Foto: BR | Kilian Neuwert

Die Erlöserkirche wird 120 Jahre alt

Zum Reformationstag: Besuch in der evangelischen Kirche in Jerusalem

Im 19. Jahrhundert ließ der deutsche Kaiser Wilhelm II. in der Jerusalemer Altstadt, in unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche, die evangelische Erlöserkirche errichten. Heute ist sie Anziehungspunkt für deutsche Christen im Land. Ein Beitrag von BR-Reporter Kilian Neuwert.

Von Studio Tel Aviv
Am 31.10.2018

Während draußen Touristengruppen durch die Gassen drängen, gleicht sie einem Ruhepol: die evangelische Erlöserkirche, mitten in der Jerusalemer Altstadt. Etwa 30 Menschen aller Altersgruppen sind an diesem Sonntag um 10:30 Uhr zum Gottesdienst gekommen. Darunter Charlotte Schwucho, die als Freiwillige in einem Hospiz in der Stadt arbeitet.

Ich habe hier so ein bisschen mein deutsches Zuhause gefunden. Ich bin jetzt ein Jahr hier. Und hier habe ich mich schnell wie angekommen gefühlt, dadurch, dass mir fröhlich „Hallo“ gesagt wurde, als ich durchs Tor kam. Und ich habe wirklich gemerkt, dass ich hier ein Zuhause brauche.

— Charlotte Schwucho, Freiwillige in Jerusalem

Charlotte steht im Anschluss an den Gottesdienst mit anderen Kirchenbesuchern zusammen. Heute wird im Refektorium eine Ausstellung eröffnet. Die Erlöserkirche ist Anziehungspunkt für etliche deutsche Christen, die im Heiligen Land arbeiten, für Touristen und Pilger. „Es ist ein sehr wichtiger Ort. Die Deutsche Gemeinde ist hier nur klein, aber man kommt hier zusammen aus allen Orten, aus Tel Aviv, Herzlia und darüber hinaus“, sagt eine Besucherin. Ein anderer Besucher meint: „Ich finde es immer sehr besonders, wenn man hier in Jerusalem auf Bibeltexte hört. Wie heute zum Beispiel. Es hört sich einfach anders an, wenn man hier sitzt an dem Ort, an dem die Texte spielen.“ Am Reformationstag 1898 also vor 120 Jahren wurde der Bau eingeweiht. Die Einweihung galt als Höhepunkt einer Palästina-Reise von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria. Errichtet wurde die Erlöserkirche auf einer Kirchenruine aus der Kreuzfahrerzeit. Der Baugrund ging als Geschenk an Preußen, erzählt Probst Wolfgang Schmidt:

Da hat man dann natürlich überlegt, wie baut man diese Kirche, die jetzt neu entstehen sollte. Es gab zunächst Überlegungen, die alte Ruine wieder aufzurichten. Aber diese Kirche war auf Sand und einem unguten Untergrund gebaut, sodass man wirklich neu das Fundament für diese Kirche legen musste. Aber man Wert darauf gelegt, dass in dieser neuen Kirche so viele Elemente wie möglich aus der alten aufgenommen werden.

— Probst Wolfgang Schmidt
Wolfgang Schmidt ist der Probst der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem. Foto: BR | Kilian Neuwert

Davon zeugt ein verwittertes Säulenkapitell an einer Wand. Es war das Modell für die Kapitelle des Neubaus. In den 1970er Jahren hat die Erlöserkirche ihre letzte große Renovierung erlebt. Dabei wurden unter anderem Bemalungen und Mosaike entfernt. Der Stein war marode und man wollte der Kirche eine Anmutung geben, die stärker an die Kreuzfahrerarchitektur erinnert, sagt Probst Wolfgang Schmidt. Heute zeigt sich der Kirchenraum schmucklos. Bis auf einen Christuskopf in der Apsis – in wichtiges Element in den Augen von Kaiser Wilhelm II. Das gleiche Mosaik findet sich nämlich in der Lateranbasilika im Vatikan. Dort geht es zurück auf Kaiser Konstantin, der auch die Grabeskirche in Jerusalem errichten ließ. Wilhelm II. galt er als Vorbild. Der deutsche Kaiser eiferte Konstantin nach.

Die Grabeskirche, der wichtigste Ort der Christenheit, nur 150 Meter von hier entfernt, wurde von Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert erbaut. Und dann wurde hier in unmittelbarer Nähe durch Kaiser Wilhelm II ein protestantischer Bau errichtet. Das war für ihn ganz eng mit der Vorstellung verbunden, er ist jetzt der neue Konstantin.

— Probst Wolfgang Schmidt

Anders als sein Vorbild schuf Wilhelm II. mit der Erlöserkirche aber einen Ort für die Protestanten in Jerusalem. Bis heute eine wichtige Anlaufstelle für evangelische Christen.