Foto: BR | Benjamin Hammer

Ausstellung mit einjähriger Verspätung

2016 eröffnete das Palästinensische Museum in Birseit – doch erst jetzt ist die erste Ausstellung zu sehen

Die Eröffnung des Palästinensischen Museums in Birseit im Mai vergangenen Jahres sorgte für Kritik und Stirnrunzeln: Das Museum stand monatelang leer. Jetzt soll endlich Leben in das Gebäude kommen. Die Werke der Ausstellung „Jerusalem lebt“ sind hochpolitisch – und plakativ.

Von Benjamin Hammer
Am 28.08.2017

Die Kunst beginnt bereits auf dem Parkplatz. „Amman, Amman. Beirut, Beirut, Beirut“, klingt es aus Lautsprechern. Die Klanginstallation vor dem Palästinensischen Museum erinnert an längst vergangene Zeiten am Damaskustor in Jerusalem. Dort riefen die palästinensischen Busfahrer die Namen ihrer Zielorte aus, Orte, von denen manche heute unerreichbar geworden sind. Jerusalem steht im Zentrum der Ausstellung. Für die Kuratorin Reem Fadda war das eine ganz bewusste Entscheidung.

Jerusalem bedeutet den Palästinensern viel. Nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Viele von uns können Jerusalem aber gar nicht erreichen. Ich selbst habe ein Jahr lang an der Ausstellung gearbeitet, die Israelis haben mir in dieser Zeit nicht erlaubt, die Stadt zu betreten. Mit dieser Ausstellung wollen wir Jerusalem in  die Herzen und Köpfe, in die Seelen der Palästinenser bringen.

— Reem Fadda, Kuratorin

Seit 50 Jahren hält Israel den Ostteil Jerusalems besetzt. Viele Palästinenser aus dem Westjordanland dürfen die Stadt nicht betreten. Israel begründet das mit der Angst vor Ausschreitungen und Terroranschlägen. Das palästinensische Museum befindet sich in der Universitätsstadt Birseit im Westjordanland, etwa 25 Kilometer nördlich von Jerusalem. Die Ausstellung „Jerusalem lebt“ zeigt rund 50 Werke, die meisten stammen von Palästinensern. Viele Werke sind hochpolitisch – und enorm plakativ. Ein junger Künstler aus Jerusalem fotografierte israelische Siedlungen, die im besetzten Westjordanland liegen und Jerusalem umgeben. Er montierte sie zu einem 360-Grad-Foto. Der Besucher hat das Gefühl, eingekesselt zu sein.

Die Globalisierung ist in Jerusalem entstanden. Gleichzeitig versagt die Globalisierung aber genau dort. Die Idee, dass Jerusalem der Geburtsort der Vielfalt ist, der Heimatort mehrerer Weltreligionen, ist gescheitert.

— Reem Fadda, Kuratorin

Als gescheitert sahen manche auch die Eröffnung des palästinensischen Museums im Mai 2016. Als der palästinensische Präsident Machmud Abbas damals das Museum eröffnete, gab es gar keine Ausstellungsstücke. Der Vorstand des Museums hatte sich zuvor mit dem früheren Direktor überworfen, eine geplante Ausstellung wurde wieder abgesagt. Die Folge: monatelanger Leerstand.

Aussicht bis zum Mittelmeer

Fast 20 Jahre hatten die Planungen gedauert, die Kosten von 25 Millionen Euro wurden von einer palästinensischen Stiftung finanziert. Den futuristischen Bau entwarf eine irische Architektenfirma. Er bietet eine spektakuläre Aussicht auf das Westjordanland und bis zum Mittelmeer. Machmud Hawari, der neue Direktor, ist stolz auf das Museum und hat kein Problem damit, dass das Gebäude so lange leer stand.  Viel wichtiger sei doch, wie schnell er und seine Kollegen eine neue Ausstellung auf die Beine gestellt hätten.

Dieses Projekt ist für die Palästinenser sehr wichtig. Es gibt uns Hoffnung für die Zukunft. Dass wir ein Museum von Weltrang eröffnen können, ist eine wichtige Leistung. Wir wollen als Palästinenser Teil der weltweiten Kulturszene werden. Wir wollen zeigen, dass unsere Kunst und Kultur lebendig sind. Und dass wir uns nicht verstecken müssen.

— Machmud Hawari, Museumsdirektor

Mit Besuchermassen aus aller Welt rechnen die Verantwortlichen aber nicht. In den nächsten Wochen soll die Ausstellung vor allem palästinensischen Schülergruppen gezeigt werden.

Kommentare

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft.
Mehr in den Kommentarrichtlinien

2 thoughts on “Ausstellung mit einjähriger Verspätung”

    Alexander aus Israel, Donnerstag, 31.08.17, 12:46 Uhr

    Ich frage mich, ob dort jemals etwas gezeigt werden wird, das sich nicht irgendwie gegen Israel richtet. Es scheint, das Museum sei mehr Meinungsmache als Ausstellung.

    Ich frage mich, ob dort jemals etwas gezeigt werden wird, das sich nicht irgendwie gegen Israel richtet. Es scheint, das Museum sei mehr Meinungsmache als Ausstellung.

    Knut, Mittwoch, 30.08.17, 23:58 Uhr

    Ein Aufschrei inmitten unerträglicher Verhältnisse! Wir kennen das, durchaus. Jeder würde ganz genau so reagieren. Die Objektivität spielt zunächst einmal eine vollkommen untergeordnete Rolle. Es gilt ...

    Ein Aufschrei inmitten unerträglicher Verhältnisse! Wir kennen das, durchaus. Jeder würde ganz genau so reagieren. Die Objektivität spielt zunächst einmal eine vollkommen untergeordnete Rolle. Es gilt sich erst einmal Raum zu verschaffen, gängige Narrative zu durchbrechen. Und was ist in dieser Hinsicht besser geeignet als Kunst? Kunst geht voran. Kunst kennt keine Narrative, sondern stellt diese – ganz im Gegenteil – in Frage. Kunst kennt keine Hierarchien, keine Anweisungen, keine Denkverbote. Die Gedanken sind frei… Gleichwohl stehen selbst Gedankenspiele dieser Art im Verdacht subversiv zu sein. Ja, das können sie sein bei Undemokraten – übrigens auf beiden Seiten jener Mauern. Doch Gedanken (wie auch immer zum Ausdruck gebracht) lassen sich nicht hinter Sperranlagen und Checkpoints verbannen. Schön wäre, wenn Kunst tatsächlich frei bliebe u. sich nicht politisch instrumentalisieren ließe. In diesem Sinne ist Bir Zeit ein Anfang, der gerne weiterentwickelt werden darf, nein: muss