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Auf den Spuren der Unabhängigkeit

Entlang des Independence-Trails in Tel Aviv lässt sich Israels jüngste Geschichte erwandern

Tel Aviv ist heute bekannt für seine Strände, Bars und Clubs. Geschichtsinteressierte lassen die Stadt meist links liegen und besuchen stattdessen lieber Jerusalem und andere Städte. Dabei liegen in Tel Aviv etliche Orte, die eine zentrale Rolle bei der Gründung Israels spielten. Nun hat die Stadt den Independence-Trail errichtet. Ein Beitrag von BR-Reporter Kilian Neuwert.

Von Studio Tel Aviv
Am 22.08.2018

Auf dem Rothschild-Boulevard im Herzen Tel Avivs trennt ein breiter Fußweg mit Schatten spendenden Bäumen die Fahrspuren für Autos. Die Sonne spiegelt sich in den Glasfassaden von Hochhäusern, die die alte Architektur des Viertels überragen. Der Rothschild-Boulevard ist ein Ort der Gegensätze: Er ist historischer Kern und modernes Finanzzentrum Tel Avivs zugleich. Eine, die oft hierher kommt, ist Schula Wiedrich.

Ich bin schon 35 Jahre lang Stadtführerin. Dazu kam es, weil Tel Aviv fast so etwas wie meine große Liebe ist. Ich habe über Tel Aviv geschrieben, zur Geschichte geforscht. Ich liebe diese Stadt sogar so sehr, dass ich meine Tochter nach ihr benannt habe. Tel-Aviv Wiedrich. Ich bin sozusagen die Mutter Tel Avivs.

— Schula Wiedrich, Stadtführerin

Schula Wiedrich lächelt. Sie führt eine Gruppe auf den Spuren der israelischen Unabhängigkeit – auf dem Independence Trail. Der verbindet zehn historische Orte im Herzen Tel Avis. Auf kleinstem Raum ist dort der Gründungsmythos des modernen Staates Israel zu Hause:

Der Unabhängigkeitsweg zeigt die ersten Gebäude Tel Avivs, den historischen Kern also, wo zweifellos auch Ideen von Autonomie und Unabhängigkeit aufkamen. Die Menschen, die damals die ursprüngliche Ortschaft hier gegründet haben, wurden teils zu führenden politischen Köpfen. Sie haben das Wunder vollbracht, in der Wildnis die Grundsteine für eine moderne und demokratische Stadt, eine Gesellschaft und gar einen Staat zu legen.

— Schula Wiedrich, Stadtführerin

Ein in den Boden eingelassener goldener Streifen leitet Schula Wiedrich und ihre Gruppe von Schauplatz zu Schauplatz. An vielen würde man sonst wohl einfach vorbeischlendern. Station Nummer eins: der erste Kiosk Tel Avis. Oder zumindest der Platz, an dem er stand. Manchem gilt er als Symbol für den frühen Wunsch nach einem angenehmen Leben in einer modernen Stadt. Für Visionen und Ideale der Gründer, die zunächst unter osmanischer und dann unter britischer Herrschaft lebten. Tel Aviv, einst eine kleine Ortschaft in Sanddünen, trägt seinen Namen in Anlehnung an ein Buch des Gründungsvaters der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl. Herzl beschreibt darin eine fortschrittliche jüdische Gesellschaft.

1910 hat man den Namen der ersten Siedlung hier in „Altneuland“ geändert. Und wie übersetzt man das frei auf Hebräisch? „Tel“ steht für „alt“, richtig? Und wofür steht „Aviv“? Na für den Frühling, das Blühen und den Neubeginn. Der Name ist also eine Übersetzung von Herzls Buch. Doch es ist nicht nur eine Übersetzung. Tel Aviv ist die Erfüllung von Herzls Traum!

— Schula Wiedrich, Stadtführerin

Heute stehen Hochhäuser auf den Dünen von einst. Einen Blick zurück erlaubt der Unabhängigkeitsweg: Besucher können Tablets leihen oder eine kostenlose App herunterladen. Über sie lassen sich auch ohne Führung Animationen oder historische Fotos aufrufen. Riwi Kaufmann, die mit ihren Kindern gekommen ist, gefällt das Konzept. Sie sagt, sie lerne ihre Heimatstadt gerade neu kennen:

Ich genieße die Führung sehr. Ich habe extra meine Kinder mitgebracht. Wir wohnen in Tel Aviv. Daher ist es schön, die Stadt anders zu erleben. Den Kindern macht es Spaß. Und auch ich, eine 30-jährige, dreifache Mutter, habe viel Neues gelernt, um ehrlich zu sein. Wirklich sehr interessant.

— Riwi Kaufmann, Teilnehmerin der Stadtführung

Die Idee, den Unabhängigkeitsweg einzurichten, kam der Stadtverwaltung, weil viele Touristen und Israelis Tel Aviv eher für seine Strände, Bars, Clubs oder Kultureinrichtungen kennen. Zum 70. Staatsjubiläum soll ihnen der Unabhängigkeitsweg historische Orte und die Visionen von einst schmackhaft machen, sagt Stadtsprecherin Margaux Stelman. Ein bis zwei Stunden dauert der Rundgang.

Viele Touristen aus aller Welt kommen nach Tel Aviv. Sie fragen, was sie hier machen können. Welche großen Attraktionen es gibt. Ja und die haben wir eigentlich nicht. Aber wir haben eben viel zu erzählen: die Geschichte Israels, die Geschichte der Stadt und es gibt Baudenkmäler, die eben diese Geschichten erzählen können.

— Margaux Stelman, Stadtsprecherin

Ein Baudenkmal das diese Geschichte erzählen kann wie kein zweites, ist das Haus Dizengoffs. Meir Dizengoff war der erste Bürgermeister Tel Avivs. Nach dem Tod seiner Frau 1930 widmete er sein Haus um zu einem Kunstmuseum. Dizengoff war überzeugt davon, an der Gründung einer Nation mitzuwirken. Kunst und Kultur spielten in seinen Augen dabei eine zentrale Rolle. Sein Traum sollte aber erst nach seinem Tod Wirklichkeit werden. Immerhin jedoch in seinem eigenen Haus, berichtet Schula Wiedrich sichtlich stolz.

Hier ist alles geschehen. Am 14. Mai 1948 entschieden sich David Ben Gurion und die Provisionsregierung hier, den jüdischen Staat auszurufen.

— Schula Wiedrich, Stadtführerin

Heute erinnern Namensschilder und Mikrofone auf einem langen Tisch an den historischen Tag in der Geschichte Israels. Der Raum ist beinahe unverändert. An diesem Ort die Nationalhymne anzustimmen, gehört für Schula Wiedrich dazu. Dezent aber bestimmt ermutigt sie zum Aufstehen. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist in diesem Moment weit weg.

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Kommentare

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1 thought on “Auf den Spuren der Unabhängigkeit”

    gunther, Mittwoch, 22.08.18, 9:12 Uhr

    "Guterres will Schutz für Palästinenser" Will Guterres auch Schutz für Israelis vor Raketen und Terrordrachen und Terrtonnel durch die Hamas?

    „Guterres will Schutz für Palästinenser“

    Will Guterres auch Schutz für Israelis vor Raketen und Terrordrachen und Terrtonnel durch die Hamas?