Foto: BR | Christina Schmitt

Foto: BR | Christina Schmitt

Als Bahai in Israel

Clara Lisa Wiebers aus Frankfurt darf nicht dauerhaft in Israel leben – das verbietet ihre Religion

Die 18-Jährige Clara Lisa Wiebers lebt seit Januar in der israelischen Hafenstadt Haifa. Sie gehört der Religionsgemeinschaft der Bahai an und leistet dort einen einjährigen Freiwilligendienst in den Bahai-Gärten: symmetrisch angelegt, mitten in Haifa. Er ist das Weltzentrum für die acht Millionen Anhänger der Religion. Was Bahai sein bedeutet und warum sie als Bahai niemals dauerhaft in Israel leben darf, das erklärt sie Christina Schmitt im Interview.

Von Studio Tel Aviv
Am 06.05.2017

Du arbeitest ja an der Pforte zu den Bahai-Gärten in Haifa. Was ist Dein Eindruck: Kommen die Besucher, weil sie sich für die Bahai und deren Religion interessieren? Oder einfach weil es ein schöner Garten ist?

Die meisten kommen, weil sie die Gärten schön finden und Fotos machen wollen. Ich habe aber auch schon Besucher gesehen, die zum Meditieren hierher kommen. Und natürlich viele Bahai.

 

Der Garten wird als „Weltzentrum“ der Bahai bezeichnet. Was heißt das?

Es ist das geistige und administrative Weltzentrum. Das geistige Zentrum ist es, weil einige heilige Stätten hier sind. Zum Beispiel der „Schrein des Bab“ hier in Haifa. Er ist der zweitheiligste Ort für uns und liegt in der Mitte des Gartens. Der „Bab“, der Religionsstifter des Babismus, ist dort begraben.  Seine Lehren  haben das Kommen von unserem direkten Religionsstifter Baha’ullah angekündigt. Aber auch die Grabstätte von Baha‘ullah ist hier sowie auch ein Archiv für unsere Schriften.

 

Um was geht es im Bahaitum?

Am wichtigsten ist die Einheit der Religionen – zumindest für mich. Der Kerngedanke ist, dass alle Religionen vom gleichen Gott kommen. Also sowohl der Islam, als auch das Judentum und das Christentum. Wir wollen mit allen Religionen zusammen arbeiten, um Fortschritt zu erlangen.

Ein wichtiger Punkt der Lehre ist außerdem die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfältigkeit. Das heißt: Alle Menschen sind gleich, egal welcher Religion sie angehören, woher sie kommen oder welches Geschlecht sie haben.

 

Die Religion ist eher unbekannt in Deutschland. Wie bist Du denn dazu gekommen?

Meine Eltern sind auch Bahai und deshalb kannte ich die Religion. In Frankfurt haben wir eine Gemeinde mit etwas 250 Mitgliedern. Ich habe mich dann mit 15 dafür entschieden, Bahai zu werden.

 

Du betonst es so, dass Du Dich für die Religion entschieden hast. Wieso?

Jedes Individuum muss eigenständig nach der Wahrheit suchen. Mit 15 erreicht man die Reife im Bahaitum. Ab dann kann man sich zu der Religion bekennen. Jeder soll selbst entscheiden, welcher Religion er angehört. Dass die Eltern ihr Kind einfach zum Bahai machen – wie im Christentum bei der Taufe zum Beispiel – das geht nicht.

 

Aber Deine Eltern hatten sicher Einfluss darauf, dass Du Bahai geworden bist.

Über sie habe ich die Religion natürlich kennengelernt. Aber ich hatte bis zur fünften Klasse normalen christlichen Religionsunterricht und danach Ethik, wo ich viel über die anderen Religionen gelernt habe. Und auch sonst habe ich mich mit den Schriften aus anderen Religionen auseinandergesetzt.

 

 

Besondere Vorschriften für die Bahai

Wie übst Du als Bahai deinen Glauben aus? Gibt es dort Vorschriften wie in den anderen drei Weltreligionen?

Man betet zum Beispiel jeden Tag und auch Fasten gehört dazu. Außerdem ist der Austausch mit der Gemeinde wichtig.

 

Es gibt keine Vorschriften, was das Essen angeht. Aber Alkohol ist zum Beispiel verboten. Gerade als Jugendliche stelle ich mir das schwierig vor, wenn die Gleichaltrigen gerade Alkohol für sich entdecken.

Mir fällt es nicht schwer, nicht zu trinken. Ich bin nicht damit großgeworden. Deshalb vermisse ich auch nichts. Und die Leute akzeptieren das vielmehr, als man denkt. Mit meinen Freunden war das nie ein Problem. Da gehe ich mit, auch wenn die ein Bier trinken. Bei Fremden muss ich natürlich immer mehr erklären, als wenn ich sage, ich wäre Christ.

 

Ein weiteres Verbot ist, dass Du Dich niemals in Israel niederlassen darfst. Warum?

Unser Religionsstifter Baha’ullah hat festgelegt, dass hier zwar das Weltzentrum der Bahai entstehen soll – sich aber die Bahai grundsätzlich nicht in Israel niederlassen dürfen. Wir kennen den genauen Grund nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Grund ist, dass es in Israel ohnehin schon viel Streit zwischen den drei Weltreligionen gibt. Die Bahai sollen nicht noch mehr Ängste hervorrufen.

 

Findest Du es schade, dass Du hier niemals langfristig wohnen kannst?

Ich will nicht sagen, dass es schade ist. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich überhaupt für ein Jahr hier sein kann. Und ich werde natürlich nach dem Jahr für eine Pilgerreise wieder herkommen. Israel liegt uns allen, glaub ich, sehr am Herzen.

 

Hast Du denn viel Kontakt zu den Israelis?

Wenn ich am Tor arbeite, dann rede ich natürlich mit den Leuten. Aber auf einer persönlichen Basis haben wir nicht viel mit den Menschen zu tun, die in Haifa leben. Bei der Arbeit am Bahaizentrum sind hauptsächlich Bahai, die von überall auf der Welt kommen – und das schätze ich sehr. Wir verbringen die meiste Zeit zusammen, auch nach der Arbeit.

Dass wir nicht so viel mit den Israelis zu tun haben, liegt auch daran, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Es gibt leider nicht so viele konkrete Punkte, wo wir mit ihnen in Kontakt kommen.

 

Du bist direkt nach dem Abitur für Deinen Dienst nach Haifa gekommen. Warum hast Du nicht einfach ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, das nichts mit Deiner Religion zu tun hat?

Ich habe schon in meiner Bahai-Gemeinde in Frankfurt viel mit anderen Bahais unternommen. Das fand ich immer gut. Jetzt nach dem Abi wollte ich eine Pause bis zum Studium einlegen und ein Jahr einen Dienst leisten. Mir war es wichtig, anderen Leuten zu helfen und etwas zurückzugeben. Es ging mir darum, etwas Gutes für die Welt zu tun. Und dann habe ich die Zusage hier bekommen.

 

Und das machst Du mit Deinem Dienst hier?

Es geht bei meinem Dienst hauptsächlich darum, die Bahai-Gärten zu schützen und Leuten zu erklären, was wir hier machen. Natürlich unterstütze ich dadurch die weltweite Gemeinde der Bahai, dieses Weltzentrum zu erhalten und die Religion anderen Menschen zu erklären.

 

 

 

Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.