Foto: Kfir Sivan

Der Schabbat-Bus

Selbst im säkularen Tel Aviv ist das eine kleine Revolution: seit Kurzem fahren hier auch am Wochenende Busse

Es ist ein großer Streitpunkt zwischen strengreligiösen und säkularen Juden: Am Schabbat dürfen die meisten öffentlichen Verkehrsmittel in Israel nicht fahren. Die Tel Aviver Stadtverwaltung hat nun ein Schlupfloch genutzt. Ein Beitrag von Sophie von der Tann.

Von Studio Tel Aviv
Am 10.12.2019

Vor etwa zwei Stunden ist an diesem Freitagabend die Sonne untergegangen– der Schabbat hat begonnen. Wer jetzt von A nach B kommen möchte, muss in den meisten Städten in Israel mit dem Auto oder dem Fahrrad fahren, oder zu Fuß gehen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht. In Tel Aviv hat sich das vor Kurzem geändert. Hier wartet Rima Granovsky an diesem Freitagabend am Rabin-Platz im Stadtzentrum auf den neuen Schabbat-Bus, in zwei Minuten soll er da sein. Sie benutzt den Bus zum ersten Mal.

Ich weiß nicht, was jetzt passiert, hoffentlich ist genug Platz für mich. Wenn nicht, muss ich ein Taxi nehmen und viel Geld zahlen. 

—  Rima Granovsky, Schabbat-Bus-Nutzerin
Auch Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai (vorne rechts) war bereits mit dem Bus am Schabbat unterwegs. Foto: Kfir Sivan

Rima muss pünktlich sein, sie will ins Theater. Dass sie am Schabbat jetzt auch mit dem Bus fahren kann, freut sie. Tel Aviv ist eine von wenigen israelischen Städten, in denen Schabbat-Busse fahren. Sollte es mehr von den Bussen geben?

Ich weiß, dass es ein sehr umstrittenes Thema ist in Israel. Aber ich bin froh, dass es die Busse in Tel Aviv gibt. Ich weiß nicht, ob es sie in ganz Israel geben wird, weil es Gegenden mit sehr religiösen Menschen gibt. Ich will deren Gefühle nicht verletzen.

— Rima Granovsky, Schabbat-Bus-Nutzerin
Anders als unter der Woche fahren am Wochenende nur Mini-Busse. Foto: Kfir Sivan

Am Schabbat gelten für strengreligiöse Juden viele Regeln, zum Beispiel dürfen sie keinen Strom nutzen, nicht mit dem Auto oder eben öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Bei der Gründung des Staates Israel 1948 hat man sich darauf geeinigt, den Status quo beizubehalten. Das heißt, nur in Städten wie zum Beispiel Haifa, wo es öffentliche Verkehrsmitteln am Schabbat schon vor 1948 gab, konnten diese auch weiterhin fahren. Die Folge: Am Schabbat und an Feiertagen stehen Busse an den meisten Orten still. Meital Lehavi, stellvertretende Bürgermeisterin von Tel Aviv und zuständig für Verkehr, sieht das sehr kritisch:

Wir haben eine Situation erreicht, in der der Status quo einer säkularen Bevölkerungsgruppe aufgezwängt wird, die auch am Schabbat fährt. Wer also ein privates Auto besitzt, kann am Schabbat fahren, und wer kein Auto oder andere Mittel hat, ist zu Hause gefangen und kann sich nicht fortbewegen.

— Meital Lehavi, stellvertretende Tel Aviver Bürgermeisterin
Meital Lehavi, stellvertretende Bürgermeisterin von Tel Aviv, sieht den Status quo kritisch. Foto: BR | Sophie von der Tann

Mit etwas Verspätung trifft der Bus ein, ein Minibus, zwei Sitze sind noch frei. Etwa 10.000 Menschen nutzen die Schabbat-Busse jedes Wochenende. Die Nachfrage ist schon jetzt so groß, dass das System erweitert werden soll. Im Moment sind sechs Buslinien in Betrieb, sie decken ganz Tel Aviv ab und verbinden die Stadt mit einigen Vororten.  Für Yaniv Halperin ist das eine große Erleichterung: „Ich finde es sehr gut, weil ich jetzt die Möglichkeit habe, meine Großeltern, meine Familie, zu besuchen, ohne dass ich meinen Vater fragen muss, ob er mich abholt und er dann einen großen Umweg machen muss, denn er kommt aus einer anderen Stadt. Jetzt kann ich alleine fahren und das kostenlos.“ Damit die Busse am Wochenende fahren dürfen, musste die Tel Aviver Stadtverwaltung nämlich ein Schlupfloch nutzen:

Wir finanzieren den Service, weil wir, ab dem Moment, an dem wir Geld nehmen würden, ein öffentlicher Verkehrsunternehmer wären, was bedeuten würde, dass wir eine Genehmigung des Staates benötigen. Der Staat würde uns diese Genehmigung niemals geben. Daher nehmen wir kein Geld, damit wir nicht als öffentlicher Verkehrsunternehmer definiert werden können.

— Meital Lehavi, stellvertretende Tel Aviver Bürgermeisterin
Der Wochenend-Transport reicht auch bis in die Tel Aviver Vororte. Foto: Guy Yechiely

Die stellvertretende Bürgermeisterin denkt aber, dass die Schabbat-Busse langfristig nicht kostenlos bleiben können. Rima wäre bereit, für ein Ticket zu zahlen – sie hat ihre erste Fahrt mit dem Schabbat-Bus nicht bereut, sie ist pünktlich am Theater angekommen.

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