zierliche Person, die so scheu und zurückhaltend wirkt, verwandelt sich mit dem ersten Ton in eine Riesin. „Ja, wenn ich singe, werde ich zu einer völlig anderen Person. Leute hören sich unsere Platten an, und wenn sie mich dann beim Konzert sehen, sagen sie: Du bist ja so klein und zierlich, ich hatte gedacht, Du wärst viel größer! Wenn ich singe, werde ich zu einer anderen Frau. Ich fühle mich dann so, als würde eine ältere Frau aus der Vergangenheit die Kontrolle über meinen Körper übernehmen, um zu singen.“ Michal Elia Kamal wurde in Israel geboren, in Tel Aviv, als Tochter iranischer Eltern. Das ist selbst im Einwanderungsland Israel etwas Besonderes.

Der Iran wird in Israel als Feindesland angesehen, trotzdem ist er aber Teil meiner Kultur. Ich war aber nie da, weil ich dort als Israelin nicht hin darf. Es ist eine einzige Suche, wenn man eine so enge Bindung an einen Ort spürt, den man nicht besuchen darf. Eine ungewöhnliche Situation, die viele Fragen aufwirft.

— Michal Elia Kamal

Kamera und Schnitt: Regina List

Antworten auf diese Fragen hat sie vor sechs Jahren in Istanbul gefunden, als sie auf einer Reise durch Europa zum ersten Mal in die türkische Metropole kam: „Bis dahin hatte ich nie Menschen aus meiner Generation kennengelernt, die aus dem Iran kamen. In Istanbul habe ich beide Welten getroffen. Dort konnte ich Israelin und Jüdin sein und zugleich viele junge Iraner treffen, die mir mit offenem Geist und offenem Herzen entgegengetreten sind.“ Im Schmelztiegel Istanbul fügten sich dann die Puzzleteile ihrer Musik zusammen. Mit Musikern aus der Türkei, aus Frankreich, England und Schottland gründete sie die Band „Light in Babylon“. Der Name ist Programm: Michal Elia Kamal hat sich vorgenommen, trotz der babylonischen Sprachverwirrung Menschen unterschiedlicher Kulturen zu verbinden – mit ihrer Musik.

Auf Tour in Europa

Die Texte ihrer selbst komponierten Stücke sind teils hebräisch, teils türkisch, und teils in Farsi abgefasst. Zu ihrem Repertoire gehören aber auch traditionelle jüdische und türkische Lieder. „Eines der Lieder kommt von der türkischen Schwarzmeerküste und hat einen sehr speziellen Rhythmus, wie ein Walzer, weil das Schwarze Meer häufig so stürmisch ist. Es ist ein uraltes und sehr trauriges Liebeslied und es war das erste Stück, das ich nach meiner Ankunft in Istanbul kennengelernt habe. Ich habe mich sofort in das Lied verliebt.“ Mittlerweile ist „Light in Babylon“ in ganz Europa unterwegs. Ihr größtes Publikum hat die Gruppe aber in der Türkei und im gesamten Nahen Osten. Ein so gemischtes Publikum, dass Michal immer noch überrascht klingt, wenn sie davon erzählt. Schwule, Lesben, Frauen mit Kopftuch. Juden und Moslems. Kurden, Türken und Ägypter. Wenn sie von der Bühne blickt, glaubt sie, dass ihre Vorstellung davon, was Weltmusik bewirken kann, Realität geworden ist:

Das ist doch die reine Schönheit! Du nimmst Musik und Menschen von überallher, Menschen unterschiedlicher Religionen, die sich respektieren. Und Du siehst die Wirkung! Du sendest ihnen diese musikalische Botschaft und sie wirkt, weil die Menschen miteinander in Verbindung treten wollen, weil sie Musik lieben und weil die jungen Leute im Nahen Osten müde sind vom Krieg. Sie wollen einfach nur ein normales Leben führen.

— Michal Elia Kamal

Wenn sie sich auf die Suche nach traditionellem Material macht, dann findet Michal Elia Kamal häufig Lieder, die von Männern geschrieben wurden, damit Männer sie singen. Manchmal greift sie sich eines davon, und singt es dann mit ihrer mächtigen Frauenstimme. Wie eine Löwin will sie dann klingen, sagt sie. Und das kommt bei anderen Frauen ganz offensichtlich an:

Ich kriege häufig Botschaften von Frauen, meistens aus dem Nahen Osten. Die schreiben mir, dass sie eigentlich nicht singen dürfen, weil ihre Familie es ihnen verbietet. Im Iran ist es sogar völlig verboten. Und dann schreiben sie mir aus Saudi-Arabien oder Ägypten oder aus dem Iran, dass ich sie inspiriere zu singen. Wenn ich sowas lese, dann denke ich: Du hast deinen Job in diesem Leben schon erledigt!

— Michal Elia Kamal

Wenn sie so etwas sagt, wenn sie beschreibt, wie ihre Musik auf andere wirkt, dann klingt Michal Elia Kamal wirklich glücklich – und gleichzeitig erstaunt. So wie bei dieser Anekdote, aus Istanbul: „Manchmal laufe ich die Istiqlal-Straße lang, und einmal bin ich da von Frauen aus Katar angesprochen worden. Frauen mit Burka, ich konnte nur ihre Augen sehen. Und sie sagten: Wir lieben Deine Musik! Wir können sie auswendig! Frauen in Burka, die hebräische Lieder singen!“ Das nennt man dann wohl Weltmusik.