Foto: IDF

Anspannung im Norden

Israels Armee übt für eine mögliche Konfrontation mit der Hisbollah im Libanon

Eine lange im Vorfeld geplante Truppenübung fällt nun in eine Zeit, in der Israel mit Sorge auf die derzeitigen Spannungen zwischen den USA und Iran blickt: Es könnte zu einem Stellvertreterkrieg an der Nordgrenze kommen.

Von Tim Assmann
Am 21.06.2019

Der große Transporthubschrauber landet nur kurz. Eine Spezialeinheit stürmt heraus, holt einen verletzten Soldaten. Dann hebt die Maschine wieder ab. Ort der Übung: Eine Wiese im Norden Israels – nicht weit von der libanesischen Grenze entfernt. Um das Nachbarland ging es auch fünf Tage lang im Großmanöver mit dem Namen „Frühe Ernte“, erklärt der israelische Armeesprecher Jonathan Conricus.

Nachgestellt wurde ein groß angelegter Kampfeinsatz im Libanon – in bewohntem Umfeld, gegen einen verschanzten, modern bewaffneten Gegner.

— Jonathan Conricus, Armeesprecher
Jonathan Conricus ist der Sprecher der israelischen Armee. Foto: dpa | picture alliance

Gemeint ist, auch wenn die Armee das offiziell nicht sagt, die libanesische Hisbollah-Miliz. Trainiert wurden unter anderem die Abwehr von groß angelegten Raketenangriffen und von Attacken aus Tunneln sowie der Häuserkampf – alles Szenarien, die bei einem Krieg Israels gegen die hochgerüstete Schiitenmiliz im Südlibanon wahrscheinlich erscheinen. Israels Regierungschef Netanjahu nutzte den Besuch bei der Militärübung um Feinde seines Landes zu warnen. Netanjahu wandte sich indirekt an die palästinensische Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon und pro-iranische Milizen in Syrien.

 

Ich bin beeindruckt von der Einsatzbereitschaft, dem Kampfgeist und vor allem von der Zerstörungskraft unserer Armee. Ich höre, unsere Nachbarn im Norden, Süden und Osten drohen, uns zu vernichten. Ich sage ihnen: Testet uns nicht.

— Premier Benjamin Netanjahu
Premier Netanjahu nutzte die Truppenübung, um Israels Feinde zu warnen. Foto: reuters

Das israelische Großmanöver war lange geplant, fand jetzt aber zu einem Zeitpunkt statt, zu dem die Sorge vor einer bevorstehenden Konfrontation vor allem mit der Hisbollah groß ist. Angesichts der wachsenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran fürchten israelische Politiker und Sicherheitsexperten einen Stellvertreterkrieg. Israel ist der engste US-Verbündete in der Region. Die Hisbollah wird vom Iran unterstützt. Der US-Diplomat Dan Shapiro war Botschafter seines Landes in Israel und ist nun Wissenschaftler an der Universität von Tel Aviv. Er sagt:

 

Es kann hier eskalieren. Israel will keinen Krieg gegen Hisbollah. Eigentlich möchte momentan noch niemand wirklich einen Krieg, ausgenommen vielleicht Teile des engen Umfelds des US-Präsidenten. Aber wenn jetzt nicht Überlegung und Vorsicht greifen, können wir schnell in einen Krieg stolpern.

— Dan Shapiro, ehemaliger US-Botschafter

Grundsätzlich steht die israelische Regierung weiter hinter der Iran-Politik der USA. Den Rückzug aus dem Nuklear-Abkommen und Washingtons Sanktionen gegen Teheran wünschte sich Israels Premier lange und findet beides nun weiterhin richtig. An einem Flächenbrand in der Region mit unkalkulierbaren Risiken für sein Land kann Benjamin Netanjahu, der außerdem vor Neuwahlen im September steht, aber kein Interesse haben. Israel habe die USA in die Konfrontation mit dem Iran hineingetrieben und sei nun in Gefahr, zum Ziel zu werden, kommentierte die israelische Tageszeitung Jediot Acharonot die aktuelle Lage. Der Kommentator warnte davor, den Iran zu unterschätzen. Die Führung in Teheran, so Jediot Acharonot, habe eine Strategie und sei bereit, zu kämpfen. Darin unterscheide sie sich von US-Präsident Trump. Über die möglichen Folgen einer Eskalation für Israel wird Regierungschef Netanjahu bald mit dem US-Sicherheitsberater Bolton sprechen. Er kommt am Sonntag zu Gesprächen nach Israel. Bolton gilt in der Iran-Frage als Hardliner.

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