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1,5 Millionen in 100 Tagen

Eine neue israelische Studie zeigt, wie unvorstellbar schnell die Nazis mordeten

Im Jahr 1942 läuft die „Aktion Reinhardt“ der Nazis auf Hochtouren: Alle Juden im besetzten Polen sollen ermordet werden. Laut der Studie von Lewi Stone starben zwischen Juli und November 1942 fast 1,5 Millionen Juden.

Von Benjamin Hammer
Am 08.01.2019

Das Vernichtungslager Belzec in Polen überlebte fast niemand. In manchen Quellen steht, dass es nur zwei Überlebende gab. Rudolf Reder war einer von ihnen. Der Jude schrieb ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf, was er erlebt und gesehen hatte. Und er erinnerte sich an jenen Zeitraum, in dem in Belzec unvorstellbar viele Menschen ermordet wurden.

Im September, Oktober und im November 1942 sah ich jeden Tag einen sogenannten Transport eintreffen. In dieser Zeit starben die meisten Juden. 50 Waggons, in jedem Waggon 100 Gefangene. Am Abend kam erneut ein solcher Transport. In 24 Stunden wurden mindestens 10.000 Opfer ermordet. An sieben Tagen pro Woche.

— Rudolf Reder, Holocaust-Überlebender

Der israelische Wissenschaftler Lewi Stone hat das Grauen von 1942 quantifiziert – nach eigenen Angaben so systematisch und präzise wie nie. Der mathematische Biologe der Universität von Tel Aviv zeigt in seiner neuen Studie, wie unvorstellbar schnell die Nationalsozialisten im Jahr 1942 Juden ermordeten. Demnach wurden in nur 100 Tagen zwischen Juli und November 1942 fast 1,5 Millionen Juden getötet, ein Viertel aller jüdischen Opfer des Holocaust. Für seine Analyse nutzte Lewi Stone bereits vorliegende Daten eines israelischen Historikers. Der hatte minutiös Aufzeichnungen der Nationalsozialisten über Deportationszüge gesucht.

Ich habe lange gezögert, mir die Daten genauer anzuschauen. Es geht um menschliche Leben. Das sind gewissermaßen heilige Daten. Aber ich wusste auch: Wenn der Historiker Yitzchak Arad all diese Daten gesammelt hat, wäre es schade, die Daten nicht voranzubringen. Und dann war es so, als sprächen die Zahlen zu mir. Und als ich die ersten Ergebnisse sah, war ich schockiert von manchen Dingen, die ich sah.

— Lewi Stone, mathematischer Biologe
Ziel der "Aktion Reinhardt" war es, alle Juden im besetzten Polen zu ermorden. Laut der Studie starben sie vor allem in den Vernichtungslagern von Treblinka, Sobibor, Belzec und Auschwitz. Foto: dpa | picture alliance

Im Jahr 1942 läuft die sogenannte Aktion Reinhardt der Nationalsozialisten auf Hochtouren. Das Ziel: Alle Juden im besetzten Polen sollen ermordet werden. Laut der Studie von Lewi Stone starben sie vor allem in den Vernichtungslagern von Treblinka, Sobibor, Belzec und Auschwitz. Andere wurden von den Einsatzgruppen erschossen. Stone schreibt in seiner Studie von „hyperintensivem Töten.“ In bestimmten Zeiträumen zeigten die Daten Ausschläge, die etwa zehnmal höher seien, als bisher angenommen wurde.

Das war eine unvorstellbar hohe Zahl von Tötungen in einem unvorstellbar kurzen Zeitraum.

— Lewi Stone, mathematischer Biologe

Die neue Studie erschien im Fachblatt Science Advances. Vertreter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem äußerten sich eher zurückhaltend zu den Erkenntnissen von Lewi Stone. Die hohe Rate von Morden an europäischen Juden im genannten Zeitraum sei seit Jahren bekannt. Die Studie rechtfertige jedoch neue Untersuchungen. Lewi Stone, selbst Jude, sagt, dass die Studie sein Leben verändert habe. Er habe es als seine Pflicht empfunden, die bereits vorliegenden Daten zu analysieren. Eine Erkenntnis des Wissenschaftlers: Im Jahr 1942 wurde so schnell gemordet, dass sich kein großer Widerstand gegen die Nazis formieren konnte: „Die Ereignisse waren gewissermaßen vorbei, bevor sie richtig begannen. Drei Monate sind keine lange Zeit.“ Die Studie zeigt, dass sich das Morden der Nationalsozialisten ab Ende 1942 vorerst verlangsamte. Der Grund: Es lebten kaum noch Juden im besetzten Polen. 90 Prozent der polnischen Juden wurden im Holocaust ermordet.

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2 thoughts on “1,5 Millionen in 100 Tagen”

    Michael K., Donnerstag, 10.01.19, 0:31 Uhr

    Es ist unvorstellbar was da geschehen ist. Aber es war Menschenwerk, Warum beschäftigt man sich nicht mehr mit der Frage wie so etwas passieren konnte.Die wenigsten Menschen würden als Einzelne sich a ...

    Es ist unvorstellbar was da geschehen ist. Aber es war Menschenwerk, Warum beschäftigt man sich nicht mehr mit der Frage wie so etwas passieren konnte.Die wenigsten Menschen würden als Einzelne sich auf den Weg machen um ohne Motiv losmorden zu wollen. Doch wenn die Umstände dafür widerstandslos geschaffen werden, wenn Menschen sich in einem System gefangen sehen dem sie nicht entrinnen können, dann hört der Mensch auf Mensch zu sein? Dann werden alle einfach zu Mittätern, Komplizen die sich einer menschenfeindlichen Moral unterordnen, die anderen Menschen Leid bringt aber das eigene Leben bewahren hilft? Man müsste doch viel mehr darüber nachdenken, wie man aus der Vergangenheit lernen kann, wie man Gleiches oder Ähnliches vermeiden kann. Nach 1945 hat man versucht ein internationales Wertesystem zu institutionalisieren. Statt es zu stärken, sind Kräfte am Werk die es schwächen wollen, die sich nur um ihre eigenen vier Wände kümmern und somit mögliche Wegbereiter neuer Barbarei sind.

      PeterM, Freitag, 18.01.19, 12:17 Uhr

      Michael K, möchte Sie für den Beitrag mal loben; habe beim lesen darauf gewartet, dass Sie eine Parallele zu dem Leid der Palästinenser ziehen; ist aber ausgeblieben. Finde ich gut, dass Sie das Leid ...

      Michael K, möchte Sie für den Beitrag mal loben; habe beim lesen darauf gewartet, dass Sie eine Parallele zu dem Leid der Palästinenser ziehen; ist aber ausgeblieben.
      Finde ich gut, dass Sie das Leid der Juden (es gab ja noch viel mehr Gruppen, die dieses Leid erfahren haben) für sich stehen lassen und keine Vergleiche anstellen. Das Leid unter der Nazidiktatur sollte man meiner Meinung nach, für sich stehen lassen.