Foto: BR

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Als Iranerin in Israel

Die Erfahrung einer Annäherung

Kann man sein Herz an ein Land verlieren? Wenn man richtige Patrioten fragt, wahrscheinlich ja. Wenn man mich fragt, eher nicht. Ich wurde im Iran geboren, bin in Deutschland aufgewachsen, in zwei Kulturen, mit zwei Sprachen. Ich habe mich nie mit irgendeiner Flagge oder einem Pass identifiziert, sondern immer mit den Menschen, mit dem Leben […]

Von Studio Tel Aviv
Am 26.09.2016

Kann man sein Herz an ein Land verlieren? Wenn man richtige Patrioten fragt, wahrscheinlich ja. Wenn man mich fragt, eher nicht. Ich wurde im Iran geboren, bin in Deutschland aufgewachsen, in zwei Kulturen, mit zwei Sprachen. Ich habe mich nie mit irgendeiner Flagge oder einem Pass identifiziert, sondern immer mit den Menschen, mit dem Leben um mich herum.
Und doch habe ich mein Herz irgendwie verloren. Ausgerechnet an Israel. Das Land, das von meinem Geburtsland Iran nicht einmal als Staat anerkannt wird. Das Land, mit dem der Iran, wo meine gesamte Familie ihre Wurzeln hat, in tiefer Feindschaft verbunden ist, seit die Ayatollahs 1979 die Macht an sich rissen. Und dabei ein ganzes Volk als Geisel nahmen. Das Land, das von der religiösen Elite des Iran nur als Ausgeburt von Zionisten beschimpft wird. Das Land, das den Iran als größte Bedrohung seiner Sicherheit sieht.

„Die perfekte jüdische Schwiegertochter“

Als ich vor einem Jahr beschloss, nach Israel zu reisen, zum ersten Mal, da war es Neugier, die mich trieb. Eine Neugier, was denn besonders sein möge an diesem an Konflikten reichen Land, an dieser von Kriegen gebeutelten Region. Eine Gegend, die vollgepackter mit religiöser Bedeutung und Geschichte nicht sein könnte, für mich, in deren Leben keine Religion irgendeine Rolle spielt. Mitten in der Nacht kam ich am Flughafen an, raus kam ich erst wieder lang nach Sonnenaufgang. Natürlich wurde ich höflich, aber bestimmt aus der Schlange der Passkontrolle hinausgezogen – wie ich erwartet hatte. Deutscher Pass, Geburtsort „Teheran“. Was für eine Kombination. Eine Deutsche mit iranischen Wurzeln. Nach einer ausgiebigen Befragung stellte die Grenzbeamtin nüchtern fest: „Sie wären eine perfekte jüdische Schwiegertochter.“ Spätestens da wusste ich, dass das keine normale Reise werden würde.

Auf Stimmensuche in Israel. Foto: BR | Gilda Sahebi

Auf Stimmensuche in Israel. Foto: BR 

Deutsche oder Iranerin?

„Wenn Iraner aus Europa oder den Vereinigten Staaten nach Israel kommen, sagen sie mir, wie sehr sie alles hier an ihre Heimat erinnert: Die Gastfreundschaft der Menschen, die Gerüche, die Wärme, das Essen, ja sogar die Häuser.“ Das sagte mir Menashe Amir vor wenigen Wochen. Für das ARD-Studio Tel Aviv machte ich einen Filmbeitrag über iranische Juden in Israel. Ein Jahr nach meiner ersten Reise bin ich nach Israel zurückgekehrt. Diesmal als Volontärin des Bayerischen Rundfunks. Ich interviewte Menashe Amir – der iranisch-israelische Jude ist im Iran eine wahre Radiolegende. Seit mehr als fünfzig Jahren ist er für die Iraner die „Stimme Israels“, er versorgt die Zuhörer mit Nachrichten, was besonders seit 1979 wichtig ist, seit die Presse im Iran noch unfreier ist als zuvor. Menashe Amir drückte mit diesem einen Satz das aus, was ich während meiner ersten Reise in Israel erlebt hatte: Ein Gefühl der Vertrautheit.
Eines hatte ich schon während meiner ersten Reise gelernt: Hier bin ich nicht die Deutsche, sondern die Iranerin („Germany? You don’t look German!‘) Anfangs wollte ich mit meiner iranischen Herkunft kaum herausrücken (Iranerin – raus aus der Schlange) – aber so abschreckend mein Geburtsort an der Grenze war, so willkommen war er für alle anderen Israelis, die ich kennenlernte. Ein Taxifahrer machte mir sogar ganz spontan einen Heiratsantrag (und nahm ihn wieder zurück, als ich hinzufügte, dass ich aber keine Jüdin bin). Meine iranische Herkunft hat die Israelis, die ich kennenlernte, im schlechtesten Fall nicht interessiert. Bei allen anderen bin ich auf offene Herzen gestoßen.

Familie und Tupperschüsseln

Was mich mindestens genau so sehr überraschte: An jeder Ecke entdeckte ich Gemeinsamkeiten mit der iranischen Kultur. Schon die Bemerkung der israelischen Grenzbeamtin, ich sei die perfekte jüdische Schwiegertochter drückt die übertriebene Verehrung von akademischen Titeln aus, der Iraner mindestens so sehr verfallen sind. Dass Ärztin zu sein und dann auch noch Politologin! als Qualifikation für eine perfekte Schwiegertochter völlig ausreicht, würde eine iranische Grenzbeamtin ganz genauso unterschreiben. Überhaupt, Familie: Ich kenne es nur von Iranern, dass junge Menschen eine solch enge Verbindung zu ihrer Familie haben. In Deutschland werde ich komisch angeguckt, wenn ich sage, dass ich jeden Tag mit meinen Eltern telefoniere. Hier werde ich komisch angeguckt, wenn ich sage, dass ich nur alle paar Wochen oder Monate nach Hause fahre. Israelische Mütter verpacken ihre Zuneigung außerdem genauso in Essen wie es iranische Mütter tun. In den Kühlschränken meiner Freunde hier in Israel stapeln sich die Tupperschüsseln von zu Hause.

Interview in einem persischen Restaurant in Tel Aviv. Foto: BR

Interview in einem persischen Restaurant in Tel Aviv. Foto: BR

Vielleicht sind das auch nur oberflächliche Dinge. Die Menschen beider Länder fühlen sich von der Welt missverstanden. Zeitungsartikel, Nachrichtenbeiträge, Debatten – der Komplexität der Gesellschaft, der israelischen wie der iranischen, können weder Worte noch Bilder gerecht werden. Vielleicht ist das ein Teil dessen, was sie miteinander verbindet. Auch deswegen war es mir ein Herzensanliegen, den Spuren iranischstämmiger Juden nachzugehen, derer es in Israel viele gibt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben mehr als 100.000 Juden die sogenannte Aliyah gemacht. Sie sind also aus der jüdischen Diaspora im Iran nach Israel eingewandert. Im Leben der iranischen Israelis ist die iranische Kultur mit israelischen und jüdischen Traditionen verschmolzen. Was auch immer der Grund ist, dass ich als Iranerin in Israel mit offenen Armen aufgenommen wurde – es lässt mich hoffen, dass sich die Menschen dieser beiden Länder auch in Zukunft vom Hass, der zwischen den Regierungen herrscht, nicht werden anstecken lassen.

Der Konflikt bleibt                                                                                                                                                        

Nichts liegt mir ferner als durch meine eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen die Konflikte, die in Israel herrschen, kleinzureden oder gar zu relativieren. Natürlich nimmt nichts von dem, was mir hier widerfahren ist, dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern die Tragik oder den Schmerz. Wenn man in Israel ist, ist dieser Konflikt allgegenwärtig, selbst dann, wenn er nicht sichtbar ist. Die Bericherstattung über Krieg, Besatzung und Leid ist unentbehrlich und wichtig. Und wird, auch vom ARD-Studio hier in Israel, tagtäglich geleistet. Als Volontärin, die nur kurzzeitig hier war, hatte ich das Privileg, Geschichten erzählen zu dürfen, die es nicht in die tägliche Berichterstattung schaffen. Wie meine eigene. Oder die vom iranischen Radiomoderator. Oder die vom Frauenchor, in dem Muslima, Jüdinnen und Christinnen gemeinsam singen und damit der Gewalt um sie herum trotzen. Ich verlasse Israel mit dem Gefühl, dass es noch viele Geschichten zu erzählen gibt.

Ein Beitrag von ARD-Mitarbeiterin Gilda Sahebi