Foto: BR | Benjamin Hammer

Desolate Lage

Die humanitäre Situation der Menschen im Gazastreifen ist angespannt – nun wachsen auch noch die Kriegssorgen

Noch immer fällt im Gazastreifen regelmäßig der Strom aus. Oft fehlt der Treibstoff für Generatoren, die ärztliche Versorgung leidet darunter. Nun könnten auch die Lebensmittel knapp werden, nachdem die USA ihre Hilfszahlungen eingeschränkt haben. Droht eine Katastrophe?

Von Benjamin Hammer
Am 20.02.2018

Hala kämpft ums Überleben. Das Mädchen ist viel zu früh auf die Welt gekommen und liegt seit zwei Monaten in einem Kinderkrankenhaus in Gaza-Stadt. Issam el Garably, der Arzt, würde dem Kind gerne so gut wie möglich helfen. Aber im Gazastreifen ist das im Moment nur schwer möglich.

Sie wurde mit Untergewicht geboren. Ihre Körpertemperatur ist zu niedrig, sie liegt bei nur 33 Grad. Das ist ein Zeichen für eine Infektion. Wir sollten sie nun wärmen, aber wir haben keinen Strom.

— Issam el Garably, Arzt im Gazastreifen

Wenige Minuten zuvor ist der Strom ausgefallen. Der Generator ist nicht angesprungen, weil das Krankenhaus keinen Treibstoff hat. Der Heizstrahler über dem Mädchen funktioniert nicht. Issam el Garably führt ein paar Telefonate. Ein anderes Krankenhaus wird die kleine Hala aufnehmen, dort laufen die Generatoren noch. „Bei uns würde das Mädchen bald sterben“, sagt der Arzt. In seinem Krankenhaus fehlen auch überlebenswichtige Medikamente. Die palästinensischen Parteien Hamas und Fatah haben ihren Machtkampf noch immer nicht beendet und tragen ihn auf dem Rücken der Zivilbevölkerung im Gazastreifen aus. Strom und Medikamente werden so zum politischen Druckmittel.

Die Politik wirkt sich nun auf jeden Menschen, auf jedes Kind im Gazastreifen aus. Ich glaube, dass wir neue Anführer brauchen. Sowohl die Hamas als auch die Fatah haben keinen Plan, um das Überleben der Menschen zu sichern.

— Issam el Garably, Arzt im Gazastreifen

In Jabalia, im Norden des Gazastreifens, steht Mohammed Cheredin vor einer Ausgabestelle des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachfahren. Der 40-jährige Palästinenser hat sich gerade Wertmarken geholt. Dafür bekommt er später Lebensmittel, zum Beispiel Reis, Linsen und Kichererbsen.

Uns geht es schlecht. Ich habe eine Frau und vier Kinder. Ich bin arbeitslos. Wir leben einzig und allein von den Lebensmitteln, die ich hier bekomme.

— Mohammed Cheredin, Palästinenser

Auch wenn sich das hier noch niemand so recht vorstellen möchte: Vertreter des UN-Hilfswerks, der UNRWA, warnen, dass die Lebensmittelvorräte ausgehen, von der die Hälfte der Bevölkerung im Gazastreifen lebt. Die US-Regierung hat ihre finanzielle Unterstützung an die UNWRA extrem eingeschränkt. Sie will die Palästinenser so zu neuen Verhandlungen mit den Israelis zwingen.

Aus meiner Sicht ist das ethisch nicht vertretbar, dass die amerikanische Regierung politisches Denken verknüpft mit humanitärer Hilfe. Meine größte Sorge im Moment ist, dass ab Juli die Nahrungsmittelhilfe entweder eingestellt oder extrem zurückgeschraubt werden muss.

— Matthias Schmale, Direktor der UNWRA im Gazastreifen
Die Hamas gerate immer stärker unter Druck, erklärt der UNRWA-Direktor in Gaza, Matthias Schmale. Foto: BR | Benjamin Hammer

Die finanziellen Nöte des UN-Hilfswerkes, der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah – die Menschen im Gazastreifen erleben eine extrem angespannte Phase. Nun droht auch noch ein Krieg mit Israel. Palästinensische Extremisten schießen weiterhin mit Raketen auf Israel. Die israelische Armee reagiert mit Luftangriffen. Bisher, sagt Matthias Schmale, gebe es noch einen Beruhigungsfaktor: „Dass Hamas, die politische Führung von Hamas, es nicht zu einer Katastrophe kommen lassen will. Also zu einer kriegerischen Auseinandersetzung.“ Doch die Hamas gerate zunehmend unter Druck. Der angebliche Versöhnungsprozess mit der Fatah ist zum Erliegen gekommen. Es gibt weiterhin nur wenige Stunden Strom am Tag. Irgendwann könne es vorbei sein mit dem besonnenen Verhalten der Hamas, sagt der deutsche Entwicklungshelfer Matthias Schmale. Und das könne für niemand gut sein.

Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Kommentare

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft.
Mehr in den Kommentarrichtlinien

2 thoughts on “Desolate Lage”

    Michael K., Dienstag, 20.02.18, 22:18 Uhr

    Das Schweigen derer, die um die prekäre Lage der Bevölkerung in Gaza wissen zeugt von Abgestumpftheit. Das gilt der Besatzungsmacht, die an der Seitenlinie steht und nur zählt wie viele Lastwagen in d ...

    Das Schweigen derer, die um die prekäre Lage der Bevölkerung in Gaza wissen zeugt von Abgestumpftheit. Das gilt der Besatzungsmacht, die an der Seitenlinie steht und nur zählt wie viele Lastwagen in das Getto Gaza wohl hineinfahren, um damit den Grad des Elends besser ermessen zu können. Aber damit hat sich’s auch schon. Das gilt der blinden Weltmacht USA, die sich an der Unterdrückung und Apartheidspolitik Israels beteiligt und nur an eine unterwürfige, um Brotkrumen bettelnde und dafür dankbare Gettobevölkerung gewillt ist, mit armseligen Almosen deren Überleben einigermassen zu sichern. Das gilt den Staaten dieser Welt, die immer wieder ihr Interesse an einer Lösung des Konfliktes bekunden und doch nicht den Mumm haben diesem Spuk durch Sanktionen und durch Unterlassung weiterer Militärhilfen ein Ende zu bereiten. Das gilt einer palästinensischen Verwaltung, die zu lange Besatzung und eine verlogene Friedenspolitik akzeptierte und so den Boden für den Wahlerfolg der Hamas bereitete.

      martina, Mittwoch, 21.02.18, 19:35 Uhr

      hallo michael. ich sagte es dir schon einmal. wenn es so gesehen wird, das wir deutschen schuld sind an der lage der palästinenser. und die hilfsgelder für die unwra als ablassgelder / bußgelder an di ...

      hallo michael. ich sagte es dir schon einmal. wenn es so gesehen wird, das wir deutschen schuld sind an der lage der palästinenser. und die hilfsgelder für die unwra als ablassgelder / bußgelder an die palästinenser gesehen werden.
      wenn das so gesehen wird, dann bin ich für die sofortige einstellung aller hilfsgelder an die palästinenser! gruß