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Bedrohte Kunstschätze

Zerstört, gestohlen, geschmuggelt: Im Gazastreifen sind auch Kulturgüter in Gefahr. Das Geld für den Erhalt fehlt. 

Im Altertum war die Region am Mittelmeer wegen ihrer Lage entlang wichtiger Handelsrouten von Bedeutung. Viele Kunstschätze zeugen davon. Doch es fehlt an Verständnis für den historischen Wert der Funde. Eine Apollostatue verschwand spurlos. Ein Beitrag von BR-Reporterin Eva Lell.

Von Studio Tel Aviv
Am 09.09.2019

Mohammed schlägt die einzelnen Steine vorsichtig aus dem Mosaik, reinigt sie und sortiert sie nach Größe: „Ich bin eigentlich Architekt. Aber mir wurde gezeigt, wie ich die Mosaike bearbeiten soll und mittlerweile habe ich Erfahrung damit.“ In Jabalia im Norden von Gaza finden sich die Überreste einer byzantinischen Kirche aus dem fünften Jahrhundert nach Christus. Die Fundamente und viele Mosaike sind noch erhalten. Patrick Blanc, Archäologe aus Frankreich, ist spezialisiert auf Mosaike. Er betreut die Ausgrabung vor Ort:

Es ist eine sehr wichtige Kirche, wegen der Mosaike. Wir haben viele Inschriften in ihnen gefunden, den Namen des Stifters und von verschiedenen anderen Personen. 

— Patrick Blanc, Archäologe

1997 wurde die Kirche entdeckt. Es wurde allerdings nichts für ihren Erhalt unternommen. Die französische Organisation Première Urgence International hat ein internationales Projekt organisiert, das sich nun darum kümmert. Die Ausgrabungsstätte in Jabalia wurde durch einen Überbau vor dem weiteren Verfall bewahrt, erzählt Blanc:

Nachdem die Überreste der Kirche immer weiter verfielen, wusste man nicht, was zu tun ist. Aber ist es wichtig, beispielhaft zu zeigen, dass die Restauration solcher Schätze möglich ist. 

— Patrick Blanc, Archäologe

Es ist zu wenig Geld da für archäologische Forschung im Gazastreifen. Aber es gibt ein kleines Museum, das Pasha Palace Museum: Samiha Abu Sabha, die Verwaltungschefin, führt durch die kleinen Ausstellungsräume. „Das sind Schmuckstücke aus der Zeit der Mamelucken“, erzählt sie. In Erkern stehen Tontöpfe, in Glasvitrinen sind Parfumfläschchen, Schmuck und Werkzeuge ausgestellt. Bis zu 60.000 Besucher kommen jedes Jahr hierher. Der Eintritt ist frei. Ein Budget hat das Museum nicht.

Wir haben neue Objekte bekommen, aber wir können sie nicht ausstellen, weil dafür kein Geld da ist.

— Samiha Abu Sabha, Verwaltungschefin des Museums

Fehlendes Geld ist ein Problem. Diebstahl und Schmuggel ein weiteres. Hejman al-Bitar ist im Ministerium für Tourismus und Archäologie verantwortlich für archäologische Forschung und Ausbildung. Sie beklagt, dass einige den historischen Wert von Fundstücken nicht anerkennen. Ihnen ginge es bloß darum, archäologisch bedeutsame Stücke aus dem Gazastreifen herauszuschmuggeln und zu Geld zu machen.

Die Grenze wird sehr gut kontrolliert. Aber viele der Stücke, über die wir sprechen, sind Münzen. Und die können leicht geschmuggelt werden, meistens über die Grenze zu Ägypten. Es gibt Banden, die auf den Schmuggel von Münzen spezialisiert sind. 

— Hejman al-Bitar, Leiterin der Abteilung archäologische Forschung im Ministerium für Tourismus und Archäologie

Bei Luftangriffen durch die israelische Armee werden immer wieder archäologisch wertvolle Stätten und Funde zerstört, sagt al-Bitar. Und auch die palästinensische Hamas, die im Gazastreifen regiert, kümmert sich wenig um das kulturelle Erbe. Im Jahr 2017 wurden die Überreste von Tel-as-Sakan, einer 4500 Jahre alten Siedlung südlich von Gaza-Stadt planiert, um darauf ein Neubaugebiet und eine Militärbasis zu errichten.

Das war eine haarsträubende Entscheidung der Regierenden. Das Areal war in kommunaler Hand. Und als die Regierung von Gaza die Gehälter ihrer höheren Angestellten gekürzt hat, hat sie ihren Mitarbeitern als Ausgleich Parzellen auf diesem historisch bedeutsamen Ort als Bauland gegeben. 

— Hejman al-Bitar, Archäologin

Ihr Ministerium habe versucht, das zu verhindern – vergeblich. Für Aufsehen sorgte auch eine antike Apollostatue, die 2013 im Meer vor der Küste von Gaza von Fischern gefunden wurde. Experten bezweifeln, dass die Statue länger im Wasser lag. Ihr guter Zustand ließe darauf schließen, dass die Bronzefigur die Jahrtausende in der Erde überdauert hat. Wenige Monate nach dem Fund verschwand die Statue – spurlos.

Es sind einige Details zu der Apollostatue bekannt. Aber niemand weiß, wo sich die Statue nun befindet. Auch das Innenministerium nicht. Aber Fakt ist, der Apollo befindet sich noch in Gaza. 

— Hejman al-Bitar, Archäologin

Auch die mysteriöse Geschichte um die Apollostatue zeigt, wie schwierig es ist, die archäologischen Kunstschätze in Gaza zu bewahren.

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2 thoughts on “Bedrohte Kunstschätze”

    Alexander, Mittwoch, 11.09.19, 11:42 Uhr

    Warum wird nicht erwähnt, dass es im Gazastreifen auch Überreste alter Synagogen gibt? Hat die Autorin Angst vor der Hamas? Die Hamas wird sich kaum darum kümmern diese Kulturschätze zu bewahren.

    Warum wird nicht erwähnt, dass es im Gazastreifen auch Überreste alter Synagogen gibt? Hat die Autorin Angst vor der Hamas? Die Hamas wird sich kaum darum kümmern diese Kulturschätze zu bewahren.

    thomas, Dienstag, 10.09.19, 12:17 Uhr

    Dass in Gaza kein Geld für die Sicherung der Überreste einer byzantinischen Kirche übrig ist, sollte nicht verwundern. Das Geld wird viel dringender für den Bau von Raketen und Terrortunneln benötigt. ...

    Dass in Gaza kein Geld für die Sicherung der Überreste einer byzantinischen Kirche übrig ist, sollte nicht verwundern. Das Geld wird viel dringender für den Bau von Raketen und Terrortunneln benötigt. Zudem hat der Erhalt und die Präsentation von archäologischen Zeugnissen christlicher Existenz im Gebiet von Gaza sicherlich keine hohe Priorität für ein radikalisamisches Regime.