Foto: BR | Torsten Teichmann

Das Monster von Tel Aviv

Mit 360-Grad-Blick durch den Busbahnhof – eine riesige, verwirrende, aber spannende Welt für sich

Vor zwanzig Jahren wurde die „Tachanat Merkazit“ fertiggestellt – der damals größte Busbahnhof der Welt. Viel zu groß für eine Stadt wie Tel Aviv. Doch bis heute ist er einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt und des Landes. Ein Beitrag von Christian Wagner.

Von Studio Tel Aviv
Am 21.11.2016

Auf gigantischen Rampen fahren die Busse durchs Viertel im Süden, hoch in den obersten Stock des zentralen Busbahnhofs. Von hier oben aus ist Tel Aviv mit seiner ganzen Skyline zu sehen. Drinnen warten die Leute auf ihren Bus, manche nutzen den Aufenthalt für einen Einkauf. Unter grellem Neonlicht sortiert Malkha in ihrem Laden die Ware: Kleidung für Männer, Frauen und Kinder, Taschen und Schmuck. „Wenn die Leute Arbeit haben, kommen mehrere hundert Kunden am Tag aus ganz Israel. Schließlich sind wir hier im zentralen Busbahnhof.“ Ein Stockwerk drüber spielen ein paar alte Männer Backgammon. Von überallher kommt Musik.

Gerade mal 20 Jahre alt ist der neue Busbahnhof von Tel Aviv. Anfang der 90er Jahre war er der größte der Welt. Die Erwartungen waren gigantisch, hunderte Läden wurden in dem Gebäude eingerichtet. Doch nur wenige, wie der von Malkha, konnten sich halten. Heute stehen viele Stockwerke leer. Die letzten Pächter haben vor zehn Jahren Zeitungspapier an die Scheiben geklebt. Dunkel, verlassen liegen die Gänge einiger Einkaufspassage da, nur die Notbeleuchtung ist an. Es stinkt. Hinter ein paar Pfützen weist das Schild zum Schutzraum, dem öffentlichen Bunker. Doch ganz am Ende eines Gangs hat Mandy Kahan einen Laden gemietet. Verkaufen will er hier aber nichts. Yung Yiddish heißt sein Kulturort: eine Sammlung von 50.000 jiddischen Büchern und Zeitschriften. Die Kinder und Enkel der Vorbesitzer könnten mit den Bänden oft nichts mehr anfangen. So haben die Werke und Mandys Begeisterung für die alte europäisch-jüdische Sprache im Bahnhof ein neues Zuhause gefunden.

Der Busbahnhof ist ideal, weil er zentral liegt. Man kann leicht dorthin kommen. Ich habe auch einen billigen Platz gesucht. Noch dazu ist der Busbahnhof eine Welt für sich, ein Kaleidoskop Israels, in dem man die dunkle, die vergessene Seite von Tel Aviv sehen kann. Auf jeden Fall ein interessanter Ort.

— Mandy Kahan, Betreiber von „Yung Yiddish“

 

In regelmäßigen Abständen donnern die Überlandbusse ein Stockwerk drüber vorbei. Der Boden zittert, die Rohrleitungen quietschen. Dann ist wieder Ruhe. Der Busbahnhof hat wenig Charme, und die zahlreichen leer stehenden Etagen machen das nicht besser. Manche haben hier aber trotz allem doch noch eine Geschäftsnische entdeckt, die genug Kunden anzieht. Jossi zum Beispiel, er besitzt hier einen Tattoo-Laden. Gerade kommt eine ganze Familie rein. Der schmächtige Sohn, 15 Jahre alt, möchte sich ein Tattoo stechen lassen. Die Mutter ist einverstanden, schließlich soll „Mama für immer in meinem Herzen“ auf dem Oberarm zu lesen sein.

Wir haben hier im Busbahnhof von Tel Aviv gleich zwei Tattoo-Läden, den hier seit Anfang an. Zu uns kommen die Fremdarbeiter genauso wie die Soldaten, die ein Tattoo haben wollen. Das hier ist einfach ein zentraler Ort in Tel Aviv. Und das ist ja schließlich keine Kleinstadt.

— Jossi, Besitzer eines Tattoo-Shops

Wenn die Soldaten ihren Sold bekommen, hat der Tattoo-Stecher besonders viel zu tun, erzählt Jossi noch. Zwei Tage später wird es dann schon wieder ruhiger. Doch die nächste Kundschaft kommt bestimmt. Denn wer kein Auto hat, ist auf die Busse angewiesen, ob Soldaten, Senioren, Studenten oder Touristen. Und so bleibt das graue Monster, der Tel Aviver Busbahnhof, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt – und ein Geschäftszentrum für Durchreisende.