Foto: BR | Björn Dake

Die E-Scooter-Hochburg 

Elektrische Roller erobern Tel Aviv – und können an fast jeder Straßenecke gemietet werden 

Etwa 1.500 Miet-Scooter soll es in Tel Aviv aktuell geben. Mit ihnen lassen sich die täglichen Staus in der Stadt umgehen. Ungefährlich ist die Fahrt aber nicht. Ein Beitrag von BR-Reporter Björn Dake. 

Von Studio Tel Aviv
Am 26.04.2019

Der Start ist einfach: Mit dem Smartphone einen QR-Code am Roller scannen, Seitenständer hochklappen, mit dem Fuß ein paar Mal Schwung holen. Dann mit dem rechten Daumen einen Hebel runterdrücken. Das schaltet den Elektroantrieb zu. Und dann beide Füße aufs Trittbrett. „Es ist einfach für mich, so zur Arbeit zu kommen. Besser als der Bus. Und es macht Spaß. Die Stadt braucht mehr Scooter und weniger Autos“, sagt eine junge Tel Aviverin,  die den E-Roller für den zehnminütigen Weg ins Büro nimmt. Wer mit dem Auto auf den Straßen Tel Avivs unterwegs ist, steht meist im Stau. Knapp vier Millionen Menschen leben in der Metropolregion. Eine U-Bahn gibt es nicht. Am Schabbat fahren auch keine Busse. Und das Radfahren kann im Sommer zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden. Für Yaniv Rivlin heißt die Alternative: E-Scooter.

Unser Ziel ist es, Staus und Luftverschmutzung zu reduzieren. Es ist ein toller Weg, in der Stadt herumzukommen.

— Yaniv Rivlin, E-Scooter Verleiher Bird

Rivlin arbeitet für Bird. Die Firma aus Kalifornien stellt seit vergangenen August ihre Roller in Tel Aviv auf. Wie viel genau es sind, will Rivlin nicht sagen. Nur so viel: mehrere hundert. An jeder Ecke stehen oder liegen die Roller mittlerweile.

30 Prozent unserer Fahrten sind zwischen acht und neun Uhr morgens und sechs und sieben abends. Das zeigt, die Scooter ersetzen Autos. So kommt man einfacher in der Stadt voran.

— Yaniv Rivlin, E-Scooter Verleiher Bird

Die Roller von Bird fahren maximal 24 Kilometer pro Stunde. Sie haben links am Lenker einen Bremshebel und vorn und hinten ein kleines LED-Licht. Andere Anbieter heißen Lime oder Wind aus Deutschland. Ihre Roller funktionieren ähnlich. Abgerechnet wird per Kreditkarte. Pro Fahrt sind umgerechnet gut ein Euro zwanzig fällig plus zwölf Cent für jede angefangene Minute. Abends geht den Rollern oft der Saft aus. Dann kommt Gorin Shlomo ins Spiel. Er sammelt mit Hilfe der App die Scooter ein und steckt sie zu Hause an seine Steckdose.

So kann ich mir etwas dazu verdienen. Das macht süchtig. Das ist wie Computerspiel, wie Pokémon-Go. Und du wirst auch noch dafür bezahlt! Das macht Spaß!

— Gorin Shlomo, Bird-Mitarbeiter

Drei bis vier Stunden ist Shlomo abends unterwegs – wie viele andere in der Stadt auch. Im Schnitt bekommt er etwa sechs Euro für jeden aufgeladenen Roller. Wer Roller auflädt, bekommt vom Anbieter Bird einen Helm geschenkt. Alle anderen Nutzer müssen die Versandgebühren zahlen. Der Helm ist Pflicht, aber nur schätzungsweise jeder Zweite trägt auch einen. So wie dieser Israeli: „Der Verkehr hier ist verrückt. Wir brauchen mehr Spuren für Räder und Roller.“ Die Roller dürfen nur auf Radwegen fahren. Und wenn es die nicht gibt, auf der Straße. Wer auf dem Gehweg fährt, muss umgerechnet 125 Euro Strafe zahlen. Eigentlich. Praktisch hält sich kaum ein Rollerfahrer an die Regeln. Kontrollen der Polizei sind selten. Auch das Verbot für unter 16-Jährige wird gern ignoriert. Gilad Erdan ist Israels Minister für öffentliche Sicherheit. Er sagt: Gesetze allein reichen nicht.

Selbst wenn wir auf jeden Quadratmeter des Landes einen Polizisten stellen. Und das können wir ja gar nicht, weil es Terror und Kriminalität gibt. Solange ein Jugendlicher im Straßenverkehr nicht weiß, was ein Stoppschild ist, solange er nicht weiß, wie er sich zwischen Lastwagen und Bussen zu verhalten hat, wird sich auch nichts ändern.

— Gilad Erdan, Minister für öffentliche Sicherheit

Die Politik will mit mehr Verkehrserziehung in den Schulen dafür sorgen, dass es sicherer wird auf Israels Straßen. Die Verkehrsteilnehmer hier sind nicht gerade für ihre Rücksicht bekannt. Wer sich im Stau zwischen den Autos hindurchschlängelt, lebt gefährlich. Dazu kommen Schlaglöcher, Bordsteinkanten und E-Bike-Fahrer, die unvermittelt vor einem abbiegen. Dann hilft nur: Bremsen bis die Gummiräder auf dem Asphalt quietschen und ein beherzter Sprung vom Trittbrett.

Kommentare

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft.
Mehr in den Kommentarrichtlinien

1 thought on “Die E-Scooter-Hochburg ”

    Heinz, Freitag, 26.04.19, 17:30 Uhr

    Mehr Rad-/Rollerwege sind absulut notwendig. Auf einigen Straßen wie Allenby oder Ben Jehuda ist das sicher schwierig, aber auf vielen andere Straßen wäre ausreichend Platz dafür. Das eigentliche Prob ...

    Mehr Rad-/Rollerwege sind absulut notwendig. Auf einigen Straßen wie Allenby oder Ben Jehuda ist das sicher schwierig, aber auf vielen andere Straßen wäre ausreichend Platz dafür.
    Das eigentliche Problem ist meiner Meinung nach aber die für Israelis so typische „me first“ Mentalität. Die führt dazu, dass Verkehrsregeln eher als Ratschläge wahrgenommen werden und sowohl Fahrad- als auch Scooterfahrer sich nur daran halten, wenn es ihnen gerade passt. Ich sehe ständig Scooterfahrer, die über rote Ampeln fahren oder auf den Gehweg ausweichen, wenn die Straße gerade blockiert ist. In Rehovot sieht man das sehr gut. Da gibt es einen gut ausgebauten Radweg einmal um die Stadt herum bis nach Ness Ziona. Füßgänger interessieren sich wenig für die Trennung von Rad- und Gehweg. Die laufen wo sie wollen. Mit dem Resultat, dass Radfahrer da fahren wo es Ihnen gerade passt. Verkehrserziehung ist also sehr sinnvoll, ich bezweifel aber, dass das Früchte trägt.