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Beduinendorf vor dem Abriss

Während Siedlungen ausgebaut werden, müssen Beduinen ihre Hütten räumen – auch die Bundesregierung ist besorgt

Das Dorf Chan-al-Achmar soll geräumt werden – denn für den Bau gab es keine Genehmigung. Die sei für die Beduinen aber auch kaum zu bekommen, beklagen Kritiker. Lange wurde vor Gericht verhandelt. Nun hat der Oberste Gerichtshof grünes Licht für die Räumung erteilt.

Von Tim Assmann
Am 11.06.2018

Eigentlich ist auch in der kleinen Schule von Chan-al-Achmar Ferienzeit, aber es gibt ein Sommerlager für die Kinder aus den umliegenden Beduinendörfern. Sie spielen zwischen den flachen Schulgebäuden und auf dem angrenzenden Sportplatz. Errichtet wurde das alles mit internationaler Hilfe, erzählt Schuldirektorin Halimeh Zuheka.

Wir haben hier rund 170 Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis vierzehn. Sie kommen aus fünf verschiedenen Ortschaften in der Umgebung. Gebaut wurde die Schule von einer italienischen Organisation und betrieben wird sie jetzt vom palästinensischen Bildungsministerium.

— Halimeh Zuheka, Schuldirektorin

Aber wohl nicht mehr lange. Die Schule soll abgerissen werden – zusammen mit dem ganzen Dorf. Chan-al-Achmar, gelegen im von Israel besetzten Westjordanland, direkt an der Autobahn zwischen Jerusalem und dem Toten Meer, wurde illegal errichtet. So sehen es die israelischen Behörden und das Oberste Gericht des Landes hat ihnen vor wenigen Wochen letztinstanzlich Recht gegeben. Jetzt warten die 32 Familien in den armseligen Hütten, Verschlägen und Zelten, die ihr Zuhause sind, auf die Bulldozer.

Vor zehn Tagen kam die Armee mitten in der Nacht und machte eine Übung. Es ging darum, wie man Häuser räumt und das Dorf evakuiert. Da haben wir gemerkt, dass sie sich darauf vorbereiten die Räumung durchzuführen.

— Eid Chamis, Dorfsprecher

Eid Chamis ist der Sprecher der Dorfgemeinschaft von Chan-al-Achmar. Stolz hält der 51-jährige Palästinenser ein Foto hoch, das ihn mit Martin Schulz zeigt, der vor einigen Jahren hier war, als Präsident des Europäischen Parlaments. Auch der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller hat Chan-al-Achmar schon besucht. Dass die Schule und andere Gebäude im Ort ohne Baugenehmigung errichtet wurden, bestreitet Eid Chamis nicht. Wir haben Genehmigungen beantragt, aber nicht bekommen, erzählt er. Chan-al-Achmar liegt in den sogenannten C-Gebieten des Westjordanlandes, die von Israel verwaltet werden. Die Chancen für Palästinenser auf eine Baugenehmigung in diesen Gebieten sind gleich Null, sagt Amit Gilutz von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem.

Das System ist einfach. Man genehmigt für diese Ortschaften keine Bebauungspläne. Ohne einen solchen Plan ist jede Bebauung illegal und es gibt keinen Anschluss an Strom und Trinkwasser. Wenn man doch etwas baut, zum Beispiel ein Gemeinschaftszentrum oder eine Schule, darf die Verwaltung es abreißen.

— Amit Gilutz, Sprecher von B’tselem

Den Bewohnern von Chan-al-Achmar wurde ein neues Zuhause angeboten – vor den Toren Jerusalems und nahe einer Müllkippe. Die Menschen aus Chan-al-Achmar wollen nicht umziehen, werden ihr Zuhause wohl aber verlieren. Andere dagegen bekommen ganz in der Nähe eigene vier Wände. Die benachbarte jüdische Siedlung Kfar Adumim wird ausgebaut. Rund 90 neue Wohneinheiten sollen dort entstehen. Hinter den Abrissplänen der israelischen Behörden für Chan-al-Achmar, steht aus Sicht der Menschenrechtsorganisation B’tselem eine klare Strategie, die Sprecher Amit Gilutz beschreibt.

Es geht darum alle Palästinenser in dieser Gegend umzusiedeln, sodass es dort nur noch israelische Bewohner gibt und so an der schmalsten Stelle einen Keil in das Westjordanland zu treiben und es in Norden und Süden zu teilen.

— Amit Gilutz, Sprecher von B’tselem

Diese Befürchtung hat auch die Bundesregierung. Man sei äußerst besorgt, dass Chan-al-Achmar abgerissen und die Bewohner gegen ihren Willen umgesiedelt werden könnten, erklärte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes vor rund zwei Wochen und ergänzte: Falls in dem betreffenden Gebiet Siedlungen entstehen sollten, würden die Aussichten auf eine Zweistaatenlösung zwischen Israelis und Palästinensern deutlich verringert.

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15 thoughts on “Beduinendorf vor dem Abriss”

    ismael isaak, Dienstag, 12.06.18, 4:06 Uhr

    Warum heisst es: Während Siedlungen ausgebaut werden ... und nicht: Oberster Gerichtshof bestätigt illegale .... Seit wann ist B’tselem eine Menschenrechtsorganisation? Wieder einmal wird nur behaupte ...

    Warum heisst es: Während Siedlungen ausgebaut werden … und nicht: Oberster Gerichtshof bestätigt illegale …. Seit wann ist B’tselem eine Menschenrechtsorganisation? Wieder einmal wird nur behauptet, es gäbe besetzte Gebiete. Schreiben Sie doch mal: Laut sowieso besetzt Israel …. Würde mich mal interessieren, wo das steht. (Bitte rechtsverbindliche Quellen angeben, keine UNO- Resolutionen, denn die sind rechtlich nicht bindend.) Und: Wird Kfar Adumim ausgebaut oder auf bestehendem Grund neue Wohnungen gebaut?

      martina, Dienstag, 12.06.18, 19:07 Uhr

      hallo ismael. was ist mit dem internationalen gerichtshof? wenn es keine besatzung ist, wieso verurteilt israel dann palästinenser nach dem kriegsrecht? euer oberster gerichtshof hat sich aufgrund des ...

      hallo ismael. was ist mit dem internationalen gerichtshof? wenn es keine besatzung ist, wieso verurteilt israel dann palästinenser nach dem kriegsrecht?
      euer oberster gerichtshof hat sich aufgrund des urteils mit dem internationalen gerichtshof so dazu geäußert: Es hob hervor, dass das Gutachten ausdrücklich anerkenne, dass kein Verstoß gegen Völkerrecht vorliege, wenn militärische Notwendigkeit, nationale Sicherheit oder öffentliche Ordnung die Maßnahme rechtfertige. haaretz 4.11.2012. woanders heißt der begriff „occupatio bellica“.
      gruß

      martina, Dienstag, 12.06.18, 19:12 Uhr

      hallo ismael. zu ihrer bemerkung kfar adumim: im umkehrschluss würde das wohl heißen. wenn auf bestehendem grund von palästinenser ein wolkenkratzer für zb 10.000 menschen gebaut werden würde, hätten ...

      hallo ismael. zu ihrer bemerkung kfar adumim: im umkehrschluss würde das wohl heißen. wenn auf bestehendem grund von palästinenser ein wolkenkratzer für zb 10.000 menschen gebaut werden würde, hätten sie nichts dagegen.
      denn leider erteilt ja israel für palästinenser so gut wie keine baugenehmigungen in c gebieten mehr. das spräche dann für den bau in jerusalem für palästinenser.
      gruß

    Lustig, Montag, 11.06.18, 23:55 Uhr

    "auch die Bundesregierung ist besorgt" Gratulation! Wenn die Bundesregierung besorgt ist, dann läuft alles genau richtig!

    „auch die Bundesregierung ist besorgt“

    Gratulation!

    Wenn die Bundesregierung besorgt ist, dann läuft alles genau richtig!

      Lustig, Dienstag, 12.06.18, 17:31 Uhr

      "erklärte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes" Jetzt würde mich noch der Name dieser Sprecherin interessieren. Lautet er gaaaanz zufällig Sawsan Chebli? Sawsan Chebli wurde 1978 in West-Berlin als z ...

      „erklärte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes“

      Jetzt würde mich noch der Name dieser Sprecherin interessieren. Lautet er gaaaanz zufällig Sawsan Chebli?

      Sawsan Chebli wurde 1978 in West-Berlin als zweitjüngstes Kind einer palästinensischen Familie geboren.

      Lustig, Dienstag, 12.06.18, 17:43 Uhr

      Ach ja, kann sein, dass Sawsan Chebli keine Sprecherin des AA mehr ist. Trotzdem wäre der Name der Sprecherin interessant.

      Ach ja, kann sein, dass Sawsan Chebli keine Sprecherin des AA mehr ist. Trotzdem wäre der Name der Sprecherin interessant.

      martina, Dienstag, 12.06.18, 19:13 Uhr

      hallo lustig. das finde ich auch!!!! yeah endlich einer meinung. gruß

      hallo lustig. das finde ich auch!!!! yeah endlich einer meinung. gruß

      martina, Freitag, 15.06.18, 16:23 Uhr

      hallo lustig. der name des sprechers ist wichtig? finde ich nicht. ein sprecher des auswärtigen amtes vertritt nicht seine eigene meinung. er vertritt die meinung des gesamten auswärtigen amtes, weil ...

      hallo lustig. der name des sprechers ist wichtig? finde ich nicht.
      ein sprecher des auswärtigen amtes vertritt nicht seine eigene meinung. er vertritt die meinung des gesamten auswärtigen amtes, weil das sein beruf ist.
      sie gehen aber davon aus, das ein sprecher seine eigene meinung vertritt. und wenn er palästinensische vorfahren hat, vertritt er diese. und nicht mehr das amt. das wäre ein kündigungsgrund.
      es erinnert mich an die aussage von gauland aus der afd, der die deutsche integratioonsbeauftragte özoguz (deutsche staatsbürgerschaft) in anatolien entsorgen möchte, weil sie türkische eltern hat.
      gruß

    ariel, Montag, 11.06.18, 12:02 Uhr

    zu wenige abrisse, die viel zu spaet kommen.

    zu wenige abrisse, die viel zu spaet kommen.

      Michael K., Montag, 11.06.18, 14:30 Uhr

      Ariel, wie man ein nomadisches Volk in eine moderne Gesellschaft integriert ist sicher nicht unproblematisch. Aber hinter dem geplanten Abriss der Bedouinendörfer steckt eine anscheinend primitivere u ...

      Ariel, wie man ein nomadisches Volk in eine moderne Gesellschaft integriert ist sicher nicht unproblematisch. Aber hinter dem geplanten Abriss der Bedouinendörfer steckt eine anscheinend primitivere und gnadenlosere Strategie. Ich finde es völlig untragbar, dass sich eine Besatzungsmacht herausnimmt Platz für illegale Siedler zu schaffen und das Schicksal der betroffenen einheimischen Bevölkeung derart zu missachten. Selbst ein Oberster Gerichtshof wird hier zu einem ganz gewöhnlichen Handlanger einer Besatzungsmacht die Kolonisierung prioritiert und nicht Frieden. Wie kann man als Besatzer von zu wenigen Abrissen sprechen? Der Vorwand fehlender Genehmigungen ist die scheinheilige Begründung für einen Apartheidstaat nur bestimmte Gruppen seiner Bevölkerung zu schützen und das ihm die andere Menschen oder Minderheiten nicht interessieren. Merkmale einer Demokraie, die in Israel nicht länger vorhanden sind.

      martina, Montag, 11.06.18, 22:40 Uhr

      hallo ariel. was sagst du denn dazu, das einfach so gut wie keine baugenehmigungen erteilt werden für nichtjüdische bauten? und das illegale bauten von siedlern sehr viel seltener abgerissen werden? u ...

      hallo ariel. was sagst du denn dazu, das einfach so gut wie keine baugenehmigungen erteilt werden für nichtjüdische bauten?
      und das illegale bauten von siedlern sehr viel seltener abgerissen werden?
      und das jüdische israelis sehr wohl baugenehmigungen bekommen?
      oder zu der aussage, das man die leute dort weg haben will und sie in ein anderes gebiet umsiedeln will?
      gruß

      ariel, Dienstag, 12.06.18, 20:01 Uhr

      martina, die araber koennen frei in den A gebieten bauen. das wird aber von der pa verhindert um zivilisten dazu zu bringen in den C gebieten, welche unter israelischer verwaltung stehen illegal zu ba ...

      martina,
      die araber koennen frei in den A gebieten bauen. das wird aber von der pa verhindert um zivilisten dazu zu bringen in den C gebieten, welche unter israelischer verwaltung stehen illegal zu bauen.
      auch die israelische wohnungen werden abgerissen, wie es heute in der elazar siedlung geschehen ist. dort wurden 15 haeuser abgerissen.
      erst mit dem amtsantritt von trump hat man langsam angefangen juden baugenehmigungen zu verteilen, was aber sehr lange zeit nimmt.
      natuerlich will israel nichtisraelis aus den gebieten raushaben, welche er fuer sich beansprucht. was soll daran verkehrt sein?

      ariel, Dienstag, 12.06.18, 20:07 Uhr

      michael, mit welchem recht bezeichnest du juden, welche in judea und samaria wohnen als illegale siedler? nach den oslo vertraegen, duerfen israelis dort frei siedeln.

      michael,
      mit welchem recht bezeichnest du juden, welche in judea und samaria wohnen als illegale siedler? nach den oslo vertraegen, duerfen israelis dort frei siedeln.

      martina, Freitag, 15.06.18, 16:30 Uhr

      hallo ariel. da die a gebiete lauter kleine getrennte gebiete sind, wäre demzufolge eine zwei-staaten-regelung unmöglich. gruß

      hallo ariel. da die a gebiete lauter kleine getrennte gebiete sind, wäre demzufolge eine zwei-staaten-regelung unmöglich. gruß

      ariel, Sonntag, 17.06.18, 6:24 Uhr

      martina, wer sagt das?

      martina, wer sagt das?