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Der Stoff ist da, aber...

In Israel – bislang Vorreiter bei den Corona-Impfungen – sinkt die Bereitschaft, sich impfen zu lassen 

Die Schlangen vor den Impfzentren werden kürzer: Eigentlich wären in Israel jetzt die jungen Menschen an der Reihe – doch unter ihnen regt sich Widerstand. Und auch andere Teile der Gesellschaft halten sich bei den Corona-Impfungen zurück. 

Von Benjamin Hammer
Am 11.02.2021

Auf dem Rabinplatz vor dem Rathaus in Tel Aviv steht seit Anfang des Jahres ein riesiges Zelt. Mit automatischen Ansagen werden dort die Patientinnen und Patienten zur Corona-Schutzimpfung aufgerufen. Noch vor ein paar Wochen war der Andrang groß. Doch an diesem Nachmittag stehen zeitweise nur etwa zehn Menschen vor dem Eingang. Und auch im Zelt ist es ziemlich leer. 200.000 Menschen sollen in Israel pro Tag geimpft werden. Aktuell wird nur die Hälfte dieses Ziels erreicht. Impfzentren stehen teilweise leer. Es gibt sogar Berichte, dass Impfdosen am Ende des Tages ungenutzt weggeworfen werden mussten. Traurig mache sie das, sagt Yael Paran, Ärztin für Infektionskrankheiten am Ichilov Krankenhaus in Tel Aviv.

Wir Ärztinnen und Ärzte kennen die Daten. Wir wissen, wie effektiv die Impfung ist. Wir müssen bei uns kaum noch Patienten aufnehmen, die beide Impfdosen bekommen haben. Deswegen sollte jede Impfdosis, die wir haben, in einen Arm gelangen.

— Yael Paran, Ärztin 
Ärztin Yael Paran rät auch Jüngeren, sich impfen zu lassen. Foto: BR | Benjamin Hammer

Die gute Nachricht für Israel: In sehr hohen Altersgruppen sowie bei Risikopatienten haben sich fast alle impfen lassen. Die schlechte: Umso jünger, desto geringer die Impfbereitschaft. Dabei können sich mittlerweile alle Israelis über 16 impfen lassen. Laut einer Umfrage des Senders KAN hat etwa ein Drittel der Bevölkerung Bedenken. Und ausgerechnet in den Teilen der Bevölkerung, in denen die Infektionsraten besonders hoch sind, scheint auch die Impfskepsis größer zu sein. Bei den Ultraorthodoxen und arabischen Israelis sind die Impfquoten deutlich niedriger als im Gesamtdurchschnitt. Doch auch die säkulare Israelin Tamila Nazarov, Mitte 20, hat Bedenken.

Ich habe Angst, mich impfen zu lassen. Das ist doch keine Impfung, das ist noch eine Studie. Niemand kennt die langfristigen Nebenwirkungen.

— Tamila Nazarov, junge Israelin 

Nazarov engagiert sich in Facebook-Gruppen von Impfgegnern. Dort werden teilweise Unwahrheiten verbreitet. Außerdem riefen die Impfgegnerinnen dazu auf, zum Schein Termine in Impfzentren zu machen. Und die dann nicht wahrzunehmen, damit der Impfstoff weggeschmissen werden muss. Israels Regierung geht inzwischen gegen die Facebook-Gruppen vor.

Auch ohne Impfungen wollen wir das Recht haben, in Geschäfte zu gehen, Partys und Restaurants zu besuchen. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse.

— Tamila Nazarov, junge Israelin 
Bei den über 60-Jährigen verlief die Impfkampagne bislang erfolgreich. Foto: reuters

Die Impfgegner wehren sich gegen Pläne der israelischen Regierung, schon bald sogenannte „Grüne Pässe“ einzuführen. Wer zwei Dosen der mRNA-Impfstoffe bekommen hat, soll nach ein paar weiteren Tagen etwa Restaurants besuchen dürfen. Alle anderen müssen draußen bleiben. Manche Kommunen planen sogar, Geimpften bestimmte Steuern zu erlassen. Yael Paran, die Ärztin für Infektionskrankheiten, unterstützt solche Pläne. Sie hofft, dass damit die Impfbereitschaft auch bei den Jüngeren endlich steigt.

Ich bin gegen Zwang. Es gibt Studien, dass Zwang normalerweise nicht zu höheren Impfquoten führt. Vorteile für Geimpfte sind aber keine Sanktionen. Und wir haben vielversprechende Daten, die das rechtfertigen. Dass von Geimpften eine geringere Wahrscheinlichkeit ausgeht, andere anzustecken.

— Yael Paran, Ärztin 

Doch wenn die Impfbereitschaft weiterhin teilweise niedrig bleibe, könne sich das Virus weiter ausbreiten, sagt die Ärztin. Und das, obwohl die meisten älteren Israelis geimpft sind. Aktuell hat Israel eine der höchsten Infektionsraten der Welt.

Die jungen Leute haben ja Recht: Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es einen schweren Verlauf von Covid-19 gibt. Aber bei so hohen Infektionszahlen sehen wir auch bei ihnen verstärkt schwere Fälle.

— Yael Paran, Ärztin

Die Patientinnen und Patienten auf Israels Intensivstationen werden jünger. 40, 50 Jahre alt seien sie, sagt die Ärztin. Manchmal jünger. Israels Regierung hat immer wieder versprochen, dass das Land im März zu weitgehender Normalität zurückkehren könne. Dieses Ziel sei nun in Gefahr, sagt die Ärztin Paran.

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