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Der digitale Arzt hört mit

Eine neue App soll Menschen mit Asthma und Lungenkrankheiten helfen, Anzeichen eines Anfalls rechtzeitig zu entdecken

Mittels Gesprächsaufzeichnungen am Smartphone will Healthymize Patienten helfen, eine Verschlechterung ihrer Gesundheit oder einen akuten Anfall rechtzeitig zu erkennen: Eine App analysiert das Stimmmuster eines Nutzers bei einem Telefonat und meldet Veränderungen. Wie das funktionieren kann und was das für den Datenschutz bedeutet? Ein Beitrag von BR-Reporter Kilian Neuwert.

Von Studio Tel Aviv
Am 08.11.2017

Mit einer App fürs Smartphone Leben retten: Mit keinem geringeren Motto tritt das Team des israelischen Start-ups Healthymize an und verspricht viel. Wie das gehen soll, demonstriert Sprecherin Maura Rosenfeld. Auf ihrem Smartphone drückt sie ein Bedienfeld der App, schaltet auf Aufnahme und hustet los – Rosenfeld simuliert eine Patientin. Mögliche Krankheit: Asthma oder ein chronisches Lungenleiden, das bei einem akuten Anfall zu Atemnot oder Husten führt. Sekunden später zeigt der Bildschirm einen Wert irgendwo zwischen null und hundert. Bei Maura Rosenfeld sind es 2,9.

Die App läuft nur im Hintergrund

„Anscheinend bin ich fast tot. Der Wert ist jetzt im Vergleich zu dem, den die App von mir kennt, drastisch gesunken. Das ist ein Indikator für ein mögliches Problem. Klar, jetzt kannst du sagen, Moment! Ich bin doch soeben eine Treppe hochgestiegen und deshalb außer Atem. Aber für so eine drastische Veränderung der Werte zeigt die App einen Fragenkatalog an, der den medizinischen Standards für die Behandlung solcher Krankheiten folgt. Wenn sich dann rausstellt, dass es wirklich ein Anfall ist, geht eine Alarmmeldung an den betreuenden Arzt, um sofort eine Behandlung einzuleiten.“ Die Version, die Maura Rosenfeld nutzt, ist nur für Demonstrationszwecke gedacht. Denn eigentlich kommt die App ohne grafische Oberfläche aus. Sie arbeitet im Hintergrund. Telefoniert ein Nutzer, wird seine Stimme mit krankheitsbedingt typischen Stimmmustern abgeglichen.

Die App baut auf künstliche Intelligenz, um die Stimme zu analysieren. Sie hört auf krankheitsspezifische Indikatoren. Zunächst auf die einer chronischen Bronchitis, also Husten und Atemnot. Im Laufe der Zeit erstellt die App ein Profil des Nutzers und beobachtet dann, ob sich dieses Stimmbild ändert anhand der Werte.

— Maura Rosenfeld, Sprecherin von Healthymize

Die App Healthymize soll so eine Art vernetztes Frühwarnsystem für Kranke und Ärzte sein. Das verspricht die Entwicklerfirma und garantiert dabei Datenschutz. Man wolle keine Gespräche mithören, heißt es. Offiziell nutzen kann man Healthymize aber ohnehin noch nicht. Zunächst steht eine Studie in den USA an. Sie soll zeigen, ob die App wirklich in den Situationen hilft, für die sie gedacht ist:

Für Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden, ist es oft schwer einzuschätzen, ob eine Situation akut ist. Bei Lungenleiden warten sie oft, bis sie sich an einen Arzt wenden. Häufig sagt man, das Wetter ist schlecht, ich bin erkältet – also warte bis morgen und sehe, was passiert. Aber zu diesem Zeitpunkt kann so ein Anfall vielleicht schon so akut sein, dass der Patient kurz davor steht, ins Krankenhaus zu müssen.

— Maura Rosenfeld, Sprecherin von Healthymize

Die Idee zur App kam den Gründern von Healthymize durch ihre normale Arbeit. Shady Hassan ist Arzt, Daniel Aronovich Entwickler. „Eigentlich ist Daniel ja Elektroingenieur. Aber er hatte die Idee, keinerlei Hardware für die Aufnahmen zu benutzen, sondern Smartphones, um es den Leuten leichter zu machen“, erklärt Rosenfeld. Healthymize kann stellvertretend für viele junge IT-Firmen in Israel gesehen werden. Die Branche boomt. Der Staat hat gute Voraussetzungen dafür geschaffen, durch Unterstützungsfonds für Gründer etwa. Doch das sei längst nicht alles, was das Land zur „Start-up Nation“ macht, wie Dan Senor, Co-Autor des gleichnamigen Buches, betont.

 

Israel stellt im internationalen Vergleich eine Ausnahme dar. Jungen Leuten wird eine Kultur des Scheiterns vermittelt. Scheitern gilt nicht per se als schlecht. Das führt dazu, dass junge Gründer bildlich gesprochen jeden Tag aufwachen und Ideen an die Wand werfen, um zu sehen, was kleben bleibt. Neun von zehn Versuchen scheitern, aber ab und zu kommt eine unglaublich erfolgreiche Idee dabei heraus.

— Dan Senor, Co-Autor von „Start-up Nation“

Als zweiten Faktor unter vielen gilt Dan Senor und anderen Branchenexperten der fast obligatorische Wehrdienst in Israel. Junge Menschen würden beim Militär noch vor ihrem Studium lernen, Verantwortung zu übernehmen und zu improvisieren. Im Falle der Healthymize-Gründer hat immerhin einer seinen Wehrdienst geleistet. Über die Marktreife ihrer App wird nach der Studie in den USA entschieden. Auch in Deutschland soll sie einmal verfügbar sein.

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