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Am Limit

Seit Beginn der Krawalle an der Gazagrenze hat die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ ihre Kapazitäten verdreifacht

Das Gesundheitssystem im Gazastreifen war schon lange überlastet. Dann begannen im März die Ausschreitungen am Grenzzaun, rund 6000 Palästinenser sollen durch scharfe Munition verletzt worden sein. Die Ärzte stehen vor einer Herausforderung. 

Von Benjamin Hammer
Am 20.12.2018

In der Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ in Gaza-Stadt sitzen etwa 20 Männer auf Plastikstühlen und warten. Fast alle haben dicke Verbände an einem ihrer Beine, viele tragen Metallschienen. Die sind mit den Knochen verbunden – oder mit dem, was noch von den Knochen übrig geblieben ist. Ein Mann hat sein Bein unterhalb der Kniescheibe verloren. Fast 6000 Palästinenser wurden seit März von scharfer Munition israelischer Soldaten verletzt, so melden es palästinensische Behörden. Viele von ihnen wurden im Kniebereich getroffen. Seit Monaten kommt es am Grenzzaun zwischen Israel und dem Gazastreifen zu schweren Zusammenstößen. „Ärzte ohne Grenzen“ hat seine Kapazitäten verdreifacht.

Viele dieser Verletzungen sind sehr kompliziert. Die Knochen sind gebrochen, häufig in viele Teile zersplittert. Einfach gesagt: Da ist ein großes Loch im Bein. Diese Verletzungen zu behandeln, ist sehr schwierig und langwierig. Allein, damit die Wunde geschlossen und stabilisiert werden kann, müssen wir mehrfach operieren.

— Jacob Burns, Sprecher der Hilfsorganisation

Manche der Patienten bräuchten weitere, hochkomplizierte Operationen, sagt Jacob Burns. Damit der Knochen rekonstruiert wird. Das Problem: Das Gesundheitssystem im Gazastreifen war bereits vor dem Beginn der Ausschreitungen am Grenzzaun überlastet. Jetzt fehlen die Kapazitäten erst recht. „Die hohe Zahl der Menschen, die angeschossen wurden, die hohe Zahl der komplexen Verletzungen: Das würde wahrscheinlich sogar das Gesundheitssystem eines westeuropäischen Landes überfordern.“ Unter den Wartenden in der Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ in Gaza-Stadt ist auch Aschraf Mahedi, 22 Jahre alt und mit einer Schiene am Bein, die in den Knochen implantiert wurde.

Wir haben den Grenzzaun überwunden, in der Nähe von Nahal Oz. Das war vor zwei Monaten. Die israelischen Soldaten haben sofort auf uns geschossen. Ich habe erst gar nicht gemerkt, dass ich getroffen wurde. Ich fühle mich nicht gut, es gibt Komplikationen.

— Aschraf Mahedi, Patient 
Verletzung mit Komplikationen: Mittlerweile bereut Aschraf Mahedi, über den Grenzzaun auf israelisches Gebiet vorgedrungen zu sein: Dort wurde er von Soldaten beschossen. Foto: BR | Benjamin Hammer

Das Risiko von schwerwiegenden Infektionen ist groß. Ein paar Antibiotika-Pillen reichen dann bei Weitem nicht aus. Doch im Gazastreifen fehlt es sogar an Kapazitäten, die Infektionen überhaupt zu analysieren. „Die internationale Gemeinschaft muss ihre Anstrengungen erhöhen“, sagt Jacob Burns. Er fordert mehr Geld für das Gesundheitssystem in Gaza, auch, um die Knocheninfektionen zu stoppen. Seine Organisation will ihre Präsenz in Gaza weiter ausbauen. Die israelische Armee verteidigt den massiven Einsatz von scharfer Munition an der Grenze zum Gazastreifen. Die Terrororganisation Hamas, heißt es in einer Stellungnahme, missbrauche die Bewohner von Gaza auf zynische Art und Weise. Diese würden an den Grenzzaun geschickt, wo es Randale gebe und Terroranschläge. Die Armee sei entschlossen, Menschen daran zu hindern, nach Israel einzudringen und Israelis zu bedrohen. Aschraf Mahedi, der junge Palästinenser, der auf der israelischen Seite des Grenzzauns angeschossen wurde, hat Angst, sein Bein zu verlieren. Mittlerweile, sagt er, bereue er es, dass er zum Grenzzaun gelaufen sei.

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2 thoughts on “Am Limit”

    Mkchael K., Donnerstag, 20.12.18, 16:26 Uhr

    Tragisch und das hat schon lange die Grenze von Anständigkeit und Menschlichkeit überschritten. Daher ist es auch unverständlich, dass man Regierungskonsultationen abhält und das vom Treffpunkt nur we ...

    Tragisch und das hat schon lange die Grenze von Anständigkeit und Menschlichkeit überschritten. Daher ist es auch unverständlich, dass man Regierungskonsultationen abhält und das vom Treffpunkt nur wenige Kilometer stattfindende Desaster schlicht ignoriert. Schäuble kommt daher und will nicht predigen, sondern nur hören. Statt Probleme zu lösen, streicht man auch noch die Hilfsgelder an die Palästinenser, als hätten sie alle Freiheiten für eine aufstrebende Wirtschaft selbstverantwortlich sorgen zu können. Das sollte man doch gelernt haben, dass Anpartheidstaaten und Siedlerkolonialismus sich nicht um eine einheimische Bevölkerung kümmern. Wie kann die Politik (Deutschland, EU) einfach schweigen? Frieden kommt nicht von alleine. Wer sich dafür nicht einsetzt, trägt dazu bei menschliches Leid und Elend zu verursachen.

      PeterM, Freitag, 21.12.18, 9:54 Uhr

      Tragisch ist, dass eine Terrororganisation junge Menschen ins Verderben rennen lässt. Es ist völlig legitim dass ein Staat etwas dagegen hat, wenn gewaltbereite Terroristen die Grenze überschreiten. T ...

      Tragisch ist, dass eine Terrororganisation junge Menschen ins Verderben rennen lässt. Es ist völlig legitim dass ein Staat etwas dagegen hat, wenn gewaltbereite Terroristen die Grenze überschreiten.
      Tragisch ist, dass keiner von den Hamas Funktionären betroffen ist, die lieber in ihren SUV’s durch die Gegend fahren und die Menschen aufwiegeln.
      Wer hier der Hamas das Wort redet, ist entweder dumm, oder ideologisch verbohrt.