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Der Staat als Subunternehmer

Eine mutige Kunstausstellung im Westjordanland hinterfragt verschiedene Konzepte von Nation

"Subcontracted Nations" im Kulturzentrum der Quattan-Stiftung in Ramallah will den Besuchern Anreize für neue Perspektiven geben, was die Rolle des Staates angeht. Bilder, Installationen und Videopräsentationen von 50 Künstlern sind zu sehen – auch eine deutsche Künstlerin ist vertreten. Ein Beitrag von BR-Reporter Julio Segador.

Von Studio Tel Aviv
Am 17.07.2018

Der riesige Stempel gleich am Eingang der Ausstellungshalle erschlägt einen förmlich: So groß wie ein LKW-Reifen prangt auf der schräg aufgestellten runden Stempelfläche der für die arabischen Länder so typische Adler Saladins rot leuchtend im Zentrum des palästinensischen Wappens. „Notarised – Notariell beglaubigt“ hat der aus Ramallah stammende Künstler Majdi Hadid dieses unförmige Schreibtischmonster genannt. Der Stempel als Machtsymbol in bürokratischen Staaten. Das Stempeln als autoritäre Zustimmung des Wandels von einem Zustand zum anderen. Die Macht des Staates manifestiert sich in einem bloßen Stempel. Es ist ein überraschender, neugierig machender Einstieg in die Schau „Subcontracted Nations“: der Staat als Subunternehmer, der seine Macht in dieser zunehmend neoliberalen, globalisierten Welt abgibt – aber wohin? Kurator Yazid Anani stellt eine provozierende Frage:

Für was brauchen wir noch einen Staat, wenn etwa die Wirtschaft nun all die staatlichen Dienstleistungen anbietet? Für was gibt es eigentlich noch ein parlamentarisches System? Wen wählen wir, und für was? Das ist sicher eine polemische Frage. Da geht es weniger um Fakten. Die interessieren uns nicht. Wir wollen für das, was um uns herum geschieht, Anreize geben, Anreize für Alternativen, für andere Perspektiven.

— Kurator Yazid Anani

Rund 50 Künstler aus der ganzen Welt stellen zu dem Thema „Subcontracted Nations“ in dem neuen, prächtigen Kulturzentrum der Quattan-Stiftung in Ramallah aus. Bilder, Installationen, Video- und Audiopräsentationen hinterfragen die unterschiedlichsten Konzepte von Nation. Aus Deutschland ist die Künstlerin Susanne Bosch vertreten, mit dem – wie sie es nennt – visionären Fußabdruck, den einst die ADS, die Arab Development Society, hinterlassen hat. Die „Arabische Entwicklungsgesellschaft“ war in den 1950er Jahren ein visionäres Projekt des Philanthropen Musa Alami, der eine andere arabische Gesellschaft etablieren wollte, mit fundierter Bildung, einer funktionierenden Ökonomie, mit einer lebendigen Zivilgesellschaft.

Die Idee war tatsächlich: Wir bilden ganzheitlich aus, denn Ausbildung ist das eigentliche Fundament für Leben und Gesellschaft. Die Idee war: Wir stärken das Wir. Es war weniger auf das Individuum gerichtet, sondern mehr: die Idee von Gesellschaft funktioniert, wenn wir uns als Gemeinschaft bewegen.

— Künstlerin Susanne Bosch

Von der ursprünglichen Idee der Arabischen Entwicklungsgesellschaft – entfernt vergleichbar mit der Kibbuz-Bewegung in Israel – blieb nicht viel übrig, nur eine landwirtschaftliche Farm. Sie existiert bis heute und beliefert im von Israel besetzen Westjordanland palästinensische Familien mit landwirtschaftlichen Produkten. Susanne Bosch, die sich in ihren Kunstprojekten und Installationen schon immer mit nachhaltigen und visionären Formen gesellschaftlicher Transformation beschäftigte, entdeckte unbekanntes dokumentarisches Material der ADS, darunter alte Filme, die sie neu zusammengestellt hat.

Die Filme sind aus den 50er Jahren. Man sieht Jungs, wie sie schwimmen, wie auf dem Feld gearbeitet wird, in der Schule, beim gemeinsamen Essen, Gymnastik machend, und es gibt links und rechts dazu einen Text, einmal auf Arabisch, einmal auf Englisch, der das Ganze kontextualisiert.

— Künstlerin Susanne Bosch

Der Begriff der Nation wird in der Ausstellung in Ramallah mutig und aufregend in vielfältiger Weise künstlerisch hinterfragt. Und das geschieht in einer Region, die verbittert um die eigene Staatlichkeit kämpft. Für Kurator Yazid Anani war daher klar, dass viele der Künstler einen sehr politischen Ansatz wählen: „Kultur ist nicht Politik. Aber Kultur ist ein Raum, in dem Politik kritisiert werden kann. Und es ist ein Raum, in dem wir verschiedene Vorstellungen unserer Realität festlegen können. Und unsere Realität ist der Nahost-Konflikt, vor allem die Besetzung. Das ist wichtig mit Blick auf unsere Kultur. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.“ Die Ausstellung „Subcontracted Nations“ ist im Kulturzentrum der Quattan-Stiftung in Ramallah noch bis Ende September zu sehen.