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Der Lockdown kommt

Wieder wird Israel in der Corona-Krise abgeriegelt – die Opposition spricht von Regierungsversagen 

Zwischen „Es geht vielleicht nicht anders“ und „Das darf doch wohl nicht wahr sein“ - so reagieren die Israelis auf die Ankündigung der Regierung. Der Premier fliegt unterdessen nach Washington.

Von Benjamin Hammer
Am 14.09.2020

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Beitrag: Susanne Glass | Kamera: Alex Goldgraber | Schnitt: Amir Tal

Israels Gesundheitsminister Yuli Edelstein konnte sich noch nicht einmal vernünftig an die Israelis wenden. Statt in einem Saal mit Rednerpult und Flagge stand er bei sich zu Hause vor einem schmucklosen Regal. Yuli Edelstein gehört zu mehreren hochrangigen Corona-Offiziellen, die sich vorsichtshalber in Quarantäne befinden, weil sie infizierten Mitarbeitern zu nahe gekommen sind.

Drei Monate lang habe ich versucht, einen Lockdown zu verhindern. Ich habe alles unternommen, damit wir an der Seite des Coronavirus leben können. Aber unter diesen Umständen bleibt uns keine andere Wahl. Es ist nicht leicht.

— Yuli Edelstein, Gesundheitsminister
Gesundheitsminister Edelstein verkündete den Lockdown. Archiv-Foto: dpa | picture alliance

Ab Freitagnachmittag wird in Israel ein strikter Lockdown verhängt: Schulen und Kitas müssen schließen, Freizeiteinrichtungen auch. Für die Bürgerinnen und Bürger geöffnet haben nur noch Supermärkte, Apotheken und Arztpraxen. Ohne triftigen Grund dürfen sich Israelis nur 500 Meter von ihren Häusern entfernen. Der Lockdown gilt für mindestens drei Wochen. Die Stimmung bei den Israelis schwankt zwischen „Es geht vielleicht nicht anders“ und „Das darf doch wohl nicht wahr sein.“ Der Oppositionsführer Yair Lapid sieht in den neuen Einschränkungen jedenfalls ganz klar ein Versagen der Regierung.

Fünf Monate lang hat die Regierung Israels nichts getan. Durch ihr völlig verrücktes Handeln hat sie das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Was die Regierung uns jetzt eigentlich sagt, ist, dass sie sowohl im Bereich der Wirtschaft als auch im Bereich der Gesundheit total versagt hat und wir alle nun den Preis dafür zahlen müssen.

— Yair Lapid, Oppositionspolitiker
Kritisiert die Corona-Politik: Yair Lapid. Foto: dpa | picture alliance

Israels Regierung hatte eigentlich auf einen differenzierteren Ansatz gesetzt. Nur jene Städte und Viertel sollten unter einen Lockdown gestellt werden, die besonders schwer vom Virus betroffen sind. Dagegen aber hatten die Anführer der ultraorthodoxen Parteien protestiert – Koalitionspartner von Premier Netanjahu. In der ultraorthodoxen sowie in der arabischen Bevölkerung Israels gibt es vergleichsweise viele Corona-Infektionen. Nun also ein Lockdown für das ganze Land. Benjamin Netanjahu verwies auf die Lage des Gesundheitssystems: Dort werde die rote Flagge geschwenkt.

Die Führung der Krankenhäuser hat mich gewarnt, dass die Zahl der Infektionen neue Maßnahmen erfordert. Ein Teil des Personals und der Krankenhäuser ist überlastet.

— Premier Benjamin Netanjahu
Schon zu Beginn der Krise gab es in Israel einen Lockdown - danach hielten sich immer weniger an die Regeln. Foto: dpa | picture alliance

In ganz Israel wurden in den vergangenen Wochen immer wieder illegale Massenveranstaltungen organisiert. Die Opposition verweist auf den Vertrauensverlust der Menschen gegenüber der Regierung. Netanjahu hatte sich zuletzt eher selten zur Corona-Krise geäußert. Nun versuchte er es mit einem klaren Appell.

Ich rufe alle auf, den Verordnungen Folge zu leisten. Also Masken zu tragen, Abstand zu halten und gefährliche Versammlungen zu meiden. Wenn wir uns nicht daran halten, wird sich das Virus weiter ausbreiten und uns besiegen.

— Premier Benjamin Netanjahu

Netanjahu sprach auf einer Pressekonferenz. Und sagte schließlich: „Ich muss noch nach Washington fliegen. Wenn Ihr mir jetzt keine Fragen mehr stellen wollt, dann würde ich mich jetzt verabschieden.“ Der israelische Premier will im Weißen Haus Normalisierungsabkommen mit zwei arabischen Ländern unterzeichnen. Abkommen, die von vielen „historisch“ genannt werden. Die Opposition stört sich jedoch am Zeitpunkt der Reise. Während des bisherigen Höhepunkts der Corona-Krise, kurz vor dem Lockdown.

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